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Durchwachsene Bilanz der Telemedizin

In Schweden werden Fernbehandlungen von der Einheitskrankenversicherung bezahlt

  • Von Bengt Arvidsson, Stockholm
  • Lesedauer: 3 Min.

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Mit dem Beschluss des Deutschen Ärztetages zur Erlaubnis von Fernbehandlungen ohne vorherige Visite hoffen schwedische Telemedizinanbieter auf Expansionsmöglichkeiten in Deutschland. »Wir werden Ende 2018 in Baden-Württemberg mit einem Pilotprojekt starten, dazu werden wir deutsche Ärzte nutzen. Danach hoffen wir auf Expansion«, verrät etwa Samuel Danofsky vom Netzdoktoranbieter Kry.

Schwedische Dienste sind seit 2016 explosionsartig gewachsen. Nun dürfen sie über die zentrale Einheitskrankenversicherung abrechnen wie gewöhnliche Arztpraxen. Zudem fördert der Staat in dünn besiedelten Gebieten jede Behandlung mit 100 bis 180 Euro. Patienten bezahlen wie auch sonst nur die Praxisgebühr. Kry ist so von einer Handvoll Ärzten auf heute rund 300 Behandler und 300 000 Patientenkontakte angewachsen. 2017 wuchs der Dienst um 1600 Prozent zum Vorjahr. Auch für die Konkurrenz läuft es zumeist gut.

Kry und seine Wettbewerber Min Doktor, Doktor.se und Medicoo wetteifern mit Werbekampagnen im öffentlichen Nahverkehr und den Medien um die Gunst der Patienten. Der Markt ist noch längst nicht erschlossen. Trotz enormen Wachstums werden bislang nur 1,5 Prozent der Arztbesuche in Schweden digital abgewickelt. »Unsere größte Herausforderung ist es, dass es sehr viele Menschen gibt, die noch nicht wissen, dass sie einen Arzt über ihr Smartphone oder iPad treffen können«, sagt Kry-Gründer Johannes Schildt.

Insgesamt sind die bisherigen Erfahrungen aus Schweden durchwachsen. Hauptvorteil ist, dass Patienten die meist langen Wartezeiten in der Praxis umgehen können. Oft dauert es nur zehn Minuten von der Anfrage über das Internet bis zum digitalen Arztbesuch über einen Chatraum oder eine Videoverbindung. Auch ist an Feiertagen und spät abends geöffnet. »Das ist schön für Kranke, wenn sie sich nicht extra zu einer Arztpraxis schleppen müsse. Für Ärzte ist es angenehm, von zu Hause aus arbeiten zu können«, sagt Schildt. »Rund 60 Prozent der Erkrankungen benötigen keine körperliche Untersuchung, wir entlasten so das überfüllte Krankenversorgungssystem.« Vor allem ländliche Regionen hoffen, durch Netzärzte Geld sparen zu können, weil sie gerade in Urlaubszeiten keine teuren Mietärzte anheuern müssen.

Doch es gibt auch Nachteile. So warnen Experten davor, dass die Netzärzte die Kosten der Krankenkasse erhöhen statt senken. Denn die Hemmschwelle für den Arztbesuch selbst bei geringfügigen Leiden sinkt. Viele Besuche beim digitalen Arzt seien unnötig, so die Kritiker. »Zudem gibt es bei den Netzärzten Qualitätsmängel. Es ist fraglich, ob die dem System überhaupt nützen«, kritisierte etwa der Mediziner Ove Andersson im Fernsehsender SVT. »Hier werden Steuergelder von den kommunalen Arztpraxen abgezogen, die sich auf ernsthaft kranke Patienten konzentrieren«, ergänzt sein Kollege Jonas Sjögren. Arztpraxen würden durch digitale Dienste auch gar nicht entlastet, da letztere von Patienten mit Beschwerden genutzt würden, für die es gar keinen Arzt braucht.

Rund 100 Millionen Euro soll der Staat laut Schätzungen pro Jahr für unnötige Online-Arzttermine ausgeben. Inzwischen wird diskutiert, ob die staatlichen Zahlungen an Netzärzte pro Patientenbesuch halbiert werden können, da ihre Betriebskosten ja viel niedriger sind.

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