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  • Finanzierung des Studiums

Die Battlestudenten

Viele angehende Akademiker führen ein langwierigen Kampf um das Geld, mit dem sie ihre Ausbildung finanzieren

  • Von Lee Wiegand
  • Lesedauer: 8 Min.

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In Deutschland gibt es keine Studiengebühren. Selbst wenn dieser Satz vollkommen zutreffend wäre - schließlich gibt es Ausnahmen in vier Bundesländern beim Zweitstudium und beim dualen Studium, in fünf Bundesländern für Langzeitstudierende und immerhin in zwei Bundesländern für Studierende, die nicht aus der Europäischen Union stammen -, ist ein Studium in Deutschland kein billiges Unterfangen. In zwölf Bundesländern ist ein Verwaltungskostenbeitrag von bis zu 75 Euro zu zahlen - neben dem überall fälligen Semesterbeitrag, einer Pflichtabgabe an die Studierendenwerke (je nach Bundesland zwischen 200 bis 300 Euro) welche die Nutzung des Nahverkehrs, der studentischen Infrastruktur sowie die Finanzierung des Studierendenausschüsse ermöglichen.

Auch Kosten für Schreibwerkzeug, Lehrbücher und (teilweise horrende) Mieten sind zu berücksichtigen. Essen muss man auch, schließlich will keiner verhungern und ab und zu, manchmal öfter, ist man in der Versuchung, sich so etwas wie Freizeit zu gönnen, egal ob Museum, Theater, Kino - oder sich einfach mal die Birne vollzuknallen. Schließlich haben wir alle Bedürfnisse.

Um all das zu finanzieren, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Am einfachsten hat man es selbstverständlich, wenn die an der Geburt schuldigen Erzeuger selbst gar nicht wissen, was sie nach dem Erwerb von drei Villen, vier Porsches und einer Segeljacht mit dem übrigen Geld anfangen sollen und die Wohnung in Grünwald oder Prenzlauer Berg für ihren Justus gar nicht erst mieten, sondern kaufen und gemäß neuester Trends und Technik hochwertig instandsetzen. Wenn ihm Mitte des Monats doch mal das Geld ausgeht, ruft er Papi eben kurz an, oder er besitzt sowieso dessen Kreditkarte »für Notfälle«.

Das ist natürlich ein Extrembeispiel, aber seien wir doch ehrlich: Auch in unseren linken Blasen gibt es die eine oder den anderen, dessen Vorfahren seit mehreren Generationen Ärzte oder Anwälte sind und sich keine Sorgen machen müssen, während man selbst drei von vier Wochen des Monats lappiges Toastbrot und Nudeln mit Ketchup in sich rein schieben muss. Es studieren eben immer noch mehr Akademiker- als Arbeiterkinder.

Das Privileg reicher Eltern haben aber natürlich trotzdem zu wenige Studierende, schließlich leben wir (leider) nicht im Fully Automated Queer Space Communism. Also muss sich der Rest, der sich den Aufstieg in die akademische Welt allen Widrigkeiten zum Trotz hart erkämpft hat, Gedanken darum machen, wie er das Studium und die damit verbundenen Kosten auf andere Art meistern kann. Wer besonders gute Noten hat oder sich durch gesellschaftliches, soziales oder politisches Engagement ausgezeichnet und den Bewerbungsschluss nicht um einen Tag verpasst hat - kleiner Tipp, das passiert häufiger, als man denkt, also schickt eure Unterlagen so früh wie möglich ab! -, besitzt zumindest theoretisch eine Chance auf eines der begehrten Stipendien. Bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung sind es viel mehr Bewerberinnen als verfügbare Plätze, bei anderen parteinahen Stiftungen sieht es ähnlich aus. Aber es gibt massenhaft Stiftungen von Kirchen, Gewerkschaften und so weiter, bei denen man sich ebenfalls bewerben kann.

