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  • Linksalternatives Kulturzentrum in Potsdam

Jugend soll ihr »freiLand« behalten

Der Pachtvertrag für das Gelände läuft aus, doch die Stadt Potsdam will eine Lösung finden

  • Von Andreas Fritsche
  • Lesedauer: 4 Min.

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Unter freiem Himmel tanzen, doch kein Anwohner fühlt sich von lauter Musik gestört. Denn nur die Besucher dieser speziellen Diskothek können die Musik hören. Es ist eine Kopfhörerdiskothek. Das gibt es beispielsweise im alternativen Jugendkulturzentrum »freiLand« in Potsdam - und noch viele andere Veranstaltungen. Das reicht von der Fotoausstellung über Mieterproteste in Berlin über ein Seminar zum rationalen wissenschaftlichen Charakter der Darstellungsweise in Karl Marx' Hauptwerk »Das Kapital« bis zu einer Reihe über rechte Szenewelten, bei der es darum geht, ob eine politische Gesinnung auch heute noch an der Kleidung abzulesen ist, obwohl Neonazis nicht mehr an Bomberjacke und Glatze zu erkennen sind. Interessante Termine gibt es bis in den Oktober hinein, doch theoretisch könnte es das freiLand dann schon nicht mehr geben. Denn die Stadtwerke haben der Betreibergesellschaft Cultus UG mit Schreiben vom 18. April angekündigt, den Pachtvertrag nicht über den 30. September hinaus zu verlängern.

Lesen Sie auch: freiLand erforderlich – Andreas Fritsche zur aktuellen Bedrohung für das Kulturzentrum in Potsdam

Das Jugendzentrum sei ein »zartes Pflänzchen«, das jetzt nicht wegen zögerlichen Agierens der Verantwortlichen bei den Stadtwerken und in der Stadtverwaltung eingehen dürfe, warnt Martina Trauth, die bei der Oberbürgermeisterwahl am 23. September für die LINKE kandidiert. »Das freiLand ist Kultur, Bildung, Kreativität. Es lässt Platz, um sich selbst zu verwirklichen. Es ist ein wunderbares Projekt, welches zeigt, wie Jugendliche mutig mit der ihnen übertragenen Verantwortung umgehen«, lobt Trauth.

Hoffnung macht, dass kein Verantwortlicher sagt, er wolle das freiLand abwickeln. »Wir wollen das freiLand nicht zumachen. Es geht uns nur darum, dass es eine in jeder Hinsicht saubere Regelung zwischen den Stadtwerken und der Landeshauptstadt geben wird«, zitierte die »Märkische Allgemeine« den Stadtwerkechef Horst Müller-Zinsius.

»Wir finden eine Lösung«, heißt es dazu ganz zuversichtlich aus dem Rathaus. Es müsse nur entschieden werden, ob die Immobilie ins Vermögen der Stadt übernommen wird oder bei den Stadtwerken bleibt.

2011 bekamen die Jugendlichen ihr freiLand, nachdem der Jugendklub »Spartacus« sein Domizil im Zentrum verlor und Potsdam deswegen Demonstrationen erlebte. Auf dem freiLand fand der Klub dann eine neue Bleibe und mit ihm siedelten sich hier viele andere Projekte an - insgesamt gibt es 50 Mietverhältnisse, an denen rund 250 bis 300 haupt- oder ehrenamtlich Beschäftigte hängen, wie Cultus-Geschäftsführer Achim Trautvetter erläutert.

Wenn es bis zum 30. Juni keine Einigung über die Zukunft des Geländes gibt, wäre er leider gezwungen, die Mietverträge zu kündigen, sagt Trautvetter. Auch wenn er nicht glaubt, dass jemand die mit lediglich zwei Euro Stammkapital gegründete Cultus Unternehmensgesellschaft (UG) verklagen würde. »Das sind ja alles Solidarunternehmen hier.« Trotzdem bliebe Trautvetter aus rechtlichen Gründen nichts anderes übrig, als Kündigungen auszusprechen. Das würde dann auch die fünf Mitarbeiter der Cultus UG betreffen - den Geschäftsführer, einen Projektleiter, die Buchhalterin und zwei Haustechniker.

Trautvetter glaubt allerdings nicht, dass es wirklich soweit kommt. In der Stadtverordnetenversammlung werde es SPD, LINKE und Grünen sowie der linksalternativen Fraktion »Die Andere« sicher gelingen, die Zukunft des Jugendzentrums zu sichern. Von diesen Fraktionen gibt es positive Rückmeldungen. »Das freiLand ist viel zu beliebt, um es über die Klinge springen zu lassen«, sagt Trautvetter. Schließlich kommen pro Jahr 90.000 Gäste zu den Veranstaltungen.

Linksfraktionschef Hans-Jürgen Scharfenberg bestätigt diese Einschätzung. »Für mich steht hier in keinem Fall die Existenzfrage«, versichert er. »Das freiLand hat sich einen so guten Ruf erarbeitet. Es ist nicht mehr wegzudenken.«

Doch nur immer für ein Jahr den Pachtvertrag zu verlängern, das ist kein befriedigender Zustand, der Planungssicherheit bietet. Scharfenberg kann sich vorstellen, dass das Areal im Eigentum der Stadtwerke bleibt. Zu klären sei jetzt, in welchem Ausmaß sich die Stadt engagiert, um das freiLand langfristig zu erhalten. Im laufenden Jahr hat Potsdam die Pachtsumme von 56.000 Euro übernommen und 190.000 Euro Betriebskostenzuschuss gewährt. Zu klären wäre nun aber, wer sich künftig um die Sanierung von Gebäuden kümmert. Offen sei auch die versprochene Einrichtung von Proberäumen für Bands, erinnert Scharfenberg. Dafür ist ein Haus ins Auge gefasst, an dem aber noch Baumaßnahmen nötig sind. 17.000 Euro Spenden liegen dafür bereit, und 100.000 Euro von der Stadt sind ebenfalls eingeplant.

Bunt geht es zu auf dem rund 12.000 Quadratmeter großen Areal an der Friedrich-Engels-Straße 22. Hier befinden sich beispielsweise das Café »hausZwei«, der Jugendtreff »Clubmitte«, die offene Werkstatt »machbar« und die antifaschistische Bibliothek »Fritz Teppich«. Außerdem hat sich die sozialistische Kinder- und Jugendorganisation »Die Falken« eingemietet, die im vergangenen Jahr im Vorfeld des G20-Gipfels in Hamburg ein Demonstrationstraining angeboten hat. Das rief damals den Landtagsabgeordneten Andreas Kalbitz (AfD) auf den Plan, der gleich die unverzügliche Schließung des gesamten Jugendzentrums verlangte, weil es augenscheinlich einen »ideologischen Nährboden für linksextreme Ausschreitungen« biete. Kalbitz schwadronierte: »Der linksradikale Mob wird von der Stadt Potsdam unverhohlen mit Steuergeldern subventioniert.«

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