Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung
  • Politik
  • Folgen der Wiedervereinigung

Historiker: Arbeit der Treuhand wirkt bis heute nach

Phase der Umwandlung des DDR-Eigentums sei eine »chaotische Situation«gewesen, »in der man sehr viel improvisiert hat«

  • Lesedauer: 2 Min.

Grimma. Das hohe Tempo der deutschen Wiedervereinigung hat in Ostdeutschland nach Einschätzung des Historikers Marcus Böick bis heute weitreichende Folgen. Ein Großteil der ehemaligen DDR-Betriebe sei nach der Wende innerhalb von nur zwei Jahren privatisiert worden, sagte Böick am Montagabend in Grimma (Sachsen). Das habe dazu geführt, dass »niemand mehr den Überblick hatte«, die Menschen sich überwältigt fühlten und bis heute Probleme mit diesen Umbrüchen hätten, so der Forscher.

Böick hat in den vergangenen zwei Jahren im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums eine 800-seitige Forschungsarbeit zur Treuhand-Anstalt erstellt. Bei der Veranstaltung in Grimma mit Sachsens Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) stellte der Zeitgeschichts-Forscher von der Ruhr-Universität Bochum einige Ergebnisse vor.

Die Treuhand-Anstalt mit westdeutschen Managern an der Spitze war 1990 eingesetzt worden, um das Volkseigentum der DDR in die gesamtdeutsche Marktwirtschaft zu überführen. Zu Spitzenzeiten hatte sie laut Böick rund 4.000 Mitarbeiter. 1994 wurde die Anstalt aufgelöst. Böick zufolge produzierte sie etwa 70 Regalkilometer an Akten, die seit rund einem Jahr am Bundesarchiv zugänglich gemacht werden.

Böick beschrieb die Phase der Umwandlung des DDR-Eigentums als »chaotische Situation, in der man sehr viel improvisiert hat«. In Ost wie West seien die meisten Menschen von dem Szenario überrumpelt worden, das DDR-Volkseigentum so schnell wie möglich in die Marktwirtschaft zu überführen. Es habe keinen Masterplan gegeben, erklärte Böick. Man müsse eingestehen, »dass wir hier eine deutsch-deutsche Überforderung hatten« und »großes Chaos«.

Laut Böicks Forschungsergebnissen wurden von rund 8.500 vormaligen DDR-Betrieben etwa zwei Drittel privatisiert. Etwa drei Viertel der neuen Eigentümer seien Westdeutsche gewesen, so der Historiker. Rund 30 Prozent der DDR-Betriebe seien abgewickelt, ein geringer Teil kommunalisiert worden. Etwa 75 Prozent der zuvor rund vier Millionen Beschäftigten der DDR-Kombinate seien nach Abschluss der Arbeit der Treuhand arbeitslos gewesen, betonte Böick.

Köpping sagte, dass sich viele Menschen in Ostdeutschland als »Bürger zweiter Klasse« fühlten, hänge »mit diesen Vergangenheiten« zusammen. Neben der Arbeit der Treuhand müssten auch die fehlende Anerkennung der Lebensleistungen vieler Menschen oder die Problematik um die Renten früherer DDR-Bürger aufgearbeitet werden. Ihr gehe es nicht darum, Schuldige zu suchen, sondern um die Frage, »wie können wir aufarbeiten und damit Zukunft gestalten«, betonte die Ministerin. Die Politik müsse hier Lösungen und eine Vision entwickeln, fügte sie hinzu. epd/nd

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln