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Die Welt als Scheibe

Das Theater Basel zeigt »Woyzeck« von Georg Büchner in einer Inszenierung von Ulrich Rasche

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Der Mensch ist ein Kreisläufer. Er hält sich angestrengt in Bewegung, um nicht zu fallen. Denn der Mensch ist laut Büchner auch ein Abgrund. Er könnte folglich in seinen eigenen Untiefen umkommen. Also lässt Regisseur und Bühnenbildner Ulrich Rasche für seine »Woyzeck«-Inszenierung am Theater Basel alle am Drama beteiligten Personen laufen - immer im Kreis, auf einer großen Scheibe, angetrieben von einer aufwendigen Mechanik, die den Boden mal wenig, mal stark in die Vertikale kippt.

Da laufen sie dann im Eiltempo, von Woyzeck, dem einfältigen Objekt des Fortschritts in Form von Erbsenexperimenten, bis zum Doktor, dem Hauptmann, dem Tambourmajor und Marie, sämtlich schier ununterscheidbare Figuren auf dieser sich unaufhaltsam drehenden Scheibe, die die Welt ist. Voran kommen sie hier nicht, trotz schnellen Schritts. Die Scheibe kreist und alles bleibt an seinem Platz, dreieinhalb Stunden lang. Ein Exerzitium der Worte, denn der Gehende teilt seinen Atem zwischen Schreiten und Schreien, Laufen und Laute-Bilden.

Büchners Weltbild klingt dabei ganz und gar heutig, wenn auch von einer gespenstischen Patina einstiger Zukunftsvorwegnahme bedeckt: »Es gibt eine Revolution in der Wissenschaft, ich sprenge sie in die Luft. Harnstoff, 0,10, salzsaures Ammonium, Hyperoxydul.« In Büchners Doktor sitzt Josef Mengele auf dem Sprung: Gebt mir genug Menschenmaterial und ich gebe euch alle denkbaren Antworten! Machbarkeiten optimieren, darum geht es doch in einer Welt, die keine Tabus mehr kennt, aber dafür unterhaltsame Skandale am Fließband produziert.

Zwischen zwanghaftem Fortschritt und Barbarei ist der Abstand weniger groß als vermutet. Teil eines hochtourig laufenden Apparats, der den Kreisläufern das Tempo vorgibt, sind sie hier alle. Der Kreis wird nicht zur Kugel, bleibt Scheibe. Den Schauspielern zuzusehen, wie sie sich auf dieser so zu bewegen versuchen, dass sie nicht davon getragen werden oder stürzen, sondern durch heftige Beinarbeit ihren Platz auf ihr behaupten, wird zur von der Bühne bis in den Zuschauerraum fortwirkenden - nun gemeinsamen - Anstrengung. Die eigene Bewegung trifft auf die Bewegung der Welt: welch ein Crash ist hier zu vermeiden!

Eine zwanghafte Mechanik ist in diesem »Woyzeck« am Werk. Er geht wie eine frisch aufgezogene Uhr durch die Jahrhunderte. Die Frage nach der Dauer bekommt so etwas Verzweifeltes. Das Individuelle existiert nicht, es ist eingegangen in einen Chor, in dem alles unter-, aber nichts aufgeht. Und der Text? Er bekommt etwas von jener Litanei der Mönche, die sich ihre Wucht aus der ewig gleichen Kreisbewegung ihrer Tage und Nächte holt. Erlösung ist dabei nicht vorgesehen, für niemanden.

Großartig, wie konsequent Ulrich Rasche Büchners Text den vom rasenden Stillstand Gehetzten entreißt, wort- und silbenweise. Das dauert, denn der die Laute transportierende Atem kommt nur stoßweise aus den Mündern, kämpft um einen verbindenden Rhythmus, der dieser Tortur allein einen Sinn zu geben vermag.

Nicola Mastroberardino ist Woyzeck, der verlorene Mensch in dieser Maschine, der die daran arbeitet, der Hölle eine Zukunft zu geben. Nicht nur der Doktor (Florian von Manteuffel), auch der Hauptmann (Thiemo Strutzenberger) und der Tambourmajor (Michael Wächter) arbeiten an seiner Zerstörung. Lauter Stimmen, die ihn zur unrechten Tat drängen. Das alles zu den kühl hämmernden Live-Rhythmen, die diesen Abend tragen (imposant am Schlagzeug: Katelyn King).

Aber auch Woyzeck ist nicht nur Opfer, auch er sucht nach einem noch Schwächeren, an dem er Täter werden kann: Marie, die großartige Franziska Hackl, die ihrer Verlorenheit etwas so überzeugend Widersetzliches zu geben vermag, dass in Woyzeck, während er sie ersticht, der Blitz des getanen Unrechts fährt. Erkenntnisschmerz ohne einen anderen Zweck, als zu martern.

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