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»Unser Landeort ist da, wo der Patient ist«

Ob Feld, Parkplatz oder Steilküste - der Greifswalder Rettungshelikopter hilft in besonders schwierigen Fällen

  • Von Martina Rathke, Greifswald
  • Lesedauer: 5 Min.

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Binnen Sekunden wird der Schalter umgelegt. Aus dem routinierten Arbeitsalltag am PC in den Alarmmodus, aus einer entspannten Stimmung in hundertprozentige Konzentration. Um 10.41 Uhr klingeln drei Pieper zeitgleich, reißt ein Gong die Besatzung der Station der DRF-Luftrettung in Greifswald aus dem Ruhemodus. »Verkehrsunfall in Putgarten, Insel Rügen«, sagt Rettungsflieger Pilot Bernd Rosenberger. Rettungsassistentin Daniela Trenner und Notärztin Claudia Schäfer greifen ihre Helme, gehen zügig zum startklaren Helikopter. Rosenberger startet »Christoph 47«, 15 Minuten Flugzeit bedeuten 15 Minuten banges Warten am Unfallort.

Seit sieben Uhr ist das dreiköpfige Team an diesem Apriltag auf der DRF-Station im Nordosten Mecklenburg-Vorpommerns in Bereitschaft. »Christoph 47« ist einer von drei Rettungshubschraubern im Nordosten, die für sogenannte »Primäreinsätze« (Notfalleinsätze) vorgesehen sind. Manchmal, wie an diesem Tag, reicht das nicht aus, dann kommen die Kollegen aus Rostock von den Johannitern zu Hilfe. Deren Helikopter wird - wie ein weiterer in Pinnow bei Schwerin stationierter Hubschrauber - vor allem für die Verlegung von Intensivpatienten von einem Krankenhaus in eine Spezialklinik genutzt.

7 Uhr: Pilot Bernd Rosenberger hat zu diesem Zeitpunkt bereits das erste Mal den Wetterbericht gecheckt, dann wegen der salzhaltigen Luft an der Küste die Kompressoren der Triebwerke gespült und zuletzt das Team gebrieft. NOTRAM (Notice to airmen) nennt sich das Briefing, bei dem das Team über aktuelle Luftraumveränderungen und das Wetter informiert wird. »In Stralsund steht ein Kran nahe dem Hubschrauber-Landeplatz, in Anklam gibt es heute kein Kerosin, stabile Hochdruckwetterlage, Sonne, Wind mit 5 Knoten aus Südwest«, beschreibt der Pilot die Lage.

Rosenberger war 19 Jahre Pilot bei der Bundeswehr, bevor er vor vier Jahren als Rettungspilot zur DRF Luftrettung wechselte. Er flog militärische Einsätze in Afghanistan, im Kosovo. »Keine einfache Arbeit«, sagt Rosenberger. Bei einem seiner Einsätze in Afghanistan wurde sein Transporthubschrauber vom Typ CH 53 von Talibankämpfern beschossen. Die Panzerfaust explodiert zwischen zwei Bundeswehr-Hubschraubern. Rosenberger saß im ersten. Solche Erlebnisse bleiben hängen, lassen zweifeln. Als die Flugstunden an seinem deutschen Bundeswehrstandort immer seltener wurden, entschied er sich zum Wechsel zur zivilen Luftrettung. »Jetzt freuen sich die Leute, wenn wir landen und schießen nicht«, sagt der Pilot. »Es ist abends ein gutes Gefühl, am Tag etwas Sinnvolles getan zu haben.«

Einer dieser sinnvollen Einsätze wartet nahe Putgarten auf der Insel Rügen: Rosenberger schwenkt den Helikopter über dem Feld nahe der Unfallstelle ein. Ein zerstörtes Auto liegt auf der Seite, ein Rettungswagen steht daneben. Wie es später in der Pressemitteilung der Polizei heißt, ist der Fahrer auf gerader Strecke von der Straße abgekommen, gegen einen Baum geprallt und auf einem Feld gelandet. Der 55-Jährige hat sich schwer am Kopf verletzt: Verdacht auf ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Im Helikopter kümmern sich Notärztin Schäfer und Rettungsassistentin Trenner um den Mann, der inzwischen in ein künstliches Koma versetzt wurde. Auf dem Rückflug kontrollieren sie Blutdruck, Sauerstoffgehalt und Herztätigkeit. Die Polizei teilt drei Stunden später mit, dass gegen den Mann wegen Trunkenheit im Verkehr ermittelt werde.

