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Erziehung zu stolzen Israelis

Neue Schulbücher ehren rechte paramilitärische Organisationen und zeigen keine Grenzen der palästinensischen Gebiete

  • Von Oliver Eberhardt
  • Lesedauer: 4 Min.

Aufgebracht warten etwa 20 Männer und Frauen vor dem Bildungsministerium in Jerusalem: Am Tag zuvor seien in der Schule ihrer Kinder neue Schulbücher ausgeteilt worden; der Inhalt, aus ihrer Sicht: schwer zu ertragen. »Selbst in den Rechenaufgaben sind die Menschen fast immer weiß und haben eine Kippa auf dem Kopf«, sagt die 42-jährige Alona Barak, Mutter eines Achtjährigen. »In den Geschichtsbüchern sind die Helden des Unabhängigkeitskrieges jetzt von der Irgun«, fügt der 38-jährige Jonathan Schteinitz hinzu; die Irgun war damals eine paramilitärische Organisation der israelischen Rechten. Und natürlich existiert die Grenze zwischen Westjordanland, Ost-Jerusalem und Israel schon seit vielen Jahren nicht mehr in den Erdkundebüchern. »Unsere Kinder werden zu Rechten erzogen,« sagt Barak. Und darüber würde man gerne mit Bildungsminister Naftali Bennett sprechen.

Aber der will nicht reden. »Es ist unsere Aufgabe hier, die neue Generation zu stolzen Israelis zu erziehen, ihnen die Grundwerte des Staates beizubringen«, sagt er. Doch diese Werte, von denen er spricht, sind vor allem die Werte seiner eigenen Partei »Jüdisches Heim«, seiner eigenen Wählerbasis, die sich vor allem in den Siedlungen in den palästinensischen Gebieten findet: Wenn man auf den Staat Israel, seine Gesellschaft, seine Geschichte blickt, dann werden, natürlich, zunächst die gegensätzlichen Sichtweisen von Arabern und Juden erkennbar.

Doch auch jüdische Israelis haben völlig verschiedene, oft nicht miteinander vereinbare Ansichten über den Staat. Und seit Bennett nach der Wahl 2015 das Bildungsministerium übernahm, arbeitet er unermüdlich daran, »dass in den Schulen die wahre Geschichte des Staates, das, was einen Zionisten ausmacht«, gelehrt wird; ob die Schüler Juden, Muslime oder Christen sind, mache dabei keinen Unterschied: »Wir müssen schon in den arabischen Schulen vermitteln, dass jeder, der Israel nicht als jüdischen und demokratischen Staat anerkennt, nicht in dieses Land gehört.«

Auch wenn »Jüdisches Heim« mit 6,74 Prozent der Wählerstimmen und acht von 120 Mandaten zu den Kleinparteien im Parlament zählt, ist die Partei in der Regierung Zünglein an der Waage; in den Koalitionsverhandlungen hätte Bennett im Grunde jeden Posten haben können. Warum er das Bildungsministerium genommen hat? »Bildung ist ein Ressort, dass man zwingend haben muss, wenn man langfristig etwas bewegen will«, sagt er. Denn auch wenn man vielleicht nur wenige Jahre im Amt sein mag: Man besetzt Stellen mit eigenen Leuten, und die bleiben noch lange, nachdem der nächste und übernächste Minister gekommen und gegangen sind, und blockieren dann auch mal Anweisungen von oben. Doch nun geht nach und nach eine Generation in Rente, die zur Zeit der Friedensverhandlungen zwischen Yitzhak Rabin, Jassir Arafat und Bill Clinton, die in den Osloer Verträge mündeten, eingestellt wurde; auch deshalb, daraus macht Bennett keinen Hehl, wollte er dieses Amt haben.

Einige Stunden später sitzt Schai Piron in seinem Büro. Der Rabbiner und Pädagoge war vor Bennett für kurze Zeit Bildungsminister; er sieht die Dinge völlig anders: »Bildung und Information sind eine wichtige Voraussetzung für die politische Willensbildung.« Er kritisiert, dass in den Schulen nicht mehr gelehrt wird, wo die Grenze zwischen Ost- und West-Jerusalem, zwischen Westjordanland und Israel verläuft. »Wie soll sich ein Jugendlicher eine Meinung zum Friedensprozess bilden, wenn er nicht weiß, wo die palästinensischen Gebiete überhaupt sind? Es gibt bestimmte Fakten, die wichtig sind, auch wenn sie unbequem oder schmerzhaft sind.« 2014 hatte er sich deshalb daran gemacht, die arabische Sicht auf die israelische Staatswerdung in die Lehrpläne aufzunehmen: »Das ist nicht nur für Araber wichtig, sondern auch für junge Erwachsene, die beim Militär ständig mit der Frage konfrontiert sind, wie weit man gehen darf. Wir müssen anerkennen, dass vor 70 Jahren Dinge geschehen sind, die nicht hätten passieren dürfen, um daraus zu lernen.«

Doch bevor Piron seine Pläne umsetzen konnte, gab es Neuwahlen und Bennett wurde Bildungsminister.

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