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Sozialverbände finden keine Räume

Trotz größerer finanzieller Spielräume kann die Obdachlosenhilfe nicht - wie geplant - verbessert werden

  • Von Ulrike von Leszczynski
  • Lesedauer: 4 Min.

Neue Hilfsangebote für wohnungslose Menschen in Berlin scheitern immer häufiger am angespannte Mietmarkt. »Der Mangel geht so weit, dass wir keine Räume für weitere Notübernachtungen für Familien finden«, sagt Barbara Eschen, Direktorin des Diakonischen Werkes Berlin-Brandenburg. Der Senat hat bis zu 1,2 Millionen Euro für zwei weitere Projekte bereitgestellt, um insgesamt rund 100 Plätze für Familien ohne ein Dach über dem Kopf anbieten zu können. »Doch wir können das nicht umsetzen, weil wir auf dem Wohnungsmarkt bisher keine Räume dafür finden«, ergänzt Eschen.

So bleibt es bislang bei 32 Plätzen für Familien ohne Wohnung. Der Bedarf liegt darüber. Ende April ist zudem die Kälthilfe-Saison zu Ende gegangen. »Was jetzt bis Oktober wegfällt, sind nicht allein Hunderte Notschlafplätze, sondern auch Cafés, Suppenküchen für Mahlzeiten und medizinische Angebote«, sagt Eschen.

Obdachlosigkeit in der Hauptstadt könnte damit im Sommer wieder sichtbarer werden. Zwar hat der Senat die Mittel für Wohnungslose 2018 auf 8,1 Millionen Euro verdoppelt. Auch, um wilde Camps zu verhindern. »Ich sehe mehr Dynamik bei der Suche nach Hilfsmöglichkeiten, aber die Probleme galoppieren auch«, sagt Eschen.

In Berlin gibt es unter den geschätzt mehr als 40 000 Wohnungslosen 4000 bis 6000 Menschen, die auf der Straße leben - Tendenz steigend. Die Zahlen basieren auf einer Stichtagsanalyse der Liga der Wohlfahrtsverbände zum 31. Dezember 2016, jüngere gibt es nicht. Geschätzte mehr als zwei Drittel der Obdachlosen kommen aus EU-Staaten. Ein Teil ist durch prekäre Arbeitsverhältnisse in die Obdachlosigkeit gerutscht. Unter den Menschen auf der Straße sind heute mehr Frauen, mehr Jüngere und Ältere, mehr Behinderte - manche im Rollstuhl - und inzwischen sogar Familien.

»Das Bild vom Obdachlosen, der sich freiwillig für ein Leben auf der Straße entschieden hat, das stimmt nur noch in seltenen Fällen«, sagt Kai-Gerrit Venske, Caritas-Fachreferent für Wohnungslosenhilfe. Wie schnell das Leben auf der Straße in die Verelendung führen kann, zeigt der erste Gesundheitsbericht zur Lage der medizinischen Versorgung Obdachloser von Mitte März. 6600 Menschen kamen zur Behandlung, viele mehrmals. Oft ging es um Hauterkrankungen, Atemwegsleiden, psychische Probleme und Sucht. Und der Hilfebedarf wächst.

Erstmals bot die Kältehilfe deshalb auch im April rund 500 öffentlich finanzierte Schlafplätze an. Das war rund die Hälfte des Angebots vom Winter. Ende April wurde es deutlich wärmer. »Die Auslastung lag trotzdem im Schnitt bei 91 Prozent«, bilanziert Regina Kneiding, Sprecherin der Sozialverwaltung. »Der Bedarf ist das ganze Jahr über da«, betont Venske. Die Berliner Stadtmission will ihre Traglufthalle auf einem Bahngelände nahe der Frankfurter Allee deshalb ab Ende Mai als Notübernachtung weiterbetreiben - ab 21 Uhr mit 70 Plätzen. Das biete Männern und Frauen nach einem Umbau etwas mehr Privatsphäre als im Winter während der Kältehilfe, sagt Sprecherin Martina Rogasch. Neben einem Abendbrot gebe es Kleidung und eine Sozialberatung. Dazu kommen nach Venskes Rechnung über den Sommer 163 weitere Notschlafplätze bei sozialen Trägern in ganz Berlin. Das seien rund 80 Plätze mehr als früher. Ein weiterer Ausbau des Angebotes, der bis zu weitere 110 Plätze bringen soll, stagniere - weil sich keine Immobilien finden.

Auch Venske bewertet es positiv, dass deutlich mehr Geld in die Wohnungslosenhilfe fließt. »Das Signal ist in der Politik angekommen.« Aber es müsse am Ende mehr passieren, als Kältehilfeplätze aufzustocken und Menschen bei Gefahr für Leib und Leben nach dem Ordnungsrecht in Notquartieren zu verwahren. »Solche Notunterkünfte sind keine Clearingstellen«, sagt er.

Die Bewilligungspraxis der Sozialämter für individuellere Hilfen nach dem Sozialgesetzbuch stagniere jedoch oder sie sei - vermutlich aus Sparzwängen heraus - sogar rückläufig. »Bei ambulanten Angeboten, Kriseneinrichtungen und Übergangswohnheimen gibt es seit langem 4000 bis 4500 bewilligte Maßnahmen pro Jahr«, berichtet Venske. »Das ist angesichts der massiv gewachsenen Wohnungsnot unverständlich und viel zu wenig beim heutigen Bedarf«, kritisiert er.

Reine Nothilfe kann es auch für Diakonie-Chefin Eschen langfristig nicht sein. »Der Erfolg aller Bemühungen hängt davon ab, ob wir ein Hilfesystem haben, in das die Leute auch hineinkönnen«, sagt sie. Normalerweise mieteten soziale Träger Wohnungen an, weil Menschen von der Straße ohnehin keine Chance auf einen Mietvertrag haben. »Aber viele Wohnungen unserer Träger sind gekündigt worden, weil Vermieter auf dem freien Markt jetzt mehr Geld verdienen können«, berichtet Eschen. dpa

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