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  • »Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon

Das Kreuz mit der Herkunft

Thomas Ostermeier inszenierte an der Berliner Schaubühne »Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon

  • Von Gunnar Decker
  • Lesedauer: 6 Min.

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Wo sind wir hier? Im Parlament, im Gerichtssaal oder einem altenglischen Theater? Die in die funktionale Architektur der Berliner Schaubühne hineingebauten engen Ränge wecken derartige Assoziationen. Aber die Anmutung täuscht: Dies ist ein Studio, in dem eine Schauspielerin den autobiographischen Roman »Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon ins Mikrophon spricht, wobei über ihrem Kopf merkwürdige Bildsequenzen aus dem Frankreich der 50er Jahre und von heute laufen.

Hier wird offensichtlich am Film eines Regisseurs gearbeitet, der sich viel vorgenommen hat - multimediale Form, autobiographische Spurensuche, theoretische Welterklärungsmuster. Ein potenzierter Autorenfilm, der versucht, Bilder und Worte in einen durch wechselnde Zeiten sinnvollen Zusammenhang zu bringen?

Wir also sind die Zuschauer in dieser Studioszenerie, mehr als zwei Stunden lang. Drei Personen vorn unter sich - und eine Vielzahl auseinanderlaufender Erzählstränge, das ist der Abend in der Regie von Thomas Ostermeier.

Die den Text einlesende Schauspielerin (Nina Hoss) steht in der Mitte der Bühne an einem Sprechpult mit Mikrophon und ist sichtlich bemüht, den Sinn der gespensterhaften Unternehmung nicht aus den Augen zu verlieren. Der bei jeder Nachfrage von ihr - oh je, diese mitdenkenden und dabei die Abläufe ausbremsenden Schauspieler! - mühsam seine Gereiztheit niederkämpfende Regisseur (Sebastian Schwarz) und ein englischsprachiger Techniker, den die ganze Angelegenheit ohnehin nicht interessiert (Studiozeit ist Geld!), sitzen in ihrem Regie-Glaskasten, an dem immer mal wieder »Ruhe« und »Aufnahme« aufleuchtet. Auch an dem Stehpult von Nina Hoss wechselt ein rotes mit einem grünen Licht. Sehr bemüht, geradezu betulich, wird diese Szenerie hier ausgemalt: Mal betritt sie den Raum und er begrüßt sie mit allen umständlichen Verlegenheitsgesten und konventionellen Füllworten, die die Sprache für solche Gelegenheiten zur Verfügung stellt, dann wieder betritt er den Raum und sie begrüßt ihn auf ähnliche Weise. Das ist nicht mehr als ein Rahmen, der wenig zum Gelingen beträgt.

Denn es geht eigentlich immer um etwas anderes: Lebenserzählung, die sich mit wechselnden geschichtlichen Zeiten verbindet, die große Frage, die bis ins kleinste biografische Detail reicht: Aus welchen Quellen schöpfen wir, was trägt uns und was belastet, ja blockiert uns? Nina Hoss liest diesen Text von Eribon, sie liest ihn mit jener Aufmerksamkeit, die die Worte, indem sie sie ausspricht, gleichsam auf ihren Wahrheitsgehalt abtastet. Es bleibt eine gewisse Distanz spürbar. Das Arbeiterkind der 50er Jahre in Reims, von dem die Rede ist, das war Eribon einmal. Dem Jungen, der sein Schwulsein verstecken muss, ist das ganze grobe Arbeitermilieu jedoch nicht nur fremd, sondern auch zuwider. Denkt man an Jean-Paul Sartres eigene autobiographische Kindheitserzählung »Die Wörter«, das zärtliche und doch präzise Austasten von Erinnerungsräumen, befremdet diese Art Eribons, die etwas Blasiertes, offenkundig Dünkelhaftes an sich hat. Für ihn gibt es keine Rückkehr nach Reims, wo er aufwuchs.

Da wird ein Milieu-Ekel zelebriert, der nicht recht plausibel wird, weniger über das verachtete Arbeitermilieu sagt als über den Autor, der sich immer wieder als Herkunftsflüchtling zu erkennen gibt. Ein Aufsteiger, der über sich sagt, den Arbeiter habe er als junger Intellektueller nur in idealisierter Gestalt ertragen, als jene kommunistische Symbolfigur, die sich bald als ideologische Chimäre erwies.

