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Seine Engländer sind ihm heilig

Philharmonie Berlin I: Der RIAS-Kammerchor beeindruckt mit Werken verfemter Komponisten

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Wann gab es je verfolgte, verbotene englische Komponisten? Weiß das europäische Gedächtnis darüber? Sie gab es, wenn nicht zu allen Zeiten der englischen Kunstmusik, so mindestens während der Reformation und Gegenreformation um 1600. Das ist kaum bekannt. Ebenso wenig, es sei etwas weiter ausgeholt, dass britische Komponisten in Nazideutschland nicht oder nur versteckt zu Gehör kamen. Der Name des jungen Benjamin Britten (Violinkonzert, »Sinfonia da Requiem« der 40er Jahre) etwa stand wie der des Juden Mendelssohn - er sah in England seine zweite künstlerische Heimat - auf dem Index, sofern seine Musik je zur Kenntnis genommen wurde. England war der Erzfeind, dessen Kunst- und Geistesschaffende feindliche Ausländer.

Rückschauend kommt dazu: Komponisten wie Purcell, Dowland, Byrd, Dering oder Philips erlebten die Reformation anders als ihr deutsch-protestantischer Kollege Heinrich Schütz. Die Negation altenglischer Kirchenmusik im »Dritten Reich« hängt unmittelbar zusammen mit der Anschauung von Luthers Reformation. Die schliffen die Nazis auf die Niedrigkeit ihres eigenen Geistes herunter. Luthers Johanneum-Übersetzung mit dem »Kreuziget ihn!« (die Juden hätten Jesus getötet) brachten sie ebenso gegen das Volk der Juden in Stellung wie den zelotischen Antisemitismus des späten Luther.

Die Gegenreformation, gespiegelt in der »Bartholomäusnacht« (Mord an französischen Protestanten), ist ein Reflexpunkt. Ein anderer, verdrängter, was die europäische Reformation angerichtet hat. Viele katholische Klöster und Gotteshäuser wurden zerstört oder umgewidmet, katholische Glaubenskinder, Priester, Beamte, Handwerker, Dichter, Musiker, Komponisten durch den Extremismus der Reformation malträtiert, eingesperrt, gevierteilt, gehenkt, verbrannt, außer Landes gejagt. Der Kenntnismangel darüber geht bis heute.

Der RIAS-Kammerchor öffnete nun einen Schlitz dieser Historie und führte verfemte und verjagte Komponisten jener Zeit auf. Sein jüngstes Programm, es kam im leider nur halb besetzten Kleinen Saal der Philharmonie, trägt den Titel »Geniale Meister - Der Heimat so fern«. Dem unübertrefflichen Berliner Chor steht seit Saisonbeginn mit Justin Doyle ein Brite vor. Doyle schlug großartig ein. Erfolge mit Monteverdi, Britten und anderen ergaben sich wie von selbst.

Er, wie seine Vorgänger von hoher Musikalität, ist traditionsbewusst, ohne Traditionalist zu sein. Vor- und zurückschauend, dirigiert der Mann um die vierzig neue Chöre mit der selben Verve wie alte und was so dazwischenliegt. Natürlich sind ihm seine Engländer heilig. Verfolgte, Ausgegrenzte, Exilanten aus dem historischen England studierte er diesmal ein. Derlei kennenzulernen, fehlte hier bisher. Hochinteressant, der Abend. Das Programmheft informierte vorzüglich über geschichtliche Hintergründe.

Gesungen wurden unreformierbare Meister der katholischen Kirchenmusik. Mehrere »Halleluja«-Gesänge von Peter Philips (um 1560 - 1628) kamen zu Beginn, eingeflochten »Miserere«-Partien. Festliches und Trauer vermischten sich, höhere wie tiefere Register, versinnlicht mit Stimmen von hoher Homogenität und knapp begleitet durch Orgel-Positiv. Philips musste 1581 emigrieren. Er reiste nach Rom und wurde wegen des Verdachts auf Verschwörung beinahe nach England ausgeliefert. Vermutlich stand er in Kontakt mit seinem Landsmann Richard Dering, Komponist und Organist an europäischen Höfen (um 1580 - 1630), von dem gleichfalls mehrere Chöre zur Aufführung kamen, darunter das lebendige, schon in die Epoche der Homophonie weisende »Ave Jesu Christe«. Es stand am Schluss. Dering konvertierte 1625 aus Protest zum Katholizismus.

Kurios: Er avancierte zum Lieblingskomponisten des Katholikenfressers Oliver Cromwell. Als würden die Stimmen ewig kreisen unter den 100 Lampen des Saales, intonierte der Chor »Ne irascaris Domine« von William Byrd (um 1543 - 1623). Zwei Strophen enthält er, die eine gemächlich, die andere leise, largo, getragen, in höchster Empfindung. Äußerst gedehnt am Schluss die Verse: »Die Städte deines Heiligtums sind/ Wüste geworden;/ Zion ist zur Wüste geworden, / Jerusalem liegt zerstört.«

Gleichfalls wie Stromlinien durch die Kirchentonarten a cappella polyphon kreisend: Byrds durchkomponiertes »Lulla, lullaby«. Auch hier ein Menetekel am Ende: »O weg, o trauervoller Tag,/ wenn Teufel ihren Willen haben.« Byrd komponierte zeitweise für den Untergrund, für Gottesdienste in Kellern und Kammern. Jahrzehnte erfährt er Bestrafungen wegen seiner Kontakte zu englischen Katholiken. Neben den genannten sang der hervorragend disponierte Chor widerständige Stücke von Thomas Tallis und Philippe de Monte. Organist Petteri Pitko spielte in stoischer Manier Intermedien von John Bull (um 1543 - 1623). Sie lockerten auf, boten Möglichkeit zur Einkehr. Ein schöner, auch lehrreicher Abend.

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