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Federhalter und Rheumadecke

»Alles gesagt?« Ein spannendes Buch mit Briefen, Essays, Interviews und Reden über den Literaturnobelpreisträger Günter Grass

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

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Das Werk von Günter Grass ist kaschubisch, der Bürger Grass war europäisch. Die Romane graben sich in die Provinz, die Reden befreiten sich hinein ins Offene. Das Ostelbische gab Grass’ Literatur den erdigen, küchendampfenden, kartoffelfeurigen Geruch und den speziell vertrackten, so merkwürdig sich ausstülpenden Kleine-Leute-Ton. Es wird im Werk eine Lebensart erzählt, die in der Wirrnis der Zeiten und an deren reichem Angebot, unter allem zu leiden, das Wesentliche trainiert: das zähe listige Aushalten der Dinge. Er war ein Meister im Zaubern von Atmosphäre, im Ausbreiten von kauziger Wunderlichkeit sehr knarziger Ohnmachtsmenschen.

Dem 1927 geborenen, 2013 gestorbenen Nobelpreisträger widmet der Literaturwissenschaftler Uwe Neumann - wie schon vor Jahren bei Uwe Johnson - eine »vielstimmige Chronik«, betitelt »Alles gesagt?« Fast tausend Seiten Wortmeldung zum Dichter. Eine Kürzel-Collage aus Briefen, Berichten, Interviews, Essays, Reden. Alle Formen der Schriftlichkeit zeichnen erstaunlich neu das Bild des Allzubekannten. Hingabe flüstert, Häme grinst, Hass geifert. Keine Farbe fehlt, Fehlfarben gibt es nicht: Grass, der großartig Unartige ersteht »mit seiner gabe aufzuwiegeln« (Volker Braun). Ersteht in allem Glanz, der ja nur dort freigerieben wird, wo ein Mensch den nötigen Geist hat, um Weihe und Widerrede auszulösen. Das Stichwort für Janosch: »Grass löst bei mir gar nichts aus, außer Ärger über zu viel Gerede«.

Von Grass hört Boris Becker erstmalig, dass es diesen Sisyphos gab, der den Stein hinaufschob - ob schwerer Stein oder leicht fliegender Ball, ist das nicht egal? Golo Mann meint, dieser Schriftsteller sei »vom Schlage Gerhart Hauptmanns: kann lebende Menschen hinstellen, mit Busen und Hintern, aber so recht denken kann er nicht.« Christoph Hein nennt ihn ein »klassisches Schulbeispiel« für die »Tapferkeit vor dem Feind wie die Tapferkeit vor dem Freund«; einer, »der sich nicht dadurch treu bleibt, indem er sich täglich ändert«.

Allein das Verzeichnis der Autorenschaft umfasst 60 Buchseiten. Hunderte, die zitiert werden. Thomas Gottschalk und Salman Rushdie, Günter Netzer und Landolf Scherzer, Heinz Rühmann und José Saramago, Franz Josef Strauß und Arthur Miller. Auch der sozialistische Realismus gibt sein Intelligenzurteil ab: Erik Neutsch schreibt, es gebe »Modelle und Moden«, erstere seien ihm lieber, und so gar nicht mag er die »literarische Clownerie eines Günter Grass«. Die Stasi beobachtet (sprachelegant!), wie Grass »mittels feindlich beeinflusster Stützpunktpersonen im Innern der DDR feindlich-negative Kräfte sammeln« will.

Helga Schütz beschreibt in einem Brief an Grass bedrängend ihre Atomkriegsangst, träumt eine waffenfreie DDR, »die vielen Berufssoldaten räumten dann den Wald auf oder gingen zur Eisenbahn ... ich wäre froh, wenn Sie nach Berlin kämen und mit den Hiesigen sprächen - in Ihrer unerschrockenen Art«. Thomas Brussig: »Ich werde Ihren Nobelpreis zum Anlass nehmen, Ihrem Vorbild zu folgen und mir auch ein Stehpult zulegen.« Satiriker Hans Zippert warnt die Rentner vor einer speziellen Kaffeefahrt: Grass auf Verkaufstour - mit einem »Artikel namens SPD, das ist so etwas wie die Rheumadecke unter den deutschen Parteien.« Karl Lagerfeld und Grass? »Tut mir leid, ich hasse schmuddelige Intellektuelle.«

