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  • Ausbeutung von philippinischen Migranten in Kuwait

Dauerhafte »Exportsperre«

Ein Mordfall an einer Hausangestellten belastet das Verhältnis zwischen Kuwait und Philippinen

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Der Tod einer jungen Haushaltshilfe in Kuwait hat die Debatte um die Sicherheit philippinischer Arbeitsmigranten im Golfemirat neu entfacht.
Der Tod einer jungen Haushaltshilfe in Kuwait hat die Debatte um die Sicherheit philippinischer Arbeitsmigranten im Golfemirat neu entfacht.

Zehn Millionen Filipinos, jeder zehnte Bürger, arbeiten im Ausland. Zwei Millionen davon in den Golfstaaten, nach amtlichen Angaben der zuständigen Behörden eine Viertelmillion allein in Kuwait, davon wiederum 165 000 Haushaltshilfen. Das kleine Emirat am Persischen Golf mag selten in den Schlagzeilen erscheinen. Gemessen am durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen handelt es sich immerhin um das viertreichste Land der Erde, nur das unweit gelegene Katar bringt es in der Region auf noch höhere Werte. Der Wohlstand allerdings betrifft in erster Linie die einheimische Oberschicht. Wie es den vielen ausländischen Beschäftigten geht, die in deren Diensten stehen, den Reichtum ihrer Arbeitgeber direkt oder indirekt sichern und mehren, steht auf einem ganz anderen Blatt. Zwar sind die Verdienste im Vergleich zu den dürftigen Einkommen in der Heimat durchaus solide. Millionen Familien auf den Philippinen sind auf die Heimatüberweisungen ihrer Angehörigen angewiesen, die meist schwer zu schuften haben, um in der Ferne ihren Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen oder die Mahlzeiten auf dem Tisch zu finanzieren.

Auch Joanna Demafelis, deren Leiche kürzlich in Kuwait in einem Gefrierfach gefunden wurde, hatte die Möglichkeit ergriffen, wenigstens 400 US-Dollar Monatslohn als Haushaltshilfe zu erhalten - statt ein Zehntel dieses Betrages daheim. 2013 bewarb sie sich bei einer Vermittlungsagentur, fand im Folgejahr eine Anstellung. 2016 brach die Kommunikation mit ihrer Familie ab, der mutmaßliche Zeitpunkt ihres Todes. Ihre Angehörigen waren zutiefst beunruhigt, doch unter anderem durch den Umstand, dass ihre Vermittlungsfirma inzwischen pleite war und sie selbst den Arbeitgeber gewechselt hatte, erschwerte die Nachforschungen der Behörden. Eher zufällig stieß man schließlich im Frühjahr auf die sterblichen Überreste der 26-Jährigen. Am 3. März wurde sie in ihrer Heimatstadt Sara, Provinz Iloilo, zur letzten Ruhe gebettet. Hunderte nahmen an der Trauerfeier teil, darunter Prominenz wie Arbeitsminister Silvestre Bello III. Die mutmaßlich für ihren Tod Verantwortlichen wurden inzwischen in Libanon festgenommen. Es handelt sich um die letzten Arbeitgeber der jungen Frau, den libanesischstämmigen Nader Essam Assa und seine syrische Ehefrau Mona Hassoun.

Der Fall Demafelis, in dessen Zusammenhang Philippinens Präsident Rodrigo Duterte von einer »nationalen Schande« sprach, ist nur die Spitze des Eisberges. Allein 16 Todesfälle sind für das Vorjahr in den offiziellen Statistiken vermerkt. Dieser neuerliche Todesfall hat jedoch die Debatte frisch entfacht, ob die Behörden genug zum Schutz der im Ausland tätigen Landsleute, im Fachjargon OFW genannt (Overseas Working Filipinos), tun.