Eribon räsoniert nun über die Fabrik als Ort der Vernichtung von Menschenseelen. Seinen Vater und seine Brüder, die hier ihr Arbeitsleben verbrachten, wollte er nie wiedersehen. Der Kontakt mit dieser schmutzigen Realität ist ihm unangenehm. Was ist das? Es klingt wie jene Salonkultur, die in Frankreich bis weit ins linke Lager hineinreicht. Man räsoniert über Bourdieu und Althusser, über die Apparate des Staates als »Höllenmaschinen«. Es klingt nach Oberseminar und Verschwörungstheorie, es klingt klug, allzu klug, es klingt zuletzt nach jener Verdrängung der eigenen Herkunft, die doch die Grundlage des eigenen Werdens sein sollte. Zuletzt mündet es in die Frage: Wer hat die soziale Marktwirtschaft verraten, sind die handelnden Personen oder Strukturen dafür verantwortlich, dass die sogenannte Unterschicht nun eher in rechten Parteien als in linken ihre Schutzmacht vermutet?

Der Diskurs auf der Bühne ist grundsätzlich. Eribon rechnet ab mit der etablierten Linken, der es am Ende doch immer nur um die eigenen gut bezahlten Posten geht. Es geht um die Abschaffung der Worte Ausbeutung, Solidarität und Klassenkampf im öffentlichen Diskurs zugunsten von Vokabeln wie Eigenverantwortung, Flexibilität und Sozialschmarotzer. Man redet über Chancengleichheit und betreibt das Gegenteil: permanente Ausgrenzung von nicht Privilegierten, die Armen werden noch ärmer, die Reichen noch reicher. Gewiss, dieser Prozess vollzieht sich vor aller Augen. Doch es gibt eine Grundsätzlichkeit der Argumentation, die selbst abstrakt und darum auch ideologisch wird. Eröffnet das Entweder-Oder des Klassenkampfs noch neue Denkhorizonte oder bedient es nur wieder Dogmen? Die Generationen machen, was ihr Verhältnis zu Politik betrifft, offensichtlich gerade sehr verschiedene Erfahrungen. In Frankreich unter Mitterrand gab es Anfang der achtziger Jahre mehrere kommunistische Minister. Ein Desaster. Woran scheiterten sie? Nur am politischen Gegner oder auch an sich selbst?

Der deutsch-deutsche Diskurs steht ohnehin auf einem anderen Blatt. Das Arbeiterbild in der DDR, nicht das offizielle, sondern das im Alltag, war ein völlig anderes als in der alten Bundesrepublik. Von Unterschichten wurde jedoch weder hier noch da gesprochen, dieses Tabu ist erst nach 1990 zerstört worden. Aber gilt das alte Klassenkampfdogma der Industriegesellschaft noch in Zeiten des virtuellen Kapitalismus, der fortgesetzten Atomisierung der Arbeitswelt, wo tatsächlich immer mehr jeder sein eigener Kleinunternehmer wird - oft an der Grenze des Existenzminimums? Bildung, die bei Eribon beschworen wird, schützt vor nichts mehr: Die Not des hochqualifizierten akademischen Prekariats schreit zum Himmel, aber niemanden interessiert es.

Ein Abend, der Debatten anstößt, oder soll man sagen: antippt? Immerhin, es geht um ernste Dinge, man kann seine Zeit sinnloser verbringen. Aber als Theater hat »Rückkehr nach Reims« nicht sehr viel zu bieten. Und vollzöge sich nicht in der letzten halben Stunde der autobiographische Schwenk hin zum Vater von Nina Hoss, mitsamt Familienvideos vom Amazonas, wo Willi Hoss - ein Schweißer aus dem Ruhrgebiet, der 1948 auf die SED-Parteischule in Kleinmachnow kam, dann Gewerkschafter bei Daimler war und Mitbegründer der Grünen wurde - für sauberes Wasser sorgte, es wäre tatsächlich ein Räsonieren ins Blaue geworden. So aber zeigt sich hier dann doch noch das, was Biographien erst ihr Gewicht gibt: Nachdenken über die eigene Herkunft, die kleinen Geschichten in der großen Geschichte, das verbindende Band der Generationen, das man nicht denunzieren darf.

Nächste Termine: 11. und 12.5.

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