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Die Welt, ein Fegefeuer

Jesmyn Ward: Für ihren Roman »Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt« erhielt sie den National Book Award

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Seit 1950 prämiert der National Book Award jährlich den besten Roman eines US-amerikanischen Autors. Die afroamerikanische Autorin Jesmyn Ward, Jahrgang 1977, erhielt 2017 die wichtigste literarische Auszeichnung des Landes für »Sing, Unburied, Sing«. Zum zweiten Mal nach »Salvage the Bones« (im Deutschen: »Vor dem Sturm«) im Jahre 2011. Damit reiht sich Ward in eine illustre Gesellschaft ein. William Faulkner, John Cheever, John Updike und Philip Roth - jenen Größen war diese besondere Ehre vorbehalten geblieben. Jünger war zum Zeitpunkt der zweiten Auszeichnung niemand. Man darf Jesmyn Ward als Ausnahmeerscheinung der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur begreifen.

Ihr Meisterstück: Der Roman »Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt«, in der hervorragenden Übersetzung von Ulrike Becker unter dem Titel Zeugnis von der außergewöhnlichen Gabe der Autorin ab. Ihr Porträt einer afroamerikanischen Familie aus der von Armut und Rassismus geprägten Gesellschaft Mississippis gehört zu den Glanzstücken der US-Literatur. Wards Südstaaten-Erzählung imaginiert eine (alb-)traumgesättigte und von düsteren Mythen durchwebte Welt, deren Protagonisten heillos in der blutgetränkten Geschichte ihrer Heimat verwurzelt sind.

Im Mittelpunkt des Geschehens stehen der dreizehnjährige Jojo, der seiner vierjährigen Schwester den inhaftierten Vater zu ersetzen sucht, und dessen Mutter Leonie, die sich mit größerer Hingabe als der Kindererziehung dem Drogenkonsum widmet. Aus der Perspektive dieser beiden so eng wie konfliktreich verbundenen Figuren erfährt der Leser den Fortlauf der Handlung. Dank dieser kompositorischen Entscheidung gelingt es Ward, nicht nur familiäre Konflikte im Detail auszuleuchten, vielmehr bürgt sie für den Verzicht auf jegliches Moralisieren: Ihre Helden tragen schwer an der Last des Lebens, sie haben kaum eine Wahl.

Der tapfere Jojo darf nicht Kind und kann doch noch kein Mann sein. Leonie sucht eine Freiheit, zu der ihr ebenso die Kraft fehlt, wie dazu, ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Dann ist da Großvater Pop, der versucht, seiner auseinanderbrechenden Familie Halt zu geben, und dabei einsam mit den Dämonen seiner Vergangenheit ringt. Das Drama nimmt seinen Lauf als Leonie mit den Kindern aufbricht, um deren Vater am Tag der Haftentlassung abzuholen. Ihr Road Trip wird zu einer Irrfahrt durchs abgehängte, tief rassistisch geprägte Südstaaten-Hinterland, bei dem sich die kleine Familie ihren eigenen Heimsuchungen stellen muss. Die Erzählung verbindet auf subtile wie mitreißend schmerzliche Weise die Sphären persönlicher und kollektiver Erinnerung. Und deren dunkle Seite: das Trauma.

Jesmyn Ward macht aus dieser Geschichte weder einen klassischen Gesellschafts- noch einen psychologischen Roman. Vielmehr erschließt sie über alttestamentarische und naturreligiöse Bilderwelten die Verlorenheit der Seelen ihrer Figuren. Und macht die Spuren und Traditionslinien von Kolonialismus und rassistischer Gewalt sichtbar als offene Wunden einer gespaltenen Nation. Ihr Amerika ist ein unerlöstes Land, in dem die Sehnsucht nach Frieden die Lebenden wie die Toten vereint. Die Geister der Toten finden keine Ruhe und bleiben Unbegrabene. So wie auch die Lebenden ihrer Vergangenheit nicht zu entkommen vermögen. Ein unabweisbarer, zutiefst bewegender, wahrhaftiger Roman.

Jesmyn Ward: Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Becker. Verlag Antje Kunstmann, 304 S., geb., 22 €.

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