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  • Diskussion mit Jörg Meuthen in Gymnasium

AfD-Chef spielt nur eine Nebenrolle

Die Umstände des Auftritts von Jörg Meuthen im Von-Saldern-Gymnasium in Brandenburg waren lehrreich

  • Lesedauer: 5 Min.

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Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage. So lautet der korrekte Titel des Von-Saldern-Gymnasiums in Brandenburg/Havel. Aber vor dem altehrwürdigen Gebäude an der Franz-Ziegler-Straße hat sich am Mittwoch die Linksjugend solid mit einem Infostand platziert, und auf einem Transparent daneben ist zu lesen: »Schule mit Rassisten, Schulleitung ohne Courage«. Schulleiter Thomas Preuß ist sauer. Die Schule erstattet Anzeige. Zwei Polizisten lassen sich blicken. Aber abgesehen von dieser Sache gibt es keine Zwischenfälle.

Es sind etliche Politiker da, wie immer zum Europatag am 9. Mai. Aber mit Jörg Meuthen ist nun erstmals einer von der AfD dabei, und dann gleich noch der Bundesvorsitzende. Die Einladung - auf die Idee kamen Schüler im Politikunterricht - hat im Vorfeld für Wirbel gesorgt. Das hat die Bildungsstätte drei Wochen lang in Atem gehalten. Dabei hat es Derartiges anderswo bereits gegeben. Nur ein Beispiel: Im September 2017, kurz vor der Bundestagswahl, bekamen die Direktkandidaten im Wahlkreis 58 im privaten Neuen Gymnasium in Glienicke/Nordbahn (Landkreis Oberhavel) je ein Klassenzimmer zugewiesen. Die Schüler durften Fragen stellen. Auch der AfD-Kandidat war dort. Außerhalb der Schule hat das kaum jemand mitbekommen.

Anders in Brandenburg/Havel. Hier haben ein paar Schüler Journalisten informiert, um die Ausladung von Jörg Meuthen zu erzwingen. Das haben sie zwar nicht erreicht. Aber nun sind am Mittwochnachmittag Presse, Funk und Fernsehen da, um über die Diskussion zu berichten, bei der Meuthen im Raum 2.6 ganz am rechten Rand sitzt. 17,3 Prozent erzielte die AfD bei der Bundestagswahl 2017 in Brandenburg/Havel. Das klingt viel. Aber schlechter schnitt sie im Land Brandenburg nur in Potsdam und in Potsdam-Mittelmark ab.

Bestätigt sich die Sorge der Kritiker, dass jugendliche Moderatoren wie Richard Nebel und Jessica Hochwald den AfD-Chef nicht zügeln können, dass Meuthen rassistisch ausfällig wird? Das ist die Frage. Nebel betont zu Beginn, dass es hier um Information gehen solle und nicht darum, Partei zu ergreifen. Bei neun Personen auf dem Podium, darunter sechs Berufspolitiker, ergibt sich fast von selbst, dass Meuthen nicht sonderlich viel Redezeit bekommt. Nur ein paar Minuten sind es. Er steht anders als befürchtet nicht im Mittelpunkt, wird nur vier Mal zum Sprechen aufgefordert und meldet sich außerdem noch einmal ungebeten. Er nutzt die paar Sätze, die er sagt, allerdings geschickt und lässt sich nicht etwa einfach vorführen. So beteuert er, seine AfD sei überhaupt nicht EU-feindlich, und er persönlich würde im Falle eines Referendums gegen einen Austritt Deutschlands aus der Europäischen Union stimmen. Eine Schülerin lässt ihm das freilich nicht so durchgehen und erinnert daran, dass andere AfD-Politiker da etwas ganz anderes erzählt haben.

Deutlich mehr als Meuthen - gefühlt 60 von insgesamt rund 100 Minuten Diskussion - spricht die Bundestagsabgeordnete Anke Domscheit-Berg (LINKE). Sie bekommt die meisten Fragen, und sie mischt sich ein, wenn ihr etwas gegen den Strich geht. 40 Flüchtlinge hat sie über die vergangenen Jahre in ihrem Haus in Fürstenberg/Havel aufgenommen und deren Sorgen hautnah miterlebt. Wenn sie die Fakten nennt, kommen dabei Emotionen hoch: Flüchtlinge ertrinken im Mittelmeer. Domscheit-Bergs Vorstellung sicherer Grenzen ist nicht, dass dort »20 000 Menschen verrecken«. Sie soll auf ihren Ton achten, wird sie ermahnt, und beschwert sich deswegen: »Sterben kann man nicht schönreden.« Keinesfalls kleinreden will sie die 327 Toten an der Berliner Mauer und an der Grenze der DDR zur Bundesrepublik. Aber jeder dieser Toten sei damals eine Meldung wert gewesen, während die Toten im Mittelmeer kaum noch Beachtung fänden.

Die Bundestagsabgeordnete Linda Teuteberg (FDP) äußert prompt Empörung über den Vergleich, verheddert sich aber, als sie behauptet, DDR-Bürger hätten als Deutsche ein Recht zur Flucht in die Bundesrepublik gehabt, während die Flüchtlinge so ein Recht nicht hätten. Domscheit-Berg kontert: Doch, das Asylrecht.

Meuthen analysiert kühl die Möglichkeiten. Die eine Variante: »Weil Australien keinen mehr reinlässt, ertrinkt auch keiner mehr vor der Küste.« Die andere Variante: »Wir lassen alle rein.« Das wolle die LINKE, was aber nicht dazu führe, »dass wir Afrika helfen, sondern dass wir Afrika werden«. Da kann Domscheit-Berg wieder nicht an sich halten. Sie gibt dem AfD-Chef Nachhilfe, erinnert ihn an Schulwissen: Afrika, die Wiege der Menschheit! »Wir haben alle afrikanisches Blut in uns und sollten nicht so viel Angst davor haben.«

So geht es hin und her. Es könnte eine der Fernsehsendungen sein, in denen Politiker miteinander streiten. Dass es nicht in einem Fernsehstudio geschieht, sondern in einem Gymnasium, fällt nicht weiter auf, da Schüler Richard Nebel einem Fernsehmoderator kaum nachsteht. Er ist nicht nur elegant gekleidet. Er formuliert auch elegant und leitet das Gespräch souverän. Wenn nötig, schneidet er Politikern das Wort ab und gibt weiteren Fragen von Schülern den Vorzug. Und das ist dann das Besondere, dass hier 100 Minuten ganz praktische politische Bildung zu erleben sind. Und was passieren kann, wenn man die AfD einlädt, haben die Schüler alle gleich noch mit gelernt, ob sie nun dafür waren oder dagegen. Um 15.30 Uhr hat die Linksjugend solid draußen ihren Infostand abgebaut. Das Transparent »Schule mit Rassisten« hängt nicht mehr dort. Jörg Meuten ist auch weg. Vorher ließen sich einzelne Schüler aber noch strahlend mit ihm fotografieren.

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