Werbung

Ekel in der Politik

Wie eine eigentlich nützliche Errungenschaft der Evolution mit der Ausprägung von Vorurteilen zusammenhängen könnte

Echt jetzt? Ihr wollt Geld von mir?

Ja, herrgottnochmal, es kostet!

Auch, wenn's nervt – wir müssen die laufenden Kosten für Recherche und Produktion decken.

Also, mach mit! Mit einem freiwilligen regelmäßigen Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Es geschah während eines live im Fernsehen übertragenen Rededuells gegen ihren Rivalen Bernie Sanders. Hillary Clinton nutzte die Unterbrechung für einen Werbespot, um zur Toilette zu gehen, kehrte aber erst mit einigen Sekunden Verspätung wieder zurück. Am Tag darauf gab Donald Trump hierzu einen ziemlich bizarr anmutenden Kommentar ab. »Ich weiß, wohin sie ging«, erklärte er. »Es ist ekelhaft. Ich möchte darüber nicht reden. Es ist zu ekelhaft.«

Ist es ein Zufall, dass Trump Ekel empfand oder dass er zumindest vorgab, das zu tun? Und ist es ein Zufall, dass seine Anhänger seine abfälligen Äußerungen über Hillary Clinton nicht abstoßend fanden? Keineswegs - behaupten zumindest die Sozialpsychologen Jonas K. Olofsson und Marco Tullio Liuzza von der Universität Stockholm. Die Wissenschaftler sind kürzlich zu der Erkenntnis gelangt, dass es zwischen autoritär-konservativen Grundeinstellungen und heftigem Ekel vor Körpergerüchen einen Zusammenhang gibt. Das Forscherteam berichtet darüber im Forschungsjournal »Royal Society Open Science« (DOI: 10.1098/rsos.171091).

Die beiden Psychologen haben Hunderte von Testpersonen aus aller Welt danach befragt, in welchem Maße - was auf einer von eins bis fünf reichenden Skala angegeben werden sollte - es ihnen zu schaffen machen würde, wenn sie Mundgeruch oder den Gerüchen Achsel- und Fußschweiß, Urin, Kot und Blähungen ausgesetzt sein würden.

Danach befragten sie ihre Probanden nach ihren politischen Einstellungen. Dazu nutzten sie einen standardisierten Katalog von Thesen, zum Beispiel: Gottes Gesetze über Abtreibung, Pornografie und Heirat müssen unbedingt befolgt werden, bevor es zu spät ist, und diejenigen, die gegen sie verstoßen, müssen streng bestraft werden. Die Testpersonen sollten dazu Stellung beziehen und erklären, in welchem Maße sie den Thesen zustimmen oder sie ablehnen würden. Die Psychologen räumen allerdings ein, dass eine konservative Gesinnung nicht ohne weiteres mit einer autoritären gleichgesetzt werden kann. Schließlich gibt es auch autoritär eingestellte Linke und sogar antiautoritär ausgerichtete Rechte.

In den Augen von Olofsson und Liuzza ist das Ergebnis ihrer empirischen Untersuchung eindeutig: Je mehr ein Mensch fremde Körpergerüche als widerwärtig empfindet, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass seine politische Gesinnung autoritär oder konservativ ist. »Es gab einen signifikanten Zusammenhang zwischen dem Grad, in dem jemand sich vor Gerüchen ekelte, und dem Wunsch, einen einem Diktator ähnlichen starken Mann zu haben, der imstande ist, radikale Protestbewegungen zu unterdrücken und dafür zu sorgen, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen dort bleiben, wo sie hingehören. Ein solcher Gesellschaftstyp schränkt den Kontakt zwischen Gruppen ein, die sich stark voneinander unterscheiden, und senkt - zumindest in der Theorie - das Risiko, krank zu werden«, sagt Olofsson.

Dieser Befund bestätigte sich in einer weiteren Befragung, die während der letzten Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten stattfand. Dieses Mal sollten die - ausschließlich amerikanischen - Probanden darüber Auskunft geben, welchem Kandidaten sie ihre Stimme geben würden. Es zeigte sich, dass ein erheblicher Anteil der Trump-Anhänger extrem empfindlich auf fremde Ausdünstungen reagierten.

Das Ekelgefühl ist eine große Errungenschaft der Evolution. Er hat die Funktion, den menschlichen Organismus vor bestimmten Gefahren aus der Umwelt zu schützen. In erster Linie warnt es vor Substanzen, die mit Krankheitserregern belastet sind, und es verhindert, dass man vergiftete oder verdorbene Nahrung zu sich nimmt.

So weit man heute weiß, ist der Mensch das einzige Lebewesen, das sich vor etwas ekelt. Offenbar kommt er mit der Disposition zur Welt, Ekel zu empfinden, und das Ekelgefühl entwickelt sich dann im Verlauf der ersten Lebensjahre. Politische Einstellungen bilden sich jedoch erst viel später heraus. Heißt das nun, dass die individuelle Ekelempfindlichkeit, wie sie auch immer entstanden sein mag, darüber entscheidet, ob man in späteren Jahren zu einem Konservativen wird oder nicht?

Olofsson und Liuzza liegt es fern, das zu behaupten. Für sie kann kein Zweifel daran bestehen, dass es soziokulturell bedingt ist, wovor und wie stark man sich ekelt. Und sie sind auch nicht der Auffassung, dass sich die Entstehung von politischen Einstellungen reduktionistisch erklären lässt. »Unsere politische Haltung«, sagt Liuzza, »ist vor allem von einer Menge anderer Faktoren geprägt, wie etwa der Herkunft, der Sozialisation und dem soziodemographischen Hintergrund.«

Olofsson und Liuzza vermuten, dass viele derjenigen, deren Ekelschwelle besonders niedrig ist, unbewusst von der Angst geplagt werden, sie könnten sich mit Krankheiten infizieren, wenn ihnen Menschen zu nahe kommen, die andersartig wirken oder fremden Kulturen angehören. Und aus dieser ständigen Angst vor unsichtbaren Krankheitserregern könnten relativ leicht Sympathien für straff organisierte Gesellschaften mit strengen Hierarchien und undurchlässigen Grenzen nach außen hervorgehen.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen