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  • Politik
  • Arbeiterkinder an der Uni

Als spräche man eine andere Sprache

Viele Studenten, die aus Arbeiterfamilien stammen, müssen einen sozialen Rückstand aufholen

  • Von Deniz Remberg
  • Lesedauer: 7 Min.

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Ich stehe, angelehnt an eine Säule, im brechend vollen Raum des Fachsprachenzentrums. Die dauernd lächelnde Prorektorin für Internationales und Diversität eröffnet uns gerade, dass die Universität in den letzten Jahren immer internationaler und multikultureller geworden sei. Ich lasse meinen Blick durch den Raum schweifen, mustere das Podium und das Publikum. Ich bin eingekeilt zwischen einer Gruppe spanischer StudentInnen, und auch viele andere KommilitonInnen im Publikum scheinen einen Migrationshintergrund zu haben. Sie stimmen der Prorektorin nickend zu. Die postulierte Internationalität unserer Universität hat es dann aber doch nicht bis auf das Podium geschafft, denke ich ein wenig gehässig. Bis auf die Moderation und die »schwäbische Binnenmigration« einer Professorin sind die Podiumsgäste alles andere als international.

Eingeladen zu dieser Abendveranstaltung hat das Rektorat der Universität Bielefeld, um über studentische Lebensrealitäten und das Gefühl der Fremdheit an der Uni zu diskutieren. Der Titel verdeutlicht, dass Geschlecht, Migration und soziale Herkunft der Studierenden im Fokus stehen sollen. Wie diese Themenkomplexe von Seiten des Rektorats zu verstehen sind, wird uns dann im Laufe der Debatte von der nun nicht mehr ganz so strahlenden Prorektorin erklärt: kulturelle und soziale Diversität seien zwar wichtig und gut, aber darunter dürften letztlich nicht die Leistungsstandards der Universität leiden. In dieser auf den ersten Blick einleuchtenden Aussage steckt die ganze Scheinheiligkeit des Diskurses zur Öffnung der Hochschulen für Kinder »bildungsferner« ArbeiterInnenfamilien, die oftmals auch einen Migrationshintergrund haben.

Der Rückzug auf vermeintlich neutrale und objektive Leistungsstandards erübrigt eine weitere Klärung der Frage, warum Studierende aus ArbeiterInnenfamilien nur wenige studentische oder wissenschaftliche Hilfskraftstellen bekommen, warum sie nur selten unter den Promovierenden und noch seltener im wissenschaftlichen Betrieb zu finden sind. Diese Studierenden, so scheint die einfache Antwort der Prorektorin zu sein, bringen eben nicht die entsprechende Leistung mit.

Dass diese »objektiven Leistungsstandards« alles andere als neutral sind, wies der französische Soziologe Pierre Bourdieu bereits Ende der 1970er in seinem Hauptwerk »Die feinen Unterschiede« nach. Er konnte detailliert nachzeichnen, dass Leistungsbeurteilung auf der Grundlage von klassenspezifischen Verhaltens- und Handlungsmuster, dem sogenannten Habitus, basieren. Vor allem in der schulischen und universitären Ausbildung sind es StudentInnen aus ArbeiterInnenfamilien, die in der Selektion ausgegrenzt und benachteiligt werden, weil sie über einen gesellschaftlich als negativ betrachteten Habitus verfügen.

Mehmet Yildiz* kennt dies aus seiner eigenen studentischen Erfahrung. »Ich habe mich jahrelang vergeblich, trotz guter Noten, auf eine wissenschaftliche Hilfskraftstelle in dem Fach Geschichte beworben«, so Mehmet. Oft wurde als Begründung angeführt, wie er hinterher von MitarbeiterInnen erfuhr, dass die anderen BewerberInnen mehr fachliches Engagement und noch bessere Noten vorzuweisen hätten. »Wie soll ich mich denn neben einem Minijob noch mehr einbringen und auf Fachkongresse fahren?«, fragt Mehmet gereizt. Hier wird deutlich: Engagement und Spitzennoten basieren auf Privilegien, die viele studierende ArbeiterInnenkinder nicht haben: Zeit und Geld.

ArbeiterInnenkinder, die sich diese beiden Privilegien durch ein Stipendium erkämpft haben, können oftmals über eine Odyssee berichten. So schildert es der Kommilitone Husam Toumi*, dass er sich am Anfang seines Studiums bei einigen linken Stiftungen bewarb. Als sich links verstehendes, migrantisches ArbeiterInnenkind habe er sich bewusst dort beworben. Aber gegen hochpolitische bürgerliche »Alman-Ausländer« und deutsche »Bionade-Kinder« habe er stets das Nachsehen gehabt. »Da bewirbt man sich als migrantisches Malocherkind bei der Stiftung einer Arbeiterpartei, und die finanziell abgesicherten Kinder des Bürgertums kriegen die Stipendien«, wirft Husam spöttisch ein.

Erst in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung habe er schließlich ein Stipendium bekommen, da diese die Lebensrealität, Chancen und Möglichkeiten von ArbeiterInnenkindern besser kenne und einschätzen könne. Nicht universale Leistungsmaßstäbe werden als Auswahlkriterien angelegt, sondern der spezifische soziale und kulturelle Hintergrund wird einbezogen.

Auffallend ist, dass viele Lehrende mit Migrationshintergrund entweder selbst aus akademischen Familien kommen oder ihren sozialen Aufstieg mit der Aufgabe ihrer alten sozialen und kulturellen Identität bezahlen mussten. Es scheint nicht primär der Migrationshintergrund oder das Geschlecht zu sein, die eine Karriere an der Uni versperren, sondern der Klassenhintergrund oder die Entscheidung, als Frau eine Familie gründen zu wollen. Studierende aus migrantischen ArbeiterInnenfamilien bekommen ihren sozialen Hintergrund und ihre kulturelle Identität doppelt zu spüren.

