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Von Hilfe keine Spur

In der Neuköllner Oper geißelt »Alive Talk« die Gier nach dem medialen Highlight

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Hart ist das Leben in der Stadt. Man will nichts versäumen, immer mit dabei, immer mittendrin sein. Oder - wie man in Berlin sagt - ran an ’n Sarg und mitjeheult. Die Gier nach dem Highlight lässt sich kaum stillen. So jedenfalls sieht das Nero im Studio als Einpeitscher für seine Rundfunkhörer. Egal, wie es den Leuten gerade geht. Schlechte Nachrichten sind für ihn gute Nachrichten. Und er spielt sich als Held auf in »Alive Talk. Die Sendung, die euer Leben rettet« an der Neuköllner Oper.

Christopher Crsto Ciraulo ist dafür drahtig auf den Beinen zur Musik von Mauro Montalbetti. Jedes Mittel ist ihm als Nero recht, Stimmung anzuheizen. Carlo Galiero schrieb den Text für die Studioaufführung im praktisch zu handhabenden Bühnenbild von Rebekka Dornhege-Reyes. Er brachte das Thema in eine Geschichte mit nachdenkenswertem Hintergrund und schuf das Bild einer brennenden Stadt. Die Flammen fressen sich vor. Von Rettung keine Spur. Eine Schule ist samt der Kinder verglüht, die keinen Ausweg mehr fanden. Einem Feuerwehrmann, der das nicht verkraftete, ruft der Moderator am Telefon zu, er solle vom Dach springen. »Bring dich um. Und tschüss!«

Ein getürkter Selbstmordversuch, stellt sich heraus. Er erfüllte seinen Zweck. Diese Art »Arbeit« wird in »Alive Talk« auf die Spitze getrieben. Am Ende schreckt Nero nicht davor zurück, sich eines Gesprächspartners auf einer onkologischen Krankenhauskinderstation zu bedienen. Seelisch ärmer kann ein Mann nicht sein. Optisch begleitet wird alles von gut gemachten Projektionen, für die Roman Rehor neben der Darstellung von Personen Farben und Muster der 70er Jahre wählte, was die Oberflächlichkeit Neros noch beklemmender macht.

Die musikalische Konzeption ist interessant. Als Sara zaubert Tabea Schrenk wunderbare Töne aus ihrem Cello zu den sonst eingespielten Klängen. Sie ist die Herzdame im Stück. Ehrlich liebt sie ihren Nero, den so viel Gefühl überfordert. Ein Baby im Bauch seiner Geliebten plant er kalt für die Manipulation seiner Höropfer ein. Seinen stummen Kompagnon Peter, gespielt von Denis Fischer, nutzt er ebenfalls nach Kräften aus. Auch der liebt Sara. Sie wäre mit ihm besser dran. In der Dreiecksgeschichte bleibt aber schließlich jeder allein.

Die passende und ansehenswert getanzte Choreographie erdachten Michela Lucenti und Maurizio Camilli, die auch für die Inszenierung des Stücks stehen. Gerade 75 Minuten füllt das musikalische Spiel. Dennoch gibt es Längen, die die unglückliche Liebesgeschichte betreffen. Da wäre weniger mehr. Es ist ja noch weiteres in der Geschichte. Der Autor wollte alles rundum berücksichtigen, auf nichts verzichten.

Denn auch der Staat, der die Menschen und ihre Stadt aufgegeben hat und nach seinem Reglement nur Fortpflanzungswillige aus den Flammen entkommen lassen will, spielt seine Rolle. Der Gedanke, solcherart politischer Entscheidung einzubeziehen, ist nicht schlecht, aber hier nicht überzeugend ausgearbeitet. Das lässt die Handlung letztlich zerfasern bis hin ins Vertrauen auf höhere Macht.

Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott? Von wegen. Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. Nero glaubt es kaum. Er hört plötzlich den Allmächtigen am Telefon. Ein Hoffnungsschimmer glimmt bei ihm auf. Antworten auf seine Fragen bekommt er aber gar nicht. Der Schöpfer hat sich schlichtweg verwählt. Er wollte sich Essen bestellen.

Nächste Vorstellungen am 24. und 28. bis 31.5., jeweils 20 Uhr, in der Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131.

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