Innerhalb von Minuten ist der Rettungsflieger dort, wohin ein Rettungswagen rund zwei Stunden benötigt. »Unser Auftrag ist es, die Patienten schnell ins Krankenhaus zu bringen.« Die Inseln Rügen und Usedom mit mehr als zwölf Millionen Touristen-Übernachtungen pro Jahr sind nur über viel befahrene Bundesstraßen zu erreichen - gerade im Sommer, wenn sich auf den Straßen die Fahrzeuge Stoßstange an Stoßstange reihen, wird die Anfahrt zum Unfallort für den Rettungswagen zu einer unberechenbaren Rallye durch Autokolonnen. Die Insel Hiddensee ist nur per Schiff zu erreichen - was Urlauber bei der Anreise entschleunigt, aber in lebensbedrohlichen Situationen ein Problem ist. »Christoph 47«, seit Anfang April eine Maschine vom Typ EC 145, ist seit 1992 in Greifswald stationiert. Die neue Maschine sei ein »Quantensprung« gegenüber dem kleineren Vorgängermodell BK 117, schwärmt Rosenberger. Mehr Platz für die Patientenversorgung, die Rundumsicht im Cockpit sei besser, die Instrumente alle in digitaler Optik. 15 Minuten benötigt »Christoph 47« vom Greifswalder Uni-Klinikum zum Hiddenseer Insellandeplatz in Vitte - so lange wie zum Unfallort bei Putgarten im Norden der Insel Rügen.

»Unser Landeort ist da, wo der Patient ist«, sagt der Pilot. Mal ist es ein Feld, mal der schmale Streifen unterhalb der Rügener Steilküste, der Strand oder - wie beim nächsten Einsatz - ein Supermarkt-Parkplatz in Zempin auf der Insel Usedom. Pieper, Gong, der Griff zu den Helmen. 13.09 Uhr: Ein 85-Jähriger muss aus dem Fischerdorf Zempin mit Verdacht auf Schlaganfall ins Uni-Klinikum geflogen werden, wo er in einer hochspezialisierten Stroke-Unit-Station behandelt wird.

1460 Einsätze flog »Christoph 47« im vergangenen Jahr. In mehr als 1300 Flügen ging es um Leben und Tod, waren die Patienten schwer verletzt oder erkrankt. Landesweit wurden die Rettungsflieger aus Greifswald, Neustrelitz und Güstrow nach Angaben des Gesundheitsministeriums zu rund 3500 Einsätzen gerufen. Die Zahlen sind seit Jahren stabil. Minister Harry Glawe (CDU) sieht dennoch Bedarf für einen weiteren Rettungsflieger in Schwerin, der dort vor allem Notfalleinsätze abdecken soll. Entschieden sei dies aber noch nicht, hieß es aus dem Ministerium.

»Wir brauchen hierfür das Gutachten der Träger sowie Gespräche, unter anderem mit den Krankenkassen, um finale Entscheidungen treffen zu können«, sagt Glawe. Die Rettungseinsätze sind teuer, der Flugbetreiber rechnet die Kosten mit den Krankenkassen der Patienten ab, bezahlt wird nach Flugminuten. Bei der DRF-Luftrettung liegen die Kosten zwischen 50 und 80 Euro je Flugminute. Die Sätze würden individuell mit den Kostenträgern verhandelt, sagte eine DRF-Sprecherin.

Lange Wege, flaches Land: Die Rettungswagen im Nordosten überschreiten zu einem Drittel die vorgeschriebene Ankunftsfrist von zehn Minuten. Immerhin: Rund 66,4 Prozent der Einsätze wurden 2017 innerhalb des Limits von zehn Minuten absolviert. Dies geht aus einer Antwort der Landesregierung hervor. Grundsätzlich sieht das Ministerium den Rettungsdienst im Land aber ordentlich aufgestellt. dpa/nd

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