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Bitte nicht hopsen!

Seun Kuti macht zeitgemäße Protestmusik. Und führt mit der Band seines Vaters die Tradition des Afrobeat fort

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Vor 21 Jahren starb Fela Kuti, und es war, als würde eine Epoche enden. Kuti hatte beinahe im Alleingang in den 60er und 70er Jahren die nigerianische Rockmusik begründet, die als Afrobeat zum globalen Ereignis wurde. Wer in den 70er Jahren die Wandlungen von Miles Davis und Led Zeppelin als heavy empfand, musste sich von Fela Kutis Big Band schier überrollt fühlen. Keiner spielte Funk und Rock mit so einer Wucht - keiner fusionierte aber auch diesen Sound so lässig mit lokalen Musiktraditionen. Mindestens gleichberechtigt zur musikalischen Virtuosität stand Kutis politische Haltung: Im Prinzip waren seine Bands politische Gruppen, die in das alltägliche Geschehen permanent intervenierten. Seine Berühmtheit schützte Kuti vor Repressionen.

Sound wie Attitüde waren 1997 schon längst eine Marke, ein sich selbst reproduzierendes Muster, Kuti, der mit erst 58 Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion starb, war ein Veteran seiner eigenen Agenda. Aber die Geschichte ging weiter: Er »vererbte« seine Band Egypt 80 seinem damals 14-jährigen Sohn Seun.

Ende März hat Seun Kuti, wie sein Vater Sänger und Saxofonist, nun »Black Times« veröffentlicht, sein viertes Studioalbum mit Egypt 80, und er lässt mit einem gewissen Pathos verlauten, seit dem Tod seines Vaters habe er auf dieses Album hingearbeitet. Dementsprechend großspurig heißt der Eröffnungstrack, der auch die Stimmung des gesamten Albums vorgeben wird, »Last Revolutionary«. Der Titel ist nicht fatalistisch zu verstehen, etwa im Sinne von »Last Man Standing«, sondern verkündet mit sehr großem Selbstbewusstsein: Nach uns wird es keine Generation von Revolutionären mehr geben, denn wir werden sie machen, die Revolution.

Das ist für vergrübelte und an Niederlagen gewöhnte West-Linke vielleicht doch etwas zu viel. Heisere Agitatoren sind »unserer« Popkultur nicht unbekannt, man denke zuletzt an das arg bemühte »Prophets of Rage«-Projekt von Rapper Chuck D und den Punk-Verballhornern Rage Against The Machine, die keine Protestphrase auslassen und jede zu Tode zitierte Widerstandsgeste sich noch einmal zu reanimieren bemühen. Nichts davon bei Kuti: Auf »Last Revolutionary« hat er die musikalische Dichte im Vergleich zu seinen früheren Alben noch gesteigert, hat er das Zusammenspiel von Rhythmusarbeit (Percussion und Gitarrenriffs) und ultraprägnanten Bläser-Melodiekürzeln kleinteiliger und kompakter gestaltet. Er hat prominente Künstler an Bord geholt - Carlos Santana, Yasiin Bey und als Co-Produzent Robert Glasper - , aber sie unaufdringlich in seine Tracks integriert. Für jeden hat er traumwandlerisch den richtigen Ausdruck gewählt. Jeglicher radical chic wird durch eine Musik gekontert, die sich glücklicherweise zu wichtig nimmt, um für schale Gesten herzuhalten.

Natürlich bewegt sich die Musik im Afrobeat-Kontinuum (wobei sein Vater wohl niemals derart subtil und in Klangdetails verliebt gearbeitet hätte). Aber Seun Kuti ist sich bewusst, dass er 2018 lebt und seine Heimatstadt Lagos heute auch ein globaler Knotenpunkt von Kapitalströmen und Klassenkämpfen ist, dass mithin jede Retro-Attitüde - wie schaffen wir es, den Sound von 1974 perfekt zu kopieren? - ein Verrat an der Agenda seines Vaters und an der großartigen Tradition des Afrobeat wäre. Kurzum: Seun Kuti weiß, dass er auf sich gestellt ist und dass jede Tradition nur im Bruch, im kritischen Prozess der Selbstaufhebung fortbestehen kann. Und so huscht nicht nur der Geist von Fela durch die Kulissen, sondern auch der von Ornette Coleman: Mit seiner Prime-Time-Band entwickelte der Freejazz-Pionier einst einen so abgespeckten wie melodisch ungemein beziehungsreichen Jazzrock. Er hallt in Seuns Stücken wider. Zu dieser Musik stampft und hopst man nicht, man tanzt.

Sie ist zudem ein Abenteuer des Kopfes (»Dancing In the Head« hieß ein klassisches Prime-Time-Album Colemans, der Titel wäre auch hier passend): Auf »Black Times« arrangiert Seun Kuti die unterschiedlichsten Traditionen transatlantischer schwarzer Musik quasi versetzt, er schichtet und collagiert, als Arrangeur entscheidet er sich nur selten für das Naheliegende. Kuti und Egypt 80 bleiben unberechenbar und sind deshalb nah dran an einer zeitgemäßen globalen Protestmusik, die auf Traditionen nicht verzichtet, sondern sie für alle neu kontextualisiert.

So gesehen sind Seun Kutis Versprechen gedeckt: Mit dieser Musik mag die Revolution tatsächlich kommen. Inhaltlich bleiben die nigerianischen Zustände der Fokus seiner Texte, Kuti, der vor sechs Jahren aktiv an der »Occupy Nigeria«-Bewegung beteiligt war und an den Protesten gegen Energie-Armut, Umweltzerstörung und Korruption teilnahm, kündet vom Klassenkampf in seiner Heimat, einem Land, in dem immer mehr Arme leben, weil der Reichtum, den sie erwirtschaften, nicht für sie da ist. Das kommt einem bekannt vor. Aber auch für Nigeria war die Occupy-Bewegung eine neue Erfahrung: Inhaltlich, von ihren Forderungen her mag die Bewegung beschränkt, »reformistisch« gewesen sein, aber formell war sie mit ihrer Kritik an jeder Form des Führertums und der Repräsentation kühn. Aus dieser Perspektive bekommt der Titel »Last Revolutionary« noch eine Bedeutung: Erst wenn die Revolutionäre abgetreten sind, beginnt die Revolution. Kuti wird’s verkraften: Selbstverständlich werden die aufständischen Massen seine Musik hören.

Seun Kuti & Egypt 80: »Black Times« (Strut Records)

Konzert: J. A. W with Seun Kuti & Egypt 80, 19.5., 20 Uhr, Festsaal Kreuzberg

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