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  • Siebzigster Geburtstag von Sebastian Kleinschmidt

Schutzraum dem schutzlosen Wort

Sebastian Kleinschmidt wird siebzig und veröffentlicht den Essay-Band »Spiegelungen«

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Das Gedicht, die Libelle: Welch seltsam-nutzlose Geschöpfe, ohne erkennbaren Zweck schön.
Das Gedicht, die Libelle: Welch seltsam-nutzlose Geschöpfe, ohne erkennbaren Zweck schön.

Dies ist einer jener Hüter des Geistes, die man suchen muss in uniformen Zeiten. Geist, der aus Worten kommt, die nicht zweckhaft, sondern poetisch sind. Auf die Frage, warum wir lesen sollen, antwortete er einmal: »Damit unsere Seelen nicht so knarren.« Geist und Seele, das sind Worte, mit denen mancher nichts mehr anzufangen weiß. Es sind dürftige Zeiten.

Das Hölderlin-Wort von den Dichtern in dürftiger Zeit war Sebastian Kleinschmidt immer gegenwärtig. Am 16. Mai 1948 wurde er in Schwerin als Sohn des Dompredigers Karl Kleinschmidt geboren, ein religiöser Sozialist, in der Nazi-Zeit verfolgt, dann als Theologe zugleich SED-Mitglied: Der verbindende Geist eines Neuanfangs aus dem Geist des Humanismus in der unmittelbaren Nachkriegszeit machte es möglich.

Dem Vorbild des Vaters als geistiger Brückenbauer folgt Kleinschmidt bis heute. Davon zeugen seine in Kürze erscheinenden Essays in »Spiegelungen«, nach »Gegenüberglück« der zweite bei Matthes & Seitz verlegte Band. Die religiösen Fragen beschäftigen ihn immer noch, vielleicht mehr denn je. So finden sich Texte wie »Gottesfurcht und Menschenliebe« oder »Was heißt es, theologische Fragen an die Geschichte zu stellen?« in diesem neuen Band. Kleinschmidt, der Pfarrerssohn, der in den siebziger Jahren Marxistisch-leninistische Philosophie an der Humboldt-Universität studierte, über Georg Lukács promovierte, mit Kommilitonen einen alternativ-sozialistischen Gesprächskreis initiierte, der vom eingeschleusten inoffiziellen Mitarbeiter der Staatssicherheit Arnold Schölzel verraten wurde - mit Folgen für die Beteiligten.

Kleinschmidt schöpft aus diesem Erfahrungsraum des DDR-Sozialismus bis heute. Das heißt vor allem: Er weiß um das Scheitern einer Idee, die ideologisch wurde, und darum, dass man Utopien davor schützen muss, »verwirklicht« zu werden. Ihre Heimat ist das Nirgendwo der Poesie, ein Sehnsuchtsort unentfremdeten Lebens, wie ihn auch Novalis’ »blaue Blume« symbolisiert.

Von 1991 bis 2013 war Sebastian Kleinschmidt Chefredakteur der »Sinn und Form«, einst von Peter Huchel und Johannes R. Becher begründetes Forum für freie Geister in Ost und West. Es waren im Schatten der Vertreibung der Ost-Eliten aus dem öffentlichen Raum nach 1990 unerwartet fruchtbare Jahre, die man fast mit einem inneren Exil für jene Art von Geistigkeit vergleichen kann, wie sie vorrangig im Osten anzutreffen ist. Der Osten bedeutet für Kleinschmidt - ganz im Sinne von Heinrich Manns beschwörendem Text zur Einheit Europas unter dem Titel »Ein geistiges Locarno« von 1927 - nicht nur Georg Lukács in Budapest oder den bewunderten Lyriker Adam Zagajewski in Polen, sondern auch Russlands mächtige geistige Strömungen, die bis zu uns reichen, von Tolstoi bis Dostojewski, Aitmatow und Granin.

Kleinschmidt veröffentlichte - als es im Westen niemand wissen wollte - zahlreiche Texte von Nikolai Berdjajew, Pawel Florenski oder Wladimir Solowjow in »Sinn und Form«, die sich mit dem Thema des »Slawophilen« beschäftigen. Er brach Anfang der 90er Jahre auch mit dem links-liberalen Tabu, das gewichtige konservative Stimmen aus dem Diskurs ausgrenzte, und veröffentlichte in »Sinn und Form« Tagebuchaufzeichnungen von Ernst Jünger - wofür der damalige Akademiepräsident Walter Jens seine Entfernung vom Chefredakteurs-Posten forderte. Eine Welle der Empörung gegen dieses autoritäre Gehabe, das viele Autoren an gerade überwundene Zensur-Praktiken der DDR erinnerte, verhinderte dies jedoch.

Kleinschmidt pflegte Autoren, indem er von ihnen beharrliches Weiterdenken einmal angestoßener Themen verlangte. Nachdem ich 1991 mit einem Text über Mystik bei Luise Rinser in »Sinn und Form« debütierte, lehrte er mich warten. Zeit, das ist im »Kloster für freie Geister« (Nietzsche), dem er nachfolgte, ein Begriff mit eigenem Maß. So vergingen Jahre in Schweigen, freundlich-vertrautem ebenso wie angespannt-befremdetem. Mal druckte er, was ich ihm anbot, mal nicht. Ohne Begründung, aber nie zufällig.

