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In eisiger Einsamkeit

Seit die Jacht »Grönland« vor 150 Jahren Segel setzte, beteiligt sich Deutschland an der Erforschung der Polargebiete

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Am 25. Mai wird die Jacht »Grönland« in Bremerhaven am Kai des Deutschen Schifffahrtsmuseums liegen und für Besucher des Stadtfestes zugänglich sein. An diesem Tag und mit diesem Oldtimer wird dort der Beginn der deutschen Polarforschung gefeiert. Die »Grönland« ist das wahrscheinlich älteste noch seetüchtige Schiff. 1868, vor 150 Jahren, verließ der kleine, wendige Einmaster den norwegischen Hafen Bergen. Kapitän war der 32 Jahre alte Carl Koldeway.

Die erste deutsche Polarexpedition wurde von August Petermann und dessen Gothaer Verlagshaus Perthes finanziert. Der hoch angesehene Geograf hatte vorgegeben, entlang der grönländischen Küste so weit wie möglich nach Norden zu segeln, weil er dort einen Streifen freien Wassers vermutete. Kein guter Ratschlag, denn vor Ostgrönland staut sich das aus der Zentralarktis herangetriebene Packeis. Schon am 9. Juni wird die »Grönland« »vollständig vom Eis eingeschlossen und vom Mast aus war nicht ein einziger Wasserstreifen zu sehen«, wie Koldeway berichtete. Sturm und Schneetreiben behindern die wissenschaftlichen Arbeiten. Immerhin kommt die zwölfköpfige Mannschaft nach zehn Tagen frei, und Koldeway segelt gen Osten, um die Nordküste Spitzbergens zu erkunden.

Ein Jahr später startet die zweite deutsche Nordpolarfahrt (1869/70). Jetzt befehligt Koldeway den robusten, mit einer kleinen Dampfmaschine ausgestatteten Zweimaster »Germania«. Als Begleitschiff fährt die »Hansa« unter Kapitän Friedrich Hegemann. Diesmal wird die Küste Grönlands erreicht. Auf einer gewagten, über einen Monat dauernden Schlittenexkursion gelingt es, bis 77 Grad Nord vorzudringen. Die spektakulärste Entdeckung war die großartige Landschaft des Franz-Josef-Fjords.

Die Fahrt der »Hansa« endet allerdings tragisch. Im dichten Nebel hatten die Schiffe den Kontakt verloren. Der Schoner wird vom Packeis in die Zange genommen. Für den Notfall baut die Crew auf einer Scholle aus Steinkohlebriketts ein Häuschen, schleppt Proviant und Ausrüstung heran. Dann die Katastrophe: »Unter gewaltigem Krachen, Stöhnen und Pfeifen brach das Eis« (Hegemann). Der Rumpf wird emporgehoben, Wasser dringt ein. Am 20. Oktober sinkt die »Hansa«.

Von da an sind die Männer einer unvorstellbaren Tortur ausgesetzt. Polarnacht, Stürme, Schneetreiben, erste Erfrierungen stellen sich ein. Sie treiben nach Süden, aber auch diese Eisscholle zerbricht, und der Spalt geht mitten durch das Kohlehaus. Die Geplagten flüchten in zwei gerettete Boote, die sie notdürftig abdecken. Der Arzt und Zoologe Reinhold Buchholz verfällt dem Wahnsinn, tobt und schreit, will sich das Leben nehmen. Nach fast 200 Tagen Drift, steigen die erschöpften Männer in die Boote. Schließlich werden sie von Angehörigen einer Missionsstation der Herrnhuter Brüdergemeinde in Friedrichstal (Narsarmijit) an der Südspitze Grönlands gerettet.

Die Erkundungen auf den Fahrten der »Grönland« und der »Germania« galten wissenschaftlich trotz der misslichen Umstände als Erfolg. Weite Teile der Ostküste Grönlands konnten geografisch erschlossen, die Hinlopen-Straße Spitzbergens grob kartiert werden. Eine umfangreiche botanische Sammlung wurde in verschiedenen Instituten ausgewertet, ebenso zoologische und geologische Funde.

Erfolg und Misserfolg im Süden

Um die Wende zum 20. Jahrhundert trat das Deutsche Reich in die Weltpolitik ein. Es entwickelte sich zum Rivalen der englischen Seemacht. Das kam der ersten Expedition in die Antarktis zugute. Das Marineamt und Kaiser Wilhelm II. unterstützten das prestigeträchtige Unternehmen. Damit betraut wurde der Physiker, Geodät und Geograf Erich von Drygalski. Er hatte schon einmal in Grönland überwintert und unter anderem die Bewegung des großen Karajakgletschers an der Westküste untersucht.

