Werbung

Integrieren durch Studieren

Die Geflüchteten des Sommers der Migration von 2015 kommen nur langsam an den Berliner Universitäten an

  • Von Johanna Treblin
  • Lesedauer: 4 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Das Seminar beginnt mit einem Videoclip. Eine alte Frau schleppt sich langsam mit ihrem Rollator vorwärts. An ihr vorbei rennt eine Gruppe von Frauen in dunklen Burkas. Fast gleichzeitig kommen sie am Ziel an. Es gilt, an einem Griff zu ziehen. Der eine trägt die Aufschrift »Rente«, der andere »Einwanderung«. Am Bildschirmrand wird ein Satz eingeblendet: »In der Politik dreht sich alles um Entscheidungen.« Es ist der Wahlwerbespot der rechtspopulistischen Partei Schwedendemokraten.

Die acht Studierenden diskutieren zunächst in Kleingruppen die Bedeutung des Spots, dann im Plenum. Sie deuten, wie die alte Frau im Gegensatz zu den Migrantinnen dargestellt wird: hell versus dunkel, eine gegen viele, langsam versus schnell. »Places of Migration« heißt das Seminar an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Konzipiert ist es für Geflüchtete und Nicht-Geflüchtete. Unterrichtssprache ist Englisch, die beiden Dozenten Raana Ghazanfarpour und Nader Talebi lehren und übersetzen alle Beiträge auch in Farsi, wer mag, kann auch auf Deutsch sprechen.

Nach dem Sommer der Migration im Jahr 2015 richteten die Hochschulen Programme ein, um Geflüchteten den Zugang zu Hochschulen zu ermöglichen. Denn für die ist es meist unmöglich, trotz Schulabschluss oder bereits begonnenem Studium im Heimatland sich sofort an einer Universität in Deutschland einzuschreiben. Viele konnten keine Zeugnisse oder Studiennachweise mit auf die Flucht nehmen, was die Anerkennung von Leistungen erschwert. Hinzu kommt das finanzielle Problem: Sobald sie an einer Universität immatrikuliert sind, erhalten sie keine finanziellen Zuwendungen aus dem Asylbewerberleistungsgesetz oder vom Jobcenter mehr. Auch die Sprache ist eine Hürde - auf beiden Seiten. Mangelnde Deutschkenntnisse bei Geflüchteten und fehlende Angebote englischsprachiger Seminare an den Hochschulen.

Auch das Programm »HU4Refugees« gibt es seit 2015. Das interdisziplinäre Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) bietet in dem Rahmen pro Semester regelmäßig zwei Lehrveranstaltungen an.

In der heutigen Sitzung des Seminars »Places of Migration« geht es um das Konzept der Integration. Bedeutet sie Anpassung, gar Assimilation? Ist Integration eine Einbahnstraße? Integriert ist, wer die Sprache spricht und eine Arbeit hat, schlägt eine Studentin vor. Für eine andere gehört dazu, sich an die Regeln der Aufnahmegesellschaft zu halten. Eine dritte meint: »Integriert sind diejenigen, die die guten Aspekte beider Kulturen verbinden.« Aber was ist »gut«?, wendet ein Student ein.

Die Kurse des BIM richten sich sowohl an Geflüchtete als auch an Masterstudierende der HU. Letztere können hier reguläre Studienleistungen erbringen. Geflüchtete, die nicht an der HU immatrikuliert sind, erhalten zunächst ein Zeugnis. Wenn möglich, sollen die Leistungen auf ein späteres Studium angerechnet werden können.

Achille V. kommt aus Frankreich. An der HU absolviert er einen europäischen Studiengang. Für »Places of Migration« hat er sich aus Interesse am Thema angemeldet. »Und ich wollte die unterschiedlichen Perspektiven kennenlernen - der Teilnehmer und der Dozenten.« Ob Geflüchtete unter den Kommilitonen seien, wisse er nicht. Das zu wissen, ist für den Kurs auch nicht relevant. Er ist so konzipiert, dass sowohl soziologisch vorgebildete Menschen als auch Interessierte anderer Fächer teilnehmen können. Im Laufe des Seminars sollen sie ihre eigenen Berlin-Stadtpläne erstellen, also beispielsweise abbilden - möglichst digital -, welche ihre eigenen regulären Anlaufpunkte sind. Genauso gut können sie sich auf eine migrantische Gruppe konzentrieren und zum Beispiel Orte der iranischen Community eintragen.

Anahita Mirshekarnejad hat eigentlich Management studiert. Vor zwei Jahren kam sie nach Deutschland. »Durch meine eigene Migration habe ich mich auch mehr für dieses Thema interessiert.« Über einen Freund erfuhr sie dann vom HU-Seminar - und meldete sich an.

Einen zentralen Überblick über die einzelnen Programme aller Berliner Universitäten gibt es nicht. Wie viele Geflüchtete sich letztlich einschreiben, wird aus Datenschutzgründen nicht erfasst. Sowohl die Freie (FU) als auch die Technische Universität (TU) geben an, dass seit Beginn der Programme im Herbst 2015 insgesamt etwa 500 Personen teilgenommen haben. Am Vorbereitungsprogramm »Welcome@FUBerlin« sind aktuell 200 Personen angemeldet, beim Gasthörerprogramm der TU nehmen derzeit rund 90 Geflüchtete als Gaststudierende an Lehrveranstaltungen teil.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

9 Ausgaben für nur 9 €

Jetzt nd.DieWoche testen!

9 Samstage die Wochenendzeitung bequem frei Haus.

Hier bestellen