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Weniger Verkehrstote in der Krise

International Transport Forum in Leipzig weist auf mangelhafte Sicherheit auf Straßen hin

1,3 Millionen Menschen sterben weltweit jedes Jahr im Straßenverkehr. Wie diese Zahl zu senken wäre, ist zentrales Thema beim Weltverkehrsforum, das zum 18. Mal in Leipzig stattfindet.

Von Hendrik Lasch, Leipzig

Die Weltwirtschaftskrise vor etwa zehn Jahren hat dazu beigetragen, dass die Zahl der Verkehrstoten einen zwischenzeitlichen Tiefstand erreichte. Zu dieser Einschätzung kommt eine Studie, die auf dem International Transport Forum (ITF) in Leipzig vorgestellt wurde. »Wir sind sicher, dass die Krise zur Verkehrssicherheit beigetragen hat«, sagte Fred Wegman, Chef der »International Traffic Safety Data and Analysis Group« (IRTAD). In deren 41 Mitgliedsländern starben im Jahr 2000 noch knapp 120 000 Menschen bei Verkehrsunfällen. 2007 erreichte die Zahl mit 70 000 einen Tiefpunkt, seither ist sie wieder auf rund 75 000 gestiegen.

Weltweit sterben nach Angaben des ITF jedes Jahr 1,3 Millionen Menschen im Straßenverkehr. Das sei eine »globale Gesundheitskatastrophe«, sagt ITF-Generalsekretär Young Tae Kim. Sicherheit im Verkehr ist zen- trales Thema des diesjährigen Gipfeltreffens, an dem 1200 Politiker, Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter aus 47 Ländern teilnehmen, darunter gut 40 Minister und Vizeminister. Der ITF-Gipfel findet seit 2008 in Leipzig statt und hat sich nach Angaben Kims zu einem »Davos des Verkehrs« entwickelt. Kürzlich wurde entschieden, dass er bis mindestens 2020 in der sächsischen Stadt bleibt.

Laut der IRTAD-Studie ist das Risiko, im Straßenverkehr zu sterben, sehr unterschiedlich verteilt. In Norwegen gab es 2007 zwei Verkehrstote je 100 000 Einwohner, in Deutschland waren es 3,8, in Malaysia und Südafrika aber 21 bzw. 25. Auch der Trend verläuft höchst unterschiedlich. Portugal oder Norwegen gelang es, die Zahl der Verkehrstoten seit 2010 um mehr als ein Drittel zu senken, in der Bundesrepublik ging sie um zwölf Prozent zurück. In Kolumbien stieg sie aber um ein Drittel, in den USA um immerhin 13 Prozent. ITF-Chef Kim sprach von einer »verzweifelten Lage« mancher Länder und mahnte zu verstärkten Anstrengungen - wobei es nicht möglich sein werde, Lösungen aus reichen Ländern auf weniger wohlhabende Regionen zu übertragen.

Weltweit gibt es eigentlich ambitionierte Pläne in Sachen Verkehrssicherheit. Die UNO hatte sich in ihren Nachhaltigkeitszielen verpflichtet, die Zahl der Verkehrstoten bis 2020 zu halbieren. Das gilt als nicht mehr erreichbar. Allerdings haben sich auch düstere Prognosen nicht bewahrheitet, wonach die Zahl der Verkehrstoten bis 2020 auf 1,9 Millionen steigen könnte. Derzeit gebe es »weder eine Zu- noch eine Abnahme«, sagt Wegman.

So kämen weiter täglich 3500 Menschen im Straßenverkehr zu Tode, sagte in Leipzig Prince Michael of Kent, dessen Stiftung seit Jahrzehnten Bemühungen für Verkehrssicherheit honoriert. Er sprach von einer »entsetzlichen Tragödie« und drängte auf verstärkte Anstrengungen - nicht zuletzt finanzieller Art. »Verglichen mit anderen großen Epidemien wie HIV, Malaria und Tuberkulose, wird die Sicherheit auf den Straßen armselig gefördert«, sagte er. Immerhin habe die UNO im April einen Verkehrssicherheitsfonds aufgelegt. Diesen sollten mehr Länder unterstützen, sagte der Prinz.

Die IRTAD-Studie gibt auch Hinweise auf neue Risiken im Straßenverkehr. Ein enormes Problem, das etwa die steigende Zahl von Verkehrstoten in den USA erkläre, sei Ablenkung durch Handys, sagte Wegman. Die Studie beklagt auch die immer laxere Durchsetzung von Verkehrsregeln in vielen Ländern, weil die Polizei andere Prioritäten hat. Und sie verweist darauf, dass Insassen von Autos tendenziell seltener zu Schaden kommen, aber Radfahrer und Fußgänger häufiger zu Opfern werden. Wegman betonte, es reiche nicht aus, Menschen zum Fahrrad fahren zu animieren. Nötig sei auch eine sichere Infrastruktur, die etwa Rad- und Autoverkehr separiert.

Die Hoffnung, dass automatisiertes Fahren die Sicherheit im Verkehr dramatisch verbessere, sei dagegen »zumindest in diesem frühen Stadium« noch trügerisch, sagt Philipp Crist, Autor einer ebenfalls vorgestellten Studie. Die Wechselwirkung zwischen Mensch und Computer könne zunächst sogar dazu führen, dass das System komplexer werde. Automatisierung, sagt Crist, sei »nicht die Antwort für sicheren Verkehr«. Ebenso wenig wie eine neue Krise.

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