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Aufstand der Ausgeschlossenen

Eine Publikation ordnet die G20-Krawalle im Hamburger Schanzenviertel als Erhebung von Überflüssigen ein

  • Von Gaston Kirsche, Hamburg
  • Lesedauer: 3 Min.

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G20-Proteste in Hamburg: Aufstand der Ausgeschlossenen

Nach dem G20-Gipfel vom Juli 2017 in Hamburg war die Empörung über vermeintlichen Linksterrorismus groß. Vor allem die Barrikadennacht vom Schanzenviertel erregte die Gemüter. Der nun erschienene Sammelband »Riot - Was war da los in Hamburg?« versucht sich an einer Aufarbeitung der Krawalle - und trägt nicht zu Unrecht den Untertitel »Theorie und Praxis der kollektiven Aktion«.

Am Anfang steht ein chronologisch gegliederter Bericht der US-amerikanischen Gruppe Crimethinc Ex-Workers Collective, der viele Ereignisse und die Atmosphäre der Protestwoche in Hamburg anschaulich schildert. In den meisten der folgenden Texte geht es jedoch um die theoretische Einordnung insbesondere der Barrikadennacht vom 7. auf den 8. Juli im Schanzenviertel, die als »Riot« oder auch als postindustrieller Aufstand bezeichnet wird.

Dessen soziale Basis seien die Überflüssigen, die Surplus-Bevölkerung, die für die Kapitalakkumulation, für die Lohnarbeit nicht mehr Benötigten. Das Kapital mag diese Arbeiter nicht länger brauchen, aber diese brauchen weiterhin Arbeit, wie es in dem zentralen Text des Buches heißt: »Eine Theorie des Aufstands« von Joshua Clover. Clover, der an einer Universität in Kalifornien lehrt, hat vor zwei Jahren das Buch »Riot.Strike.Riot: The New Era Of Uprisings« veröffentlicht. In dem Sammelband ist die Übersetzung der Einleitung dieses Buches abgedruckt.

Anknüpfend an die marxistische Theorie, insbesondere über Krisen, beginnt für Clover in der Strukturkrise seit 1973 die Ära des postindustriellen oder primären Aufstands der Ausgeschlossenen, der Überschüssigen, der Surplus-Bevölkerung gegen ihren Ausschluss von der Konsumtion. Die »materiellen Restrukturierungen« des Kapitals würden gleichzeitig »auf die kapitalistische Krise antworten und sie konstituieren, wobei sie sich im Kern durch ein Surplus von Kapital und Bevölkerung auszeichnen«.

Überschüssiges Kapital, überschüssige Menschen aus der Arbeiterklasse: »Es sind genau diese Restrukturierungen, welche den Aufstand als notwendige Form des Kampfes nahelegen«, so Joshua Clover.

Clovers Analyseansatz wird in dem längsten Aufsatz des Bandes paraphrasiert und eingeordnet: »Der Aufstand als Teil der globalen Zirkulationskämpfe« von Achim Szepanski. Von den 42 Seiten setzt sich Szepanski auf den letzten zweieinhalb kurz mit der Situation in Hamburg während der G20-Protestwoche auseinander: Die Polizeistrategie habe etwas von einer »sehr spezifischen Eskalation, einer Art ›milieu control‹« (Milieukontrolle) gehabt.

So vehement sein Text hiermit endet, so kurz springt er: Denn er bezieht sich ausschließlich auf die Situation am Freitagabend des 7. Juli von 21 bis 24 Uhr. In dieser Zeit hielt sich die Polizei gegenüber dem anwachsenden militanten Widerstand auf der Straße Schulterblatt zurück. Leider enthält der Band nur wenige Beiträge, die eine detaillierte Analyse der G20-Protestwoche angehen.

Auch ließe sich die interessante Aufstandstheorie von Clover besser anhand der Aufstände in den USA diskutieren, aus deren Beobachtung er seine Theorie entwickelt hat. Stattdessen wird einzig die dreistündige Abwesenheit uniformierter Polizeieinheiten am Schulterblatt als Beleg für die beginnende Zeit der postindustriellen Aufstände angeführt.

Der Sammelband wird seinem Titel nur in einigen Beiträgen gerecht. Es ist schade, dass auf den Abdruck wichtiger Texte verzichtet wurde, die sich detailliert mit den Ereignissen am Schulterblatt auseinandersetzen - so wird die angenehm unaufgeregte Stellungnahme der Geschäfts- und Gewerbetreibenden des Schanzenviertels um die Cantina Popular nur einmal kurz zitiert.

Absurderweise klammert der Band auch die Stellungnahmen des Autonomen Zentrums Rote Flora zur Schanzennacht aus - immerhin befindet sich die Rote Flora direkt am Schulterblatt. Das Zentrum stand im Zentrum der Kampagne gegen die radikale Linke nach der G20-Woche.

Dies ist schade, schließlich steuerte die Rote Flora selbst eine kritische Analyse zur Militanz in der Schanzennacht bei. Davon gibt es zu wenig in dem Sammelband, der sechzehn Beiträge von überwiegend meinungsstarken Männern enthält.

Karl-Heinz Dellwo/Achim Szepanski/ J. Paul Weiler: Riot - Was war da los in Hamburg? Theorie und Praxis der kollektiven Aktion. 258 Seiten, 16 Euro.

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