Das Gefühl, im wahrsten Sinne eine andere Sprache zu sprechen, kennen viele studierende ArbeiterInnenkinder. So berichtet Sven Ölhausen*, dass er sich in vielen Seminaren nicht traue, mitzudiskutieren oder Fragen zu stellen. Er habe das Gefühl, die anderen Studierenden hätten mehr Vorwissen und könnten sich viel eloquenter ausdrücken. »Ich möchte im Seminar nicht wie so’n ungebildeter Bauer wirken«, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu. Dieses permanente Gefühl der Unsicherheit und des Andersseins begleitet viele ArbeiterInnenkinder durch ihr gesamtes Studium. Sei es bei der Hausarbeitsbesprechung oder beim fakultätsinternen Plausch, Studierende aus ArbeiterInnenfamilien haben nicht die Leichtigkeit und Routine ihrer bürgerlichen KommilitonInnen.

Zahlen und Fakten

Problematisch ist die Definition, was genau Arbeiterklasse ist. Studien betrachten dabei oftmals den Bildungsabschluss der Eltern. Der Anteil von Studierenden aus Akademikerfamilien liegt gegenwärtig bei circa 50 Prozent (laut Middendorff, u.a.: Die wirtschaftliche und soziale Lage der Studierenden in Deutschland 2016) Diese Zahl mag auf den ersten Blick ausgewogen wirken, jedoch muss sie im Zusammenhang mit dem gesellschaftlichen Größenverhältnis betrachtet werden: Auf eine Million Nichtakademiker- kommen 200 000 Akademiker-Kinder.

Noch deutlicher wird die soziale Undurchlässigkeit bei den folgenden Zahlen: Von 100 Nicht-AkamedikerInnen-Kindern erhalten 44 das Abitur, 21 beginnen ein Studium, 15 beenden das Studium mit einem Bachelorabschluss, 8 mit einem Masterabschluss und nur eine Person erlangt am Ende ihres Studiums einen Doktortitel. Demgegenüber erreichen von 100 Kindern aus akademischen Haushalten 78 das Abitur, 74 beginnen zu studieren, davon schließen 63 mit einem Bachelor und 45 mit einem Master ab und 10 erhalten die Doktorwürde (laut Stifterverband: Hochschul-Bildungs-Report 2020, Bericht 2017/18). dr

Dass ArbeiterInnenkinder nicht bloß wehrlos und unwissend gegenüber diesen Mechanismen bleiben müssen, zeigt der universitäre Werdegang von Bettina Gutperl. Aufgewachsen in der hessischen Provinz, machte die junge Studentin aus einer katholischen ArbeiterInnenfamilie am Anfang ihres Studiums die Erfahrung der ständigen Unsicherheit und der Angst, dem universitären Duktus nicht gerecht zu werden. Während gleichaltrige KommilitonInnen lebhaft und selbstbewusst mit ihrem Halbwissen diskutierten, blieb sie oft still.

Dass dies ein strukturelles Problem ist und nicht alleinig mit individuellem Verhalten zusammenhängt, wurde ihr erst durch ihre Arbeit in feministischen und politischen Kontexten bewusst. »Die Erkenntnis, dass es patriarchale Verhältnisse und die herrschenden Klassenstrukturen sind, die junge Frauen verstummen lassen, hat mein Selbstbewusstsein ungeheuer gesteigert«, bekräftigt Bettina Gutperl. Dieses Wissen und die eigene politische Arbeit führten dazu, dass sie sich heute selbstbewusster in Seminaren und in Debatten bewegt und Geschäftsführerin des größten linken Studierendenverbands, dem SDS, ist.

Wie Interessenpolitik für ArbeiterInnenkinder und mit ihnen an der Hochschule aussehen kann, zeigt das »Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende« (fikuS) in Münster. Es bildet an der Hochschule einen Ort, an dem studierende ArbeiterInnenkinder sich über ihre Erfahrungen austauschen und diese gemeinsam reflektieren können. »Im Zentrum der Referatsarbeit«, so betont es der der fikuS-Referent Richard Dietrich, »steht die Stärkung des Selbstbewusstseins von ArbeiterInnenkindern an der Hochschule.« Sie seien es oftmals, die aufgrund von Diskriminierungserfahrungen ihren familiären Hintergrund verheimlichen und versuchen, sich einen bildungsbürgerlichen Habitus anzueignen. Ein weiteres Tätigkeitsfeld des Referats ist die Öffentlichkeitsarbeit, um ein Sprachrohr für Interessen, Probleme und die Lebensrealität von ArbeiterInnenkindern zu bilden.

Das fikuS-Referat in Münster stellt einen kleinen Leuchtturm für studierende ArbeiterInnenkinder im bundesrepublikanischen Hochschulwesen dar. Daher sei es wichtig, sagt Richard Dietrich, Verbündete zu finden und eine weitaus größere Verankerung an deutschen Hochschulen zu bekommen. »Wir müssen Interessenspolitik für ArbeiterInnenkinder auch auf die bildungspolitische Agenda setzen«, macht Dietrrich deutlich, »denn das Problem kann nicht lokal an einzelnen Universitäten gelöst werden.«

* Namen wurden geändert

Deniz Remberg stammt aus einer klassenbewussten deutsch-türkischen Bildungsaufstiegsfamilie. Er war viele Jahre hochschul- und bildungspolitisch aktiv an der Universität Bielefeld. Heute ist er Referendar für Sport und Englisch an einer Bielefelder Gesamtschule.

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