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  • Roman «Die Tagesordnung»

Wie Machenschaften triumphieren

Éric Vuillards Roman «Die Tagesordnung» über Hitlers Machtergreifung

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 5 Min.

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Offenbar steht das, was uns widerfährt, manchmal schon in einer mehrere Monate alten Zeitung; wie ein böser Traum, den man bereits erlebt hat.« - Ach was, diese Zeitung könnte sogar viel älter sein. Der beklemmende Gedanke bei der Lektüre dieses Buches: Kriege und Umstürze haben Nutznießer, die sich zu verbergen wissen und denen es immer wieder gelingt, Geschichte nach ihren Interessen zu deuten.

Dass der französische Schriftsteller Éric Vuillard, 1968 in Lyon geboren, für diesen schmalen Band im November 2017 den Prix Goncourt erhielt, ist ein Beweis seiner Kunst. Es deutet aber auch auf ein verbreitetes krisenhaftes Zeitgefühl. Stärker als frühere Generationen mit den verschiedensten Informationen und Meinungen überschüttet, sind wir zunehmend von Misstrauen erfüllt. Zu Recht, denn die Methoden der politischen Propaganda, die es schon jahrhundertelang gibt - bereits 1790 formierte sich in Paris ein »Club de propagande« als Geheimgesellschaft der Jakobiner - sind immer ausgeklügelter geworden und immer schwieriger zu durchschauen.

»Am 15. März fand sich auf dem Heldenplatz vor der Hofburg … die arme, hintergangene, gebeutelte, aber letzten Endes willige österreichische Menge zum Jubeln ein … Dort, auf dem Balkon des Sisi-Palasts: Hitler. Mit einer furchtbar fremden, dramatischen und beunruhigenden Stimme endet seine Rede in einem heiseren, unerquicklichen Schrei … Hier brüllt die Menge, sie ist zahllos. Soeben hat der Führer auf dem Balkon den Anschluss verkündet. Der Jubel ist so einhellig, so mächtig, so überbordend, dass man sich fragen kann, ob es nicht immer dieselbe Menge ist, dieselbe Tonspur, die man damals in den Wochenschauen zu hören bekam … In einem bestürzenden Fluch haben sich die Filme von damals in unsere Erinnerungen verwandelt …«

Den Jubel gab es, aber es häuften sich in diesen Tagen auch die Selbstmorde. Und der Anschluss Österreichs ging zudem überhaupt nicht so reibungslos vonstatten wie geplant. Was nicht an etwaigem Widerstand lag, sondern am Versagen der Nazi-Militärmaschinerie. Liegengebliebene Panzer blockierten die Straße, so dass der »Führer« mit seinem Automobil kaum daran vorbeikam. Aber die »Tagesordnung«, lange schon geplant, wird durchgezogen.

Éric Vuillard habe mit seinen Büchern ein eigenes Genre begründet, sagt der Verlag. Er hat kurze Momente der Geschichte recherchiert und erzählt davon auf mitreißende Weise. »Die Tagesordnung« beginnt mit dem berüchtigten Geheimtreffen am 20. Februar 1933, als Adolf Hitler in Vorbereitung auf die Reichstagswahlen vom 5. März 1933 im Reichstagspräsidentenpalais mit hochrangigen Vertretern der deutschen Industrie zusammentraf und ihnen erklärte, dass die NSDAP die einzige Rettung vor der »kommunistischen Gefahr« sei. Göring wies darauf hin, dass die Kassen der NSDAP leer seien. »Die Mehrheit der Gäste zahlt umgehend etliche hunderttausend Reichsmark. Gustav Krupp spendete eine Million …«

Ein Pakt wurde geschlossen, was später tunlichst unter den Teppich gekehrt wurde. Wie die NS-Diktatur in einer krisenhaften Situation den Interessen des deutschen Großkapitals entgegenkam - in dieser Szene wird es einem vor Augen geführt. BASF, Bayer, Agfa, Opel, IG Farben, Siemens, Allianz, Telefunken - »sie alle sollten das Regime überleben und mit ihren jeweiligen Erträgen noch weitere Parteien finanzieren«, schreibt Vuillard. »Sie sind unsere Autos, unsere Waschmaschinen, unsere Reinigungsmittel, unsere Radiowecker, unsere Hausversicherung und die Batterie in unserer Uhr.«

Im letzten Kapitel ist zu lesen, wie sich die »Wahlkampfspenden« an die NSDAP für die damals anwesenden Herren im Einzelnen rentierten. »In absehbarer Zeit werden alle statt des Goldenen Parteiabzeichens stolz das Bundesverdienstkreuz tragen … Es sind keine vorsintflutlichen Monster … Ihre Namen gibt es noch immer. Ihre Vermögen sind unermesslich …«

Also zeigt uns das Bild auf dem Umschlag des Buches nicht Adolf Hitler, wie es bei Texten über die NS-Zeit gern geschieht, weil dieser angeblich Verrückte nach verbreiteter Meinung an allem schuld war. Hier tritt uns, in feinem Zwirn, sehr respektabel und gesetzt, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach entgegen, Vorsitzender des Präsidiums des Reichsverbandes der Deutschen Industrie. Später hat er auf der Liste der Angeklagten im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess gestanden. Aus Krankheitsgründen wurde ihm das Verfahren erspart. Sein Sohn Alfried wurde 1948 zu zehn Jahren Haft verurteilt, allerdings 1952 begnadigt. Das Vermögen der Krupp-AG blieb in der BRD unangetastet, wie überhaupt all jener Unternehmen, die aus Kriegsverbrechen ihre Gewinne gezogen hatten.

Es ist dies, obwohl genau recherchiert, nicht das Werk eines Historikers, sondern eines leidenschaftlichen Schriftstellers. Sprachmächtig - oft in sarkastischem Ton und in filmisch inspirierten Sequenzen - führt Éric Vuillard uns Situationen vor Augen, die wohl in der Vergangenheit zu verorten sind, aber so viel Allgemeingültiges, Wiederholbares bergen, dass es schaudern macht. Wie Machenschaften triumphieren, wie Methoden der Täuschung und Erpressung zum Ziel führen, wenn die eine Seite ohne Skrupel ist und die andere Lethargie und Feigheit nicht überwinden kann!

Man erlebt, wie Hitler auf demütigende Weise den österreichischen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg über den Tisch zog, wie der deutsche Außenminister Joachim von Ribbentrop es mit noblen Manieren erreichte, dass der britische Premierminister Neville Chamberlain nicht sofort auf die Nachricht vom Einmarsch deutscher Truppen in Österreich reagieren konnte - und wie derweil im Hollywood Custom Palace, dem großen Requisitenlager der Filmindustrie, der Jude Günther Stern SA-Stiefel polierte.

»Lange vor der Schlacht um Stalingrad, lange, bevor das Unternehmen Barbarossa geplant, durchdacht und beschlossen war, vor dem Frankreichfeldzug, ja, noch bevor die Deutschen ihn überhaupt ins Auge gefasst hatten, herrschte in den Regalen des Spektakels schon Krieg … Die große amerikanische Maschinerie ... sollte ihn in ein Einkommen ummünzen. In ein Thema. Ein gutes Geschäft …. Während der Führer noch seinen Angriff auf Frankreich vorbereitete, während sein Generalstab abermals Schlieffens alte Formel wiederkäute und seine Mechaniker ihre Panzer reparierten, hatte Hollywood bereits all ihre Kostüme in die Regale der Vergangenheit geräumt.«

Éric Vuillard: Die Tagesordnung. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Matthes & Seitz, 118 S., geb., 18 €.

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