Die Kosten für den Bau eines Spezialschiffes, der »Gauss«, eines Dreimastschoners mit starker Hilfsmaschine, ebenso wie für die Expedition trug der Reichshaushalt. Ungefähr bei 90 Grad Ost stieß die »Gauss« in die unberechenbare Front der Eisberge vor. »Ich gestehe, daß mich bei dieser Einfahrt ein gewisses Grauen erfaßte«, erinnerte sich Drygalski. Etwa 80 Kilometer vor dem Festland steckte der Schoner mit seiner 32 Mann und 70 Schlittenhunde starken Besatzung fest. Weder Eishacken noch Sprengungen helfen weiter.

Auf einer massiven Eisscholle richten die Polarforscher ein astronomisches und ein magnetisches Observatorium ein, Wetterhütte, Windmast, sogar eine Feldschmiede gibt es. Jedes halbwegs günstige Wetter wird für wissenschaftliche Arbeiten genutzt. Der Biologe Ernst Vonhöffen lässt in einem mühsam ins Eis geschlagenen Loch Netze bis zum Boden hinab und kann viele Organismen zutage fördern. Der Geologe Emil Philippi sammelt vom Kontinent herangetragene Bruchsteine. Auf einem der insgesamt sieben Schlittenzüge wird der Gaussberg entdeckt - ein Freudenfest an Bord, wobei das größte Lob den Schlittenhunden gilt. Die Gesteinsproben weisen den Berg als einen etwa 360 Meter hohen Vulkankegel aus. Drygalski lässt auch einen Fesselballon aufsteigen, um die meteorologischen Verhältnisse in der niederen Troposphäre zu messen, das hatte noch niemand versucht.

Erst nach zwölf Monaten kommt die »Gauss« wieder frei. Das wahrscheinlich wichtigste Ergebnis der Expedition: Drygalski gelang es nachzuweisen, dass polares Wasser vom Schelfmeer aus nordwärts bis etwa 50 Grad südlicher Breite strömt und von dort in großer Tiefe bis über den Äquator gelangt. In dem später erschienenen zwanzigbändigen Expeditionsbericht wurden unter anderem mehr als 1400 bisher unbekannte Meeresbewohner beschrieben.

Nach dieser für Deutschlands Kolonialinteressen wenig ergiebigen Reise (Wilhelm II. strebte mehr nach afrikanischen Besitzungen) stand die nächste Polarexpedition unter keinem guten Stern. Im Mai 1911 verließ der umgebaute Segeldampfer »Deutschland« Hamburg. Zielgebiet: das Weddellmeer in der Westantarktis. Der Expeditionsleiter, Wilhelm Filchner, durch seine Tibetreisen bekannt geworden, stieg erst in Buenos Aires zu. Von Anfang an gab es unter den 30 Teilnehmern »Misshelligkeiten, Zank und Streit«, wie ein Forschungsreisender berichtete. Schon auf der Hinfahrt gingen einige Teilnehmer aus unterschiedlichen Gründen von Bord. Auf Südgeorgien erschoss sich der dritte Offizier, weil er Syphilis hatte. Das Verhältnis zwischen Expeditionsleiter und Kapitän (der später auch an Syphilis verstarb) war auch ziemlich gespannt.

Das geografische Problem, das gelöst werden sollte: Gibt es zwischen Ost- und Westantarktis eine durchgängige Seeverbindung zum Rossmeer? Filchner konnte bis in den südlichsten Bereich des Weddellmeeres vordringen, was noch keinem Schiff gelungen war. Dort fror die »Deutschland« fest. Auf dem Schelfeis baute man ein großzügiges Holzhaus für den Winter. Aber nach wenigen Wochen brach die Eisplatte ab, legte sich auf die Seite, und das Haus stürzte zusammen. Glücklicherweise konnten alle Männer, Ponys und Hunde gerettet werden. Insgesamt war die Mannschaft 264 Tage der Eisdrift ausgeliefert.

In der Enge des Schiffes verschärften sich die Feindseligkeiten zwischen zwei rivalisierenden Gruppen. Am Ende schlief Filchner nur noch mit einer schussbereiten Waffe neben sich. Trotz der zwischenmenschlichen Dramen war auch diese Expedition erfolgreich. Höhepunkte waren die Entdeckung des Prinzregent-Luitbold-Landes, des Filchner-Ronne-Schelfeises sowie damit verbundene geografische und ozeanografische Forschungen.

