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Die Lehre der Glühbirne

Zum heutigen Internationalen Tag des Lichts

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

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Heute ist, von der UNESCO ausgerufen, der Internationale Tag des Lichts. Das Licht: Es liefert uns die morgendliche Illusion, die Welt würde jetzt erst erschaffen. Keine Lieferung frei Haus ist das. Wir müssen die Welt schon wollen. Und genau diesen einen Tag, der nun ansteht. Das ist oft schwer genug, da zum ersten Blick ins Licht gleich auch jene letzten Gedanken wiederkommen, die uns gestern am Schlaf hinderten. Das Licht ist still, die Gedanken aber singen gleich früh ihre grässliche Hymne: »Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da?« Und schon kann geschehen, dass alles Licht sich verengt und einzig noch zum hellen Punkt schrumpft, den wir am Ende eines Tunnels zu sehen hoffen.

Wenn vom Licht die Rede ist, fällt einem leider vieles ein, was dieses helle Wunder schlecht beleumundet. Ausgerechnet das Streben nach einem Platz an der Sonne befördert bekanntlich Wettbewerbe, bei denen einem schwarz vor Augen werden kann. Der Mensch hat das Licht in ungute Wortverbindungen gesperrt: Lichtschranke zum Beispiel, ein Wort, wie man es den Bäumen mit dem Begriff Schlagbaum antat. Oder die Lehre der Glühbirne: wie schnell wir aus der Fassung geraten. Oft genug benehmen wir uns hybrid wie eine Lichtquelle, die sich anmaßt, genau so groß wie der Raum zu sein, den sie erhellen soll. Und dass dieser listige Heinrich von Kleist seinen verkrümmgierigen, schleichenden Beamten, diesen Büro-Schreiber im »Zerbrochnen Krug«, ausgerechnet Licht nannte, auch das bringt das Licht in den Verruf der kalten Bloßstellung. Als sei es ein Instrument der bösen Ausleuchtung. Ein großes Licht ist dieser Licht beileibe nicht.

Es werde Licht. Man sieht nur die im Lichte … Wir kommen ohne das Wort nicht aus, und wenn wir zum Morgen zurückkehren, so besteht die tägliche Erschaffung der Welt darin, dass wir mit dem neuerlichen Hochsteigen der Helle draußen in uns zusammentragen, was zur Besänftigung ansteht.

Sonnenaufgang ist immer die Stunde des Umschwungs, als müsse da ein neues Tor aufgestoßen werden in unbekanntes Gelände. Das natürliche Licht kann, wenn wir in der Frühe sekundenlang, noch etwas benommen, sinnend vorm Fenster stehen, den nützlichen Verdacht in uns nähren, Wärme sei etwas, dem wir nicht immer die genügende Achtung schenken. Genau dies soll sich, so nehmen wir uns täglich vor, heute ändern. Schön. Helle Freude.

In seinem ersten Licht bietet der Tag auch die Hoffnung an, just heute habe man mehr Zeit vor sich als gestern. Was uns bis gestern noch weggerast ist an Stunden, es scheint jetzt, beim ersten Zigarettenzug vor leuchtenden Stadtkulisse, stillzustehen - auf dass wir den Dingen ein neues Maß geben. Und schon ist man verführt und also mit Verbesserungsstrategien beschäftigt. Großartige Stunde Null. Es wird Spaß machen, ein neuer Mensch im neuen Tag zu sein. Vielleicht endlich mal ohne notorisch überreiztes Bewusstsein. Das Licht ist gegen Hierarchien. Es war Nacht, jetzt ist Tag, mehr Unterschied ist nicht nötig. Das Leben büßt umgehend seine Problematik ein.

Doch wie gesagt: Da ist und bleibt die Hymne von den lieben Sorgen. Täuschen wir uns also nicht. Morgen-Rot und Morgen-Grauen liegen dicht beieinander. Brüder, zur Sonne … Auch der schneidende Verhör-Scheinwerfer ist ein Ableger des Lichts, und leider stand auch er im Dienst der lichten Zukunft, und seitdem sind praxisbeflissene, erziehungseifrige Utopisten keine Lichtgestalten mehr. Zu dem Thema hat Arthur Koestler einen der bittersten Romane des 20. Jahrhunderts geschrieben: »Sonnenfinsternis«. Die Aufklärung und ihre Dunkelmänner.

Im reinen Lichte verbrennt doch alles, wusste Fontane - ein Impuls, die Wahrheitsfundamentalisten, diese kalten Durch- und Überblicksfanatiker zu meiden, die bereits den Wunsch nach einem bisschen Frieden als Verrat an der Großidee des Harmonischen geißeln. Unglückliche meist, die vielleicht von einer Herkunftsneurose oder von anders herleitbarem Liebesmangel geplagt werden.

Lassen wir uns also von unseren Wünschen nach absoluter Aufklärung der Dinge nicht hinters Licht führen. Wer etwas ganz stark herbeiwünschen will, macht nicht zufällig die Augen zu: In jedem Traum liegt das Bedürfnis, vor der Welt, wie sie ist, den Blick zu verschließen. Das ändert nichts an der Welt, tut aber gut. Denn bald tut’s wieder weh, meistens - wenn die Welt uns die Augen öffnet. Das genau ist der unlösbare Widerspruch, der - bei Lichte dessen besehen, was Licht in uns auslöst - jeden Tag auszutragen ist: Man will mit neuen Vorsätzen hinaus, aber irgend etwas pfuscht uns auch heute in den Plan der seelischen Neuformatierung hinein. Das ist die Wahrheit, von der es so schön heißt, die Sonne bringe sie an den Tag.

Doch liegt in diesem Widerspruch auch etwas sehr Schönes: Wir haben zwar keinen Sinn ausgebildet für Zukunft, nichts ist vorhersehbar, aber: Es gibt keine wirkliche Kontrolle unserer Phantasien, in denen alles (fast alles) gut ausgeht. Wenn das kein Lichtblick ist ...

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