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Die Leber überraschen

  • Von Christian Baron
  • Lesedauer: 3 Min.

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»Heilige Scheiße, was stinkt das hier? Kann mir mal einer auf’n Kopf pissen, ich brauch ’ne Erfrischung!« Der Alte setzt sich auf seinen Stammplatz an der Theke und lacht sich schlapp. Würde jemand seinem Wunsch nachkommen, der Alte würde den Mund aufmachen und den Urin als Ballerbrühe nutzen, so sehr braucht er seinen Alk. Als die Wirtin an diesem Freitagabend ein Glas auf die Theke knallt und irgendeinen Fusel reingießen will, da reißt ihr der Alte die Flasche aus der Hand und sagt: »Du, weißte was: Gib mir mal ’n Glas Wasser, ich will meine Leber überraschen.«

Im Weddinger Sprengelkiez schließt seit Jahren eine Eckspelunke nach der anderen, und es siedeln sich immer mehr Hipsterkneipen mit seelenloser Einrichtung und langweiligen Menschen an. Diese aber - der Name sei nicht verraten, sonst entern die Hornbrillen-Bart-Kombinierer bald den Ort -, diese hält die Stellung. Und obwohl ich ein halbwegs weltgewandter Akademiker bin, kehre ich regelmäßig hier ein.

Früher, in meiner Kindheit, hatte ich oft mit Alkoholikern zu tun. Das waren, meiner sozialen Herkunft entsprechend, meist Männer ohne übertriebenen intellektuellen Anspruch. Die meisten meiner Alki-Anekdoten eignen sich kaum für eine launige Kolumne. Im Laufe meines Bildungsaufstiegs geriet ich aber immer wieder auch mit Trinkern aus finanzstarken Milieus in Kontakt; und das führte zu der Einsicht, dass in gehobenen Milieus das krankhafte Saufen häufiger zu aggressivem Verhalten führt als bei jenen, die sich in Schmiersuffkaschemmen ihren Scheißjob oder ihre Erwerbslosigkeit schön trinken. Der Alte ist einer von ihnen.

Wie an jedem Freitagabend, so unterzieht er auch diesmal wieder einen beliebigen Gast seinem Humortest. Wer neu ist, gerät sofort ins Visier. Heute ist es ein junger Mann mit türkischer Herkunft, der sich der Wirtin als Hakan vorstellt. Der Alte spricht den am linken Thekenrand Sitzenden an: »Sag mal, wie heißt die türkische Fluggesellschaft? Döner Heb-ab!« Mit Fluppe im Mund starrt Hakan fassungslos zum Alten. Der lacht donnernd und haut die flache Hand auf den Tisch. Die Gläser wackeln, die Wirtin steht reglos am Zapfhahn, und Hakan will den Platz wechseln.

Der Alte macht weiter. »Wart mal, einen hab ich noch: Klingelt ’n Italiener an der Haustür seiner Freundin. Der Vater macht auf. ›Ciao, ich bin Umberto, und ich bin gekommen, um Ihre Tochter zu bumsen.‹ Der Vater: ›Um waaas?‹ Der Italiener: ›Umberto!‹« Hakan verzieht keine Miene. »Nicht gut?«, fragt der Alte, »komm, ein Letzter: Was ist der Unterschied zwischen ’nem Berliner und ’nem Türken? Der Türke spricht besser Deutsch.« Hakan lacht, und der Alte freut sich so sehr, dass er ihn an sich drückt. »So hab ich meine Türken gern«, sagt er. »Immer fröhlich bleiben. Guck mal hin.« Er deutet auf seine hohe Stirn, verliert fast das Gleichgewicht und hält sich an Hakan fest. »Guck genau hin. Jede Falte hab ich mir hart erlacht.« - »Ick gloob dir ufs Wort«, sagt Hakan. Der Alte bestellt zweimal Fusel.

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