Mit modernster Technik ins Eis

Einer der vielseitigsten Wissenschaftler war der Namenspatron des deutschen Polarforschungsinstituts Alfred Wegener. Die verhängnisvollen Ereignisse um die Station »Eismitte« in Grönland gehören zu den Mementos der Nation, und dass Wegener die Theorie der Kontinentalverschiebung begründet hat, ist Schulstoff.

Weniger bekannt ist, dass Wegener ein weithin geschätzter Atmosphärenphysiker war. Auf seiner ersten Grönlandexpedition, an der Seite des Dänen Mylius-Erichsen (1908), gelang es ihm, mittels Ballonaufstieg und automatisch registrierenden Instrumenten die Vertikalschichtung der Atmosphäre zu durchmessen. Es ist die Zeit, in der die Polarforschung zunehmend vom technischen Fortschritt partizipierte. Hatte Wegener das nördliche Grönland noch 1913 auf einer extrem anstrengenden Schlittenreise (mit drei weiteren Kollegen) durchquert, setzte er während der groß angelegten Expeditionen 1929 bis 1931 propellergetrieben Transportschlitten ein. Allerdings versagte die seinerzeit futuristisch wirkende Konstruktion.

Nach einer Vorauserkundung waren im Sommer 1930 drei Stützpunkte aufgebaut worden: West, Ost und - unter Tage - »Eismitte«. Die Station »Eismitte« sollte von der Westküste aus versorgt werden. Wegen der schlechten Eisverhältnisse verzögerten sich die Arbeiten, die Propellerschlitten blieben im tiefen Neuschnee stecken, die Motorleistung war zu gering. Auf einer riskanten Versorgungsfahrt mit Hundeschlitten nach »Eismitte« starb Wegener auf dem Rückweg bei Temperaturen um minus 40 Grad Celsius an Erschöpfung.

Die Wissenschaftler Johannes Georgi, Fritz Loewe und Ernst Sorge überwinterten unter primitivsten Bedingungen in einer Eishöhle, ohne dass wesentliche Abstriche am Messprogramm gemacht wurden - eine Tat, die weltweit Bewunderung erregte. Die umfassende wissenschaftliche Planung dieser Expedition hatte Vorbildcharakter. Besonderes Aufsehen erregte die Sondierung des grönländischen Eisschildes durch seismische Messungen, die auf Eisdicken von über 2500 Metern schließen ließen.

Der »Dritten Deutschen Antarktischen Expedition« (1938/39) mit der »Schwabenland« unter Alfred Ritscher haftet der Makel nationalsozialistischer Ziele an. Das technische aufwendige Unternehmen sollte Fanggründe für die deutsche Walfangflotte erkunden und einen »gebührenden Anteil bei der kommenden Aufteilung der Antarktis unter den Großmächten sichern« (Ritscher). Vom Deck der »Schwabenland« konnten Dornier-Flugboote mithilfe eines Katapults starten. Die herausragende Leistung der Expedition bestand in sieben Messflügen und der fotogrammetrischen Erfassung eines riesigen Gebietes - »Neuschwabenland«, das mit einem Dutzend deutscher Namen getauft wurde.

Unter anderem wurde die nach dem Piloten Richard Schirmacher benannte Seenplatte entdeckt, die sich später als eisfreie Oase erwies. Hier betraten nach dem Zweiten Weltkrieg erstmals wieder deutsche Forscher antarktisches Terrain: Meteorologen des Wetterdienstes der DDR an der Seite sowjetischer Kollegen. Damit begann ein unvergleichliches neues Kapitel. 1976 errichtete die DDR aus Containermodulen ein eigenes Observatorium, seit 1987 die Georg-Forster-Station. Die Bundesrepublik stieg 1979/80 in die Antarktisforschung ein. Bald darauf wurde der für wissenschaftliche Arbeiten vorzüglich ausgestattete Eisbrecher »Polarstern« in Dienst genommen. 1981 entstand auf dem Ekström-Schelfeis die autarke Station »Georg von Neumayer«. Inzwischen betreibt das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung, Bremerhaven, »Neumayer III«: auf Stelzen gebaut, hydraulisch anhebbar. Forschungsprogramme und Ergebnisse füllen Bibliotheken. Deutschland gehört heute in der Polarforschung zu den führenden Nationen.

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