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Wasser

Leo Fischer über Ökologie für die Mittelschicht und über Leute, die noch vorm Klärwerk »Deutsche zuerst« rufen

  • Von Leo Fischer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wasser trinken wird teurer in Deutschland: Bundesweit, so eine Studie der Grünen-Fraktion im Bundestag, sind die Trinkwasserkosten zwischen 2005 und 2016 im Schnitt um über 25 Prozent gestiegen; die allgemeinen Lebenshaltungskosten hingegen stiegen dagegen »nur« (tagesschau.de; man weiß ja, für wen man schreibt) um rund 16 Prozent. Der Grund dafür: Deutschland versucht seit Jahrzehnten so zu tun, als bräuchte das Land eine Landwirtschaft, und investiert dafür nicht nur Milliarden Fördereuro, sondern lässt ganze Wolkenbrüche an Gülle über den Feldern abregnen; Gülle, deren Nitratanteil dann wieder aufwendig aus dem Grundwasser gezogen und filtriert werden muss.

Es ist ein wunderbar geformter Zirkel: Die Arbeitsplätze der Agrarindustrie werden mit EU-Geld am Leben gehalten, damit die Leute sich das Wasser noch leisten können, das sie in ihren sinnlosen Jobs verbrauchen und täglich teurer machen; Jobs allerdings, deren Lohnniveau seit zehn Jahren stagniert. Denn natürlich denkt niemand denkt daran, an diesem unvorstellbaren Unsinn etwas zu ändern. Gerade wegen der stagnierenden Löhne wird er überhaupt erst nötig: Land- und Viehwirtschaft müssen gerade ihretwegen billig produzieren können, schließlich müssen die billigen Lebensmittelpreise die unzureichenden Löhne wieder ausgleichen. Hart arbeiten, um Armut zu erhalten - sehr viel deutscher kann eine Wirtschaftsform nicht sein.

Die grüne Partei, deren Teilhabe an Aufbau und Erhalt der Hartz-IV-Gesetze, der Niedriglohnpolitik und der institutionalisierten Armut gerne vergessen wird, hat darauf natürlich wieder eine sehr grüne Antwort: Die industrielle Landwirtschaft muss beendet werden! Die Lebensmittel, die unter Wasserverbrauch hergestellt werden, müssen teurer werden, damit das Wasser wieder billiger wird. Ein famoser Plan, der den schönen Vorzug hat, für das untere Lohnregister überhaupt nichts zu verändern: Die Lebenshaltungskosten steigen insgesamt einfach trotzdem weiter, vom Lohn bleibt so und so weniger, es muss so und so noch mehr und noch härter gearbeitet werden. Hier nicken dann auch die Arbeitgeber befriedigt: So eine Ökologie passt ihnen ausnahmsweise mal in den Kram.

Auch die Wählerschaft jubiliert: Die von Grün geschaffene Armen und der von Grün geschaffene Niedriglohnsektor sind jetzt zwar um keinen Cent weniger arm, dafür aber ein bisschen grüner, und das Gewissen ist in einem Milieu, in welchem die Kontinente an Mikroplastik in den Ozeanen erst dann als Problem auftauchen, wenn Folienteilchen im Fleur-de-Sel nachgewiesen werden, ein bisschen reiner. Man hat es geschafft, die Schuld an der Naturkatastrophe exklusiv bei der Unterschicht zu veranschlagen, die nicht nur arm und dumm ist, sondern auch böswillig den Planeten zerstört.

Schon nimmt man es in der grünen Mittelschicht etwas leichter hin, wenn die Daumenschrauben für Hartz-IV-Empfänger ein wenig härter angezogen werden: Denn je weniger Geld an sie verteilt wird, umso weniger können sie es für ökologisch schädliche Produkte ausgeben! Die deutsche Antwort auf jedes Problem, auch das ökologische, ist im 21. Jahrhundert: noch härter arbeiten für noch weniger Geld bei noch mehr Verachtung. Da nehmen sich Grüne und SPD nicht viel.

Während die Grünen die höheren Wasserpreise der Unterschicht anlasten, schafft man es im AfD-Milieu, auch dieses Problem den Flüchtlingen zuzurechnen: »Frage an alle Wasserexperten in der Wasserwirtschaft: Schaffen unsere Klärwerke es, zusätzlich zum bisherigen Aufkommen den Kot von ca. 2-3 Millionen in den letzten Jahren zu uns gekommener Gäste zu verarbeiten? Leidet die Wasserqualität?« Dies twitterte Markus Roscher-Meinel, zeitweise Direktkandidat für die AfD Paderborn. Deutscher Kot ist natürlich von einer ganz anderen Qualität als Flüchtlingskot, ist irgendwie reiner, weniger kotig; da sind natürlich Sorgen angebracht, wenn Fremdkot in die eigentlich gar nicht dafür vorgesehene heimische Kanalisation eingebracht wird.

Es ist kein Thema zu idiotisch, um nicht doch als Folge von »Merkel 2015« dargestellt zu werden; noch bei Scheiße fangen sie an, rassenkundlich zu differenzieren. Unser Wasser, vergiftet von ausländischen Invasoren und einer schamlos billigkonsumierenden Unterschicht - das Land von Sagrotan und Sanifair ist wieder ganz bei sich. Parteiübergreifend.

Rosa - Dietz-Verlag

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