Als ich ihm einen Text zur Ironie schickte, antwortete er, recht schön, aber da fehle das Entscheidende: die Würdigung des Pathos, das aus dem Schmerz kommt. Ich fand, dass die romantische Ironie aus der gleichen Wurzel erwächst. Er fand das nicht, meinte, darüber sollten wir noch einmal nachdenken, auch ihn beschäftige das Thema, er werde sich wieder melden. Monate später dann der Anruf: Jetzt müssten wir Pathos und Ironie in eine druckbare Form bringen. Er selbst hatte mit »Pathosallergie und Ironiekonjunktur« einen großen - und unmissverständlich zeitgeistkritischen - Wurf vorgelegt. Als ich ihm antwortete, dass meine Uhren offenbar schneller gingen als seine und mein Text längst anderweitig veröffentlicht sei, verstand er das nicht, ging für Jahre auf Distanz, bis es erneut - und dann immer wieder - zur Zusammenarbeit kam. Es bedeutete eben etwas, in »Sinn und Form« zu veröffentlichen, es war etwas Besonderes, Feiertage im Leben eines Autors. Seit Kleinschmidt nicht mehr der »Sinn und Form« vorsteht, vermisse ich diese Rituale, ebenso das Bewusstsein, dass Europa auch einen Osten hat, mit reicher geistiger Tradition, die uns angeht.

Immer aber treibt den Essayisten der Schutzinstinkt von etwas ganz und gar Schutzlosem an: das Wort der Dichter, das ebenso transparent wie geheimnisvoll bleibt. Wolfgang Hilbig war so ein Dichter, über den bereits Franz Fühmann »Ecce poeta!« ausrief, ein Heizer aus Meuselwitz, der im bläulichen Leuchten des Kohlefeuers unsterbliche Verse schrieb. Kleinschmidt über diesen Kafka der Braunkohle, eine »Gegenstimme von Anfang an«: »Heizen war eine Tätigkeit für Unqualifizierte, für den ›Werktätigen‹ Hilbig gab es hier wenig zu lernen, für den Autor indes viel. Das alte Kesselhaus, ein unterirdischer Ort wahrhaftiger Sisyphusarbeit, wurde für den in nächtlichen Pausen über seinen Schreibheften hockenden Dichter zu einem mythischen Ort: der glutheiße, flammendurchlohte Keller, die schwarzen Brikettberge, die feuerspeienden Einfüllschächte der Kessel, die tanzenden Schatten an den rußigen Wänden, zischende Ventile, tickende Manometer, das Prasseln in den verrotteten Dampfleitungen.« Hilbig: ein schreibender Arbeiter, der sich jedem Klischee entzog und geistige Gewohnheitsträgheit aufstörte.

Über Erwin Strittmatters »Wundertäter III«, der 1978 beendet wurde, lesen wir bei Kleinschmidt: »Kein anderer DDR-Schriftsteller hat um diese Zeit so klare, so entschiedene Worte zu Papier gebracht.« Über sein »schwieriges Naturell« habe dieser große Autor sich in seinen Tagebüchern ständig Rechenschaft gegeben, sein Rückzug nach Schulzenhof wurde seinem Schreiben notwendig: »Strittmatter hat in seinem Leben die Erfahrung gemacht, dass ideologische Leidenschaft und politisches Streiten ihn von sich selbst entfremden, ihn von den Quellen abschneiden, aus denen sich seine Schöpferkraft speist.«

Auch Kleinschmidts Lesart von Botho Strauß als »poetischer Enzyklopädist« und »Meister des Gedankenfragments« entspringt jederzeit eigenem Nachdenken über Gelesenes. Fremdurteile prallen hier ab, es zählt nur die eigene Wahrnehmung: »Autorschaft als Überfahrt, als Traumpassage ohne Ende. Wohin? Ins Unerkundete, in die Verwandlung. Einswerden von Fährmann, Fähre und Fracht.«

Verwandlung ist ein gedankliches Mysterium, aber eben auch ein sinnliches Verwirrspiel, das sich in Kleinschmidts Annäherung ans Tier offenbart. Sein Gesprächsband mit Daniel Kehlmann »Requiem für einen Hund« ist ein belehrendes Vergnügen, und auch in »Spiegelungen« findet sich nun eine Lesart zu einem Libellen-Gedicht Christian Lehnerts. Welch seltsam-nutzlose Geschöpfe, ohne erkennbaren Zweck schön: »Man könnte sagen, das Gedicht verneigt sich vor einer Botin des Lichts und der Farbigkeit, einem Überbringer von eleusinischem Glanz.«

Solch Worte muss man dem Dichter lustvoll nachschöpfen als Essayist. Immer wenn ich künftig eine Libelle, durchsichtig bis zur farbig schimmernden Grundlosigkeit, auf der Stelle schweben sehe, werde ich nun auch Kleinschmidts Wort vom »eleusinischen Glanz« vor Augen haben.

Sebastian Kleinschmidt: Spiegelungen. Matthes & Seitz, 317 S., geb., 26 €.

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