Budenzauber und Weltgier einer Biographie. Die gefühlte Zugehörigkeit zum Pommerschen erhob Grass seit jeher zu einem kritischen Fremden innerhalb westlicher Selbstzufriedenheiten; er war den Ursprungssehnsüchten von schwachen, in ihrer Schwachheit auch bösen, durch Geschichte bedrohten Existenzen stets näher als denen, die fürs Höhere anders denkende wie fühlende Menschen bevorzugt niederdrücken. Sein Engagement für Brandts Ostpolitik, seine Solidarität mit Polens »Solidarnosc«, seine beständig offene Kritik an der »sozialistischen« Unfreiheit hatte da ihre Ausgangspunkte - aber ebenso sein Einspruch gegen bundesdeutsche Arroganzen bei der Wiederherstellung Deutschlands aus zweistaatlicher Unnatur und einem beidseitigem »dogmatischen Materialismus«. Christa Wolf: »Ich glaube zu wissen, dass Du die Verletzungen, die Du Dir zuziehst, nicht so einfach wegsteckst.«

Der Dichter und die Politik. Im letzten Jahrhundert ein faszinierendes wie deprimierendes Kapitel von den Manns bis zu Ezra Pound, von Brecht bis Benn, von Toller bis Jünger. Auch ein Grass hat die hochkarätige Substanz seines Dichterruhms in die kleine Münze der Wahlkampfreden umgewechselt. Und noch einmal wird nachlesbar, wie die politische Korrektheit zuschlägt, wenn ein Irrtum offenbar wird. Plötzlich ist vergessen, was der zu Rügende an zeitkritischer Verbindlichkeit, Courage, Eigensinn so vielen anderen vorlebte, ihnen voraus hatte. Plötzlich dieser Reinheitsgrad der Sittenluft. »Entsetzlich bleibt, wie die Ideologien es uns schwer machten, uns als die zu erleben, die wir doch waren«, so Martin Walser im Grass-Nachruf. Zur frühen Mitgliedschaft in der SS schrieb Volker Braun das Bedenkenswerteste: »seltsam ist, daß dieser eintreiber von erinnerung und bewältigung von seinem makel schwieg. seine reden zu deutschland brachten ihn alle nicht an den punkt, er nahm sich in die masse zurück, der er um so lebhafter die leviten las ... er war kein selbstgerechter ... hat schreibend seine konsequenzen gezogen. - nun wissen wir freilich mehr von deutschland.«

Grass ist stets der Anwalt einer Emanzipation jenes Kleinbürgerlichen gewesen, das rissige Hände hat, das eher Suppen kocht als Sinn sucht, das sich also nicht in irgendeinem politischen Befreiungstaumel von sich selbst entfernt, sondern im Beharren aufs Geringe, Überschaubare, verlässlich Lebbare bei sich selber bleibt. Auch davon erzählt das Buch, überbordend vor Details, Stimmungen, Begegnungszauber und Streithammelei. Leben ist ein langer Weg, und so offen es scheinen mag im Lauf der Jahre - letztlich schließt es sich nur. Über die Kreis-Liga kommt Existenz nicht hinaus. Und sie bleibt das Dickicht, das wir nie zerschlagen, auch wenn wir noch so sehr davon träumen. »Der eine will unbedingt Geigerzähler werden beim Gewandhausorchester, wird aber bloß Anrufbeantworter bei der Telekom, ... ein anderer möchte für sein Leben gern Korkenzieher sein bei Harald Juhnke, wo aber landet er? Als Federhalter bei Günter Grass!« Ernst Röhl.

Uwe Neumann (Hg.): Alles gesagt? Eine vielstimmige Chronik zu Leben und Werk von Günter Grass. Steidl Verlag Göttingen. 992 S., Leinen, 45 Euro

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