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Sofia im Frühling

Bulgarien: Kleine Geschichten, große Geschichte.

  • Von Michael Müller
  • Lesedauer: 7 Min.

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Sofia im Frühling. Mitunter wird es ab Mittag schon sommerheiß. Doch Bulgariens Metropole ist noch nicht wie später, so von etwa Mitte Juni an, tagsrundum aufgeheizt. Die Nächte bleiben kühl, die Morgen frisch. Die Lage der Stadt, immerhin auf rund 600 Metern am nördlichen Fuße des Witoschagebirges, in dem es bis auf über 2000 Meter hochgeht, sorgt noch für Milde. Übrigens auch fürs Auge, denn auf dem Sofioter Hausgipfel Tscherni Wrych liegt weiterhin dicker Schnee.

Aus den Stadtparks im Zentrum - der größte, Borissowa gradina, erstreckt sich über fast 500 Hektar - drängelt sich das Frühlingsbunt auch in die Straßen und Alleen, in die Geschäfts-, Wohn- und Kulturviertel. Unterm dichten Eichen- und Kastaniendach um den Springbrunnen vor dem Iwan-Wasow-Theater lärmen Kinder und schieben junge Frauen Kinderwagen, spielen Rentner Schach, lümmeln Jugendliche auf dem Rasen und sitzen Angestellte aus umliegenden Geschäften und Ministerien bei ihrem Pausenkaffee.

Durchstreift man die kleinen Straßen ums Zentrum, trifft man auf eine Mischung aus alternativer Kunstszene und kleinen Start-ups, auf Modeboutiquen, mal feinst, mal lässig, auf Buch- und Plattenantiquariate, aber ebenso auf Gemüse- und Blumenstände. Christo Brysitzow, einer der journalistisch besonders umtriebigen Sofioter Flaneure der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, wäre wohl voll auf einem emphatischen Trip. Sicher hätte er auch in diesen Frühlingstagen dem Stadtwappenmotto »Sofia wächst, aber altert nicht« erneut angefügt: »..., wird aber immer schöner!« - Raste, no ne staree, a chubawee, was in seiner Sprache melodisch und wirklich lyrisch klingt.

Ja, Sofia setzt charmante Impulse für alle Sinne, was immer ein paar Reisetage lohnt. Die Melange aus Jugendstil, Historie und Folklore, aus real existierendem Sozialismus und nun seit 1990 der balkanischen Spielart des Kapitalismus bekommt übrigens momentan noch einen besonderen Akzent. Die Ehrengardisten im Regierungsviertel reißen die Beine noch höher als sonst. Schwarze Limousinengeschwader mit viel Sirenengeheul jagen vom Flugplatz in irgendwelche Amtssitze, in die Residenzen und wieder zurück zum Airport, um neue hohe Gäste zu holen. Bulgarien hat noch bis Ende Juni die EU-Ratspräsidentschaft inne.

Im Laden von Mariela Iwantschewa, eine 32-jährige Start-upperin für Werbe-Webdesigntechnologie, säuselt im Hintergrund ein »Tschalga«-Titel. Tschalga nennt man in Bulgarien diesen Balkanrock, der orientalische Rhythmen mit westlichem Pop verbindet. Es ist ein Oldie von Kali aus den 90ern. Die Sängerin träumt im Refrain: »einmal nur über Schengengrenzen springen« und »einmal nur zum Euro-Club gehören«. Inzwischen ist Bulgarien zwar seit 2007 EU-Mitglied, aber längst nicht vollwertig im Schengen-Rechtsraum und der Euro noch irgendwo in weiter Ferne.

Darauf angesprochen, winkt Mariela nur lässig ab. »Träumen bringt wenig. Verändern müssen wir, auch uns selbst. Und hüten sollten wir uns vor allem vor dem Traumsand, den unsere Politiker ständig streuen.« Was sie damit beispielsweise meine? - »Weißt du, die Miete für meinen Laden steigt ab Juli um 15 Prozent. Er gehört einer halbstaatlichen Immobiliengesellschaft. Statt Gewerbemieten weiter zu stützen, baut dieser Staat nun lieber abermals ein Historiendenkmal. Für einen Typen von vor 1300 Jahren, Retter des Abendlandes, wie es heißt. Solchen Traumsand meine ich beispielsweise.«

Die junge Sofioterin berührt damit einen wunden Punkt, der eigentlich kein speziell bulgarischer ist, sondern einer, der Menschen überall auf dem Balkan schmerzt. Einerseits werden die 500 Jahre innerhalb des Osmanischen Reiches profan als Joch abgetan (als ob die eigenen Bojaren völlig anders geherrscht hätten). Andererseits klafft ganz real eine riesige historische Lücke bei den Nationen- und Staatsbildungen. Auch Bulgariens Politiker und Ideologen versuchen deshalb gern, unterstützt von eilfertigen Geschichtsprofessoren, über diese Lücke eine möglichst einheitliche Brücke bis in die Gegenwart zu schlagen. Die symbolischen Statuen entlang dieser Brücke sind bis 1396 die drei mittelalterlichen Hauptstädte Pliska, Weliki Preslaw und Weliko Tyrnowo sowie Sofia, ab 1879 Metropole des neuzeitlichen Staates. Und das sind weiterhin all die Klöster, etwa von Rila oder Batschkowo, und all die Kirchen, etwa die von Bojana, Iwanowo oder Nessebar, um nur einiges aus dem längeren bulgarischen Kapitel der UNESCO-Weltkulturerbeliste zu nennen.