Die finanzielle Ausstattung ist oft ziemlich ordentlich. Meistens gibt es Boni für Auslandssemester und Sprachkurse, und in der Regel muss man nichts zurückzahlen. Einen Versuch sollte man also auf jeden Fall wagen. Nachteile: Es ist gerne gesehen, dass man nach dem Studium bei langweiligen Alumni-Veranstaltungen rumhängt. Und man kann noch so gute Noten und Engagement besitzen, am Ende entscheiden intransparente Verfahren über die Aufnahme in die Programme.

Wem ein Stipendium verwehrt bleibt, der hat immer noch die Möglichkeit, Vater Staat um Hilfe zu bitten. Schließlich will dieser Chancengleichheit herstellen, und zwar durch das so genannte Bundesausbildungsförderungsgesetz. Uns selbstverständlich besser als Bafög bekannt, und das schon seit 1971. Danke, Willy Brandt! Und obwohl die Bafög-Leistung ungefähr alle zwei Jahre überprüft wird und seit ihrer Einführung immer wieder erhöht wurde, bleibt die Förderung stets hinter dem tatsächlichen Bedarf zurück. Der durchschnittliche Förderbetrag beläuft sich derzeit auf circa 464 Euro, Schätzungen zufolge kostet ein Studium in einer »günstigen« Stadt aber mindestens 600 Euro. In vielen Städten reicht das Bafög also gerade so für die Miete und vielleicht einen Kasten Sternburg.

Das heißt: Selbst wenn man in den elitären Kreis der Sozialstaatsgewinner aufgenommen wird - denn das Prozedere ist bei weitem kein Spaziergang -, muss man darauf hoffen, dass die Familie einen weiterhin finanziell unterstützt oder man einen Nebenjob findet, der das Defizit ausgleicht. Begünstigt sind hier oftmals wieder die Akademikerkinder. Kommt man in der Rechtsanwaltskanzlei des guten Freundes des Vaters unter, verdient man ordentlich; beim Kumpel des Onkels, der in der Fabrik malocht, kommt dagegen unter dem Strich wenig raus.

Außerdem ist es wichtig, dass man das Bafög am richtigen Standort beantragt, denn die Erfahrungen variieren von Amt zu Amt, und selbst wenn man pünktlich alle erforderlichen Unterlagen eingereicht hat, kann es Monate dauern, bis der Staat die Kohle rausrückt. Schließlich braucht die Behörde dann doch noch dieses oder jenes Formular, diesen einen schwer zu bekommenden Nachweis und zwar wiederum pünktlich, sonst kann man schließlich für nichts garantieren. Hinter der Hinhaltetaktik der Ämter könnte man schon fast System vermuten, wenn man sich einmal unter den Gescheiterten des Verfahrens umhört.

Viele Studierende geben denn auch auf und beantragen einen Studienkredit. Der Kredit verspricht zwar ausreichend finanzielle Mittel für die bis zum Ende des Studiums, aber man kann sich darauf einstellen, bis zu 25 Jahre nach dem Masterabschluss die Rückzahlung plus Zinsen bis in den oberen zweistelligen Prozentbereich abzuarbeiten, je nach Anbieter. Selbstverständlich gibt es Hunderte von Angeboten von allen möglichen Banken und Kreditinstituten, aber die Konditionen sind bei allen so ungünstig für den Kreditnehmer, dass sich kein Mensch freiwillig in diese Ketten begeben würde.

Und egal, welche Entscheidung man getroffen hat oder für einen getroffen worden ist, ob Bafög, Stipendium oder Studienkredit - am Ende stößt man trotzdem noch immer an seine Grenzen und ist in der Gefahr, seine eigentlich dringend notwendige Freizeit für einen Nebenjob zu opfern. Hallo Subway, McDonalds oder, wenn man seine Haare gerne in ungewaschenen Dreadlocks verhunzt und Hanf nicht nur als Genussmittel, sondern auch als Unterwäsche für das Nonplusultra hält, vegane Burgerbude! Mit Glück vielleicht sogar eine Tätigkeit, die einen geistig nicht total abschleift.

