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Ein unumgängliches Bedürfnis

Nicht jeden Traum muss man (er)leben, meint Ulrike Maaßdorf

  • Von Ulrike Maaßdorf
  • Lesedauer: 3 Min.

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Die Reisegruppe steht am Heck des Schiffes und lauscht den Erläuterungen der Reiseleiterin. Ich stehe als Beobachter zu weit hinten, um mitzubekommen, was sie erzählt. Wellen türmen sich hinter dem Schiff, das Wetter ist ziemlich rau. Schlagartig fällt hinter der Reiseleiterin schwärzeste Nacht vom Himmel. Das ist sehr beeindruckend, aber auch irgendwie beängstigend. Seltsamerweise schiebt sich vor dem Bug des Schiffes beständig die Dämmerung vor uns her. Das muss wohl an dieser nordischen Region liegen, denke ich mir, diese Wetterphänomene.

Die Gruppe geht nun unter Deck, ich folge ihr. Meine Freundin, mit der ich diese Reise mache, ist schon in der Kabine. Plötzlich entdecke ich Siggi - was macht ausgerechnet der denn hier? Glücklicherweise hat er mich noch nicht gesehen. Mit seiner lauten, besserwisserischen Art hat er uns schon manche peinliche Situation beschert. Bloß weg hier!

Auch aus einem anderen Grund bin ich getrieben - wo, um Himmels Willen, sind hier auf dem Schiff die Toiletten? In seinem ganzen Aussehen und der Ausstattung erinnert das Schiff an ein DDR-Ferienlager der 70er Jahre. Muss wohl auf einer DDR-Werft für die Sowjetunion gebaut worden sein. Sämtliche Verkleidungen sind aus diesen hellbraunen Sprelacartplatten, zum Teil mit Aluminiumprofilen eingefasst.

Der Flur erscheint endlos lang, rechts von mir die Kabinentüren. Es sind viele. Mein Bedürfnis wird dringlicher. Endlich komme ich auf die Stirnseite des Flures. Auch hier die Sprelacartverkleidungen. Ah, hier an dieser seltsamen Doppeltür steht »Toilet«. Das muss es sein. Ich glaube mich am Ziel und öffne die Tür. Es ist merkwürdigerweise ein Kleiderschrank, gefüllt mit Bügeln und Kleidungsstücken. Wieso steht dann da »Toilet« dran, was soll das? Langsam steigt in mir Panik auf. Das Schiff scheint auf einmal auch menschenleer, niemand, den ich fragen könnte.

Wie im Film - ein Totenschiff. Auf was für eine irre Reise habe ich mich hier begeben? Neben dem Toiletten-Kleiderschrank ist, ebenfalls hinter einer Schranktür, ein Waschbecken eingelassen. Die Idee ist für ein Schiff gar nicht schlecht, denke ich, wenigstens platzsparend. Während ich mir in meiner Not überlege, wie ich in Ermangelung einer Toilette möglichst unauffällig vielleicht dieses Schrank-Waschbecken nutzen kann, um mich zu erleichtern - oh, wie peinlich ist das denn? -, wache ich auf.

Es ist noch dunkel draußen. Noch im Halbschlaf begebe ich mich ins Badezimmer auf die Toilette. Der seltsame Traum hallt noch in mir nach. Was so ein Hirn alles anstellt, um die Bedürfnisse des Körpers durchzusetzen! Und was da so alles miteinander verknüpft wird: Die Erzählung meiner Freundin von ihrer Wolga-Reise vor einigen Jahren auf einem ehemaligen DDR-Schiff, meine Rhein-Schiffsreise im letzten Jahr und der bevorstehende runde Geburtstag unseres etwas anstrengenden Kumpels Siggi - und das alles, um einer Dringlichkeit Ausdruck zu verleihen.

Ich schaue auf den Wecker. Es sind noch zwei Stunden, bis er mich für den neuen Arbeitstag aus den Federn ruft. Erleichtert und wohlig kuschele ich mich wieder in mein Bett.

Nein, nicht jeden Traum sollte man (er)leben, denke ich noch und schlafe wieder ein.

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