All dies sind auch alles tolle Tourismusattraktionen, unter allen Eliten bis heute gehegt und gepflegt. »Eine kulturhistorisch wichtige Sache, aber teure Angelegenheit«, warnt Politikwissenschaftler Iwan Geschow in einem Beitrag in der Tageszeitung »Duma«. »Die Kosten, nicht nur die materiellen, drohen irgendwann zu explodieren, wenn man die Symbole nationalistisch missbraucht.«

Jetzt also noch ein neues Denkmal in Sofia. Für den Chan Terwel, der 718, also vor 1300 Jahren, Konstantinopel vor den Arabern rettete. »Er bewahrte damit ganz Europa vor der Islamisierung«, meint der bulgarische Verteidigungsminister Krassimir Karakatschanow, der auch als Vorsitzender des nationalen Komitees »Chan Terwel - Retter Europas« fungiert und einer nationalistischen Mitregierungspartei vorsitzt.

Das mag ob solcher Prahlerei einen liebenswert-bemühten, gar belustigenden Eindruck hinterlassen. Doch die betreffende Symbolik im heutigen bulgarischen Alltag irritiert schon einigermaßen. Weniger, wenn Kindergärten sich offiziell Namen geben wie »Wir sind alles kleine Bulgaren«. Schon mehr, wenn, übrigens auch in Sofia, T-Shirts mit der Aufschrift »Bylgaria na tri moreta« (dt. Bulgarien an drei Meeren) angeboten und getragen werden. Zwar stammt die Karte darunter aus dem Jahr 927. Doch auch die bulgarische Karte von 1941 reichte ja nicht nur wie heute bis zum Schwarzen Meer. Sie erstreckte sich im Süden wie vor 1000 Jahren bis nach Thessaloniki an der griechischen Ägäis, und zum jugoslawischen Westen hin trennte nur Albanien - wie Bulgarien im Zweiten Weltkrieg nazideutscher Verbündeter - von der Adria.

Im Zentrum Sofias stößt der interessierte Besucher und Spurensucher auch auf andere polithistorische Aktivitäten. Das Lenindenkmal ist längst durch eine Stele der Stadtheiligen Sofia ersetzt, und wo einst das Georgi-Dimitroff-Mausoleum stand, gähnt eine eigenartige kahle Fläche mit angrenzender Eisdiele. »Nur an das Denkmal der Sowjetarmee im ehemaligen Park der Freiheit trauen sie sich nicht so richtig ran«, konstatiert der Kulturwissenschaftler Iwo Christow in der Tageszeitung »Sega«. Denn dann gäbe es wohl doch wieder Massenproteste in der Hauptstadt.

All dies sollte nun nicht etwa die Sofia- und Bulgarien-Besuchsvorfreude dämmen. Im Gegenteil. Es soll Augen und Ohren öffnen. Und auch ein Kurt-Tucholsky-Aperçu bekräftigen: »Wer die Enge seiner Zeit begreifen will, der studiere Geschichte. Wer die Enge seiner Heimat begreifen will, der reise.« Und vergleiche dann auch sachlich mit seiner Heimat, wäre hinzuzufügen.

Nahe des Start-up-Ladens von Mariela Iwantschewa werden Unterschriften für ein Plebiszit gegen die Einführung des Euro in Bulgarien gesammelt. Der Aktionstitel lautet »Wysrashdane« (dt. Wiedergeburt). Das ist ein stolzer Begriff, der historisch das nationale Erwachen im 18./19. Jahrhundert benennt. Mariela sagt, dass sie da nicht unterschreiben würde. »Nicht wegen des Euros oder gar Wysrashdane. Vor allem deshalb nicht, weil man bei uns nie so richtig weiß, aus welcher Ecke das wirklich kommt.«

Infos

Bulgarisches Fremdenverkehrsamt
www.bulgariatravel.org/de

nd-Leserreise »Bulgarien« mit Michael Müller
Wegen des Erfolgs und der großen Teilnahme in diesem April für 2019 wieder in Vorbereitung.
Tel. (030) 2978-1620, Frank Diekert
www.nd-leserreisen.de

Literatur:

Daniela Schetar, Friedrich Köthe,
»Bulgarien – Handbuch für individuelles Entdecken«, Reise Know- How, 2017

Reiseführer im Internet:
www.bulgarien-reise.de
www.geo.de

Hatschikjan/Troebst, »Südosteuropa. Ein Handbuch«, C. H. Beck, München, 1999

Peter Petrow, »Der Aufstand des Iwailo – Bauernkrieg in Bulgarien 1277–1280«, Dietz, Berlin, 1988

Iwan Wasow, »Wanderungen durch Bulgarien«, Rütten & Loening, Berlin, 1982

Norbert Randow, »Bulgarische Erzähler«, Neues Leben, Berlin, 1961

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Das Blättchen Heft 19/18