Doch selbst darunter leidet dann wieder das, was man eigentlich finanzieren und ohne Zwischenfälle beenden möchte: das Studium. Eine meiner Kommilitoninnen hätte eigentlich dieses Semester ihren Bachelor-Abschluss erreichen sollen. Das war dann aber nicht möglich, weil sie jedes zweite Semester Vollzeit bei zwei Catering-Unternehmen verbringt, um das folgende Semester finanziert zu können. Ich schreibe jetzt jeden Sonntag sarkastische Artikel wie diesen für eine Tageszeitung, anstatt am Tag des Herrn Ruhe zu halten oder zu lernen - damit ich einmal in der Woche in einer Kneipe eine Cola trinken und Geld für ein Auslandssemester ansparen kann. Es wird sich erst noch zeigen, wo ich am Ende damit lande. Diese nd-Serie richtet sich an Studierende, ich muss euch nichts erzählen: Sofern eure Eltern nicht vor Geld stinken (und ihr Justus oder Justine heißt), wisst ihr ja alle, wovon ich rede.

Die Frage ist doch: Wie kann diese schrecklich prekäre Situation in einem Land, dass sich selbst für den Weltmeister in Sachen Bildungsgerechtigkeit hält, überwunden werden? Sicherlich wäre es Aufgabe der Politik, die Situation von Studierenden zu verbessern, zum Beispiel aus dem Bafög ein Art flächendeckendes, ausreichendes und bedingungsloses Grundeinkommen für Studierende zu machen. Doch von Interesse daran kann keine Rede sein. Die Große Koalition macht keine sichtbaren Anstalten, etwas zu verbessern; selbst wenn die SPD etwas ändern wollte, kneift sie vor der Union. Manche, wie die FDP, gehen gar so weit, dass sie Studiengebühren am liebsten wieder einführen würden, um die Universitäten in die Eliteclubs zurück zu verwandeln, die sie vor den beiden Weltkriegen waren. Einige CSU-Leute unterscheiden sich von manchem AfDler nur soweit, dass sie lieber Jesu- statt Hakenkreuze an den Hochschulen sehen wollen; studieren sollen sowieso weniger junge Leute, und wenn, dann nur Deutsche. Die Linkspartei schließlich bleibt bundesweit zu kraft- und saftlos, um reale Veränderungen herbeizuführen und verschließt sich potenziellen, progressiven Machtoptionen, genauso wie sie ihr von anderen verschlossen bleiben.

Vielleicht liegt es an uns Studierenden selbst, Veränderungen herbeizuführen, schließlich hat das 1968 schon einmal ein bisschen geklappt. Statt verkifft oder verdrufft in unseren WGs rumzuhängen und einmal im Jahr am 1. Mai in Kreuzberg mantra-artig »Kommunismus - Jetzt, jetzt, jetzt« herunterzubeten, könnten wir uns bilden, agitieren, organisieren, dem Staat seine Scheinheiligkeit vorhalten, die Unis wieder besetzen und die S- und U- Bahnen zum Halten zwingen, das System treffen, wo es weh tut und so weiter. Wir könnten uns also (abermals) ein Vorbild an den Studierenden in Frankreich nehmen, die es aktuell wieder vormachen.

Aber wahrscheinlich haben wir neben Studium und Broterwerb gar keine Zeit dafür. Zu allem Übel haben wir unseren Messias, den Rudi Dutschke unserer Zeit, noch nicht gefunden. Und ohne eine Identifikationsfigur funktioniert in Deutschland ja bekanntlich gar nichts, nicht einmal eine Studentenrevolte.

Der Autor ist 21 Jahre alt, wohnt in Berlin, studiert Kulturwissenschaften an der Uni Potsdam und war selbst schon in der Situation, Nudeln mit Ketchup essen zu müssen.

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