Zwar gibt es auf dem Papier entsprechende gesetzliche Vorschriften. In der Praxis fühlen sich die Betroffenen bei Misshandlungen aber oft allein gelassen. Im schlimmsten Fall ist es ein modernes Sklavendasein, Tausende Kilometer von der Heimat entfernt. Begünstigt werden solche Beschäftigungsverhältnisse bereits durch die rechtlichen Rahmenbedingungen. Meist werden die Verträge in den Golfstaaten auf Basis des traditionellen Kafala-Systems geschlossen, bei dem der oder die Arbeitsuchende einen »Sponsor« im Gastland braucht. Das kann eine Firma, aber auch eine Familie sein. Diese hat nahezu komplette Kontrolle. So dürfen Haushaltshilfen oftmals ohne Genehmigung nicht einmal das Haus verlassen. Unter solchen Bedingungen in Notsituationen um Hilfe zu bitten, ist denkbar schwierig.

Nach dem Fall Demafelis sorgte die öffentliche Empörung dafür, mehr Druck auf die philippinischen Behörden auszuüben. Mehrfach half das Botschaftspersonal in Kuwait City seither Haushaltshilfen dabei, ihren Peinigern zu entkommen. Die Diplomaten holten sie mit Autos ab und brachten sie in Sicherheit.

Das Vorgehen löste eine Krise im bilateralen Verhältnis aus, warf das Golfemirat den Philippinen doch Eingriffe in seine Souveränitätsrechte vor. Botschafter Renato Villa wurde zur Persona non grata erklärt und eine einwöchige Frist zur Ausreise verhängt. Seit wenigen Tagen ist er wieder in der Heimat. Kuwaits eigener Chefdiplomat in Manila wiederum wurde zu »Konsultationen« heimbeordert. Philippinens Präsident Duterte hat nun seinen Berater Abdullah Mama-o zum Sonderemissär für Kuwait ernannt. Schon vor seiner offiziellen Ernennung hatte der Sondergesandte im Golfemirat Gespräche geführt. Duterte ließ vor Medienvertretern keinen Zweifel daran aufkommen, am liebsten alle noch etwa 260 000 Filipinos aus Kuwait heimholen zu wollen - ungeachtet der immensen Kosten, die das bedeuten würde. Neue Arbeitserlaubnisse für das Golfemirat werden in Manila nach einem zunächst temporären Bann nun dauerhaft nicht mehr ausgestellt. Duterte kalkuliert in seiner harschen Reaktion auch ökonomische Verwerfungen ein: 2017 hatten die Filipinos aus Kuwait stolze 735 Millionen Dollar in die Heimat überwiesen, die Summe aus allen Ländern der Region lag bei 7,5 Milliarden.

Seit den 70er Jahren ziehen Filipinos zum Arbeiten in die Golfstaaten. Ein neues Rahmenabkommen mit Kuwait, das die Sicherheitsstandards für die migrantischen Arbeitskräfte erhöhen soll, war bereits vor drei Jahren ausgehandelt, von Kuwait aber bisher nicht unterzeichnet worden. Eine für den 7. Mai geplante Unterschriftszeremonie, an der hochrangige Vertreter der Philippinen teilnehmen sollten, wurde von Manila kurzfristig abgesagt.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch sieht den kompletten Bann durch die philippinische Seite kritisch. Sie fürchtet, dass die Streichung offizieller Arbeitsvisa mehr Menschen auf illegale Wege treibe. Manila solle stattdessen mit Kuwait weiter an den Schutzstandards arbeiten, so die Organisation. Dadurch hat es seit 20015/16 bereits einige Verbesserungen gegeben, wie die Organisation dem Golfemirat zugesteht. So dürfen Arbeitsmigranten inzwischen anders als früher auch ohne Zustimmung des aktuellen Arbeitgebers den Job wechseln. Davon sind Haushaltshilfen allerdings ausgenommen. Doch auch für sie gab es in den letzten Jahren Fortschritte: Ihre Arbeitstage dürfen nun nicht länger als zwölf Stunden dauern, ihnen stehen 30 bezahlte Urlaubstage pro Jahr und bezahlte Überstunden zu. Seit kurzem ist ein Mindestlohn von umgerechnet 200 Dollar Vorschrift - das alles freilich nur auf dem Papier. Human Rights Watch kommt in seinem Jahresbericht 2017 zu dem Schluss, dass Haushaltshilfen es »noch schwerer als andere Arbeitsmigranten« haben, ihre Rechte durchzusetzen.

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