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Der Drachentöter, der die Hakenkreuz-Bestie bezwang

Philipp Ewers plädiert dafür, den Sowjetmarschall Georgi Shukow differenzierter zu sehen

  • Von Karl-Heinz Gräfe
  • Lesedauer: 4 Min.

Von der Parteien Gunst und Hass verwirrt, schwankt sein Charakterbild in der Geschichte« - das Schillerwort im Wallenstein-Prolog trifft auch für welthistorische Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts zu, darunter Georgi Konstantinowitsch Schukow (1896 - 1974). Für die einen ist er der »beste Soldat des zweiten Weltkrieges« (Eisenhower), der Mann der an einem Drittel der fast 200 Militäroperationen der Roten Armee gegen den Überfall des kapitalistischen Hakenkreuzreiches maßgeblich beteiligt war. Anderen galt er als »Bluthund« und »Schlächter« von Soldatenleben. Dabei war es der deutsche Eroberungs- und Vernichtungskrieg, der ein bis dahin nie gekanntes Ausmaß an Menschenleben verschlang: sechs Millionen Juden und 27 Millionen Sowjetbürger, die damit fast die Hälfte aller Kriegstoten der Jahre 1939 bis 1945 ausmachten.

Shukow trat endgültig ins Rampenlicht der Weltpolitik, als er die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht am 8. Mai 1945 in Berlin-Karlshorst entgegennahm und dann am 24. Juni 1945 auf einem weißen Pferd über den Roten Platz reitend die Siegesparade über Hitlerdeutschland abnahm. Seine militärischen Entscheidungen wurden ihm durch die Härte des von Deutschland geführten Krieges aufgezwungen, einzelne Fehlentscheidungen waren sicherlich auch charakterlichen Schwächen geschuldet, wie etwa seiner Ruhmessucht.

Gestützt auf neue Quellen versucht Philipp Ewers den Militär, Politiker und Menschen im Kontext konkreter Gegebenheiten und Erfordernissen ausgewogen und differenziert zu beurteilen. Das geschieht auch durch Vergleiche mit namhaften zeitgenössischen Militärführern seiner Heimat (Timoschenko, Wassiljewski, Rokossowski, Konew), den USA (Eisenhower, Patten, MacArthur) und Großbritanniens (Montgomery). Der Biograf beleuchtet den Anteil Shukows an den entscheidenden Operationen der Sowjetarmee (Offensive in der Tiefe des gegnerischen Raumes) vor und im Großen Vaterländischen Krieg (Chalchin Gol, Moskau, Leningrad, Stalingrad, Kursk, Berlin).

Nicht nur international, vor allem auch in Russland polarisiert Shukow, abhängig von der jeweiligen »Parteiengunst«, der jeweils Herrschenden. Der Historiker und Publizist, der sich hinter dem Pseudonym Philipp Ewers verbirgt, kommt in seiner akribischen Recherche zum Fazit: Shukow ist zwar nicht der beste General aller Zeiten, wohl aber der beste General des Zweiten Weltkrieges. Bei ihm verbinden sich Tüchtigkeit und Mut auf dem Schlachtfeld, mit anspruchsvollen strategischen Zielen, Entschlossenheit, Organisationstalent und schier unerschöpflichen Willen.

1946 wurde er wegen persönlicher Bereicherung an deutschem Beutegut (Goldschmuck, Edelsteine, Pelzmäntel, Teppiche, Antiquitäten, Jagdwaffen usw.) von Stalin degradiert, zwei Jahre später vertraute dieser ihm jedoch dann den wichtigen Militärbezirk Ural an und weitere vier Jahre darauf stieg der Marschall erneut ins ZK der KPdSU auf. Nikita Chruschtschow (1894 - 1971) nutzte ihn schließlich im Machtkampf mit seinem Rivalen, dem Geheimdienstchef Lawrenti Berija (1899 - 1953) um die Macht im Kreml nach Stalins Ableben. Da sich Shukow zudem exponiert der Kampagne des neuen KPdSU-Generalsekretärs gegen den »Personenkult um Stalin« anschloss, belohnte ihn dieser mit dem Posten des Verteidigungsministers. Shukow hatte wesentlichen Anteil daran, dass die Sowjetarmee ein atomares Schwert erhielt, das er selbst als ein doppelschneidiges empfand - tödlich für den Angegriffenen wie für den Angreifer. Ein atomarer Krieg würde keine Sieger kennen.

Shukow beklagte, dass die USA die Sowjetunion mit einem dichten Netz militärischer Stützpunkte umgarnt und in ein Wettrüsten hineingezogen hatte. Er bedauerte, dass der einstige Alliierte, Partner im Kampf gegen Hitlerdeutschland, auf Konfrontationskurs umgesattelt und der von ihm geschätzte Dwight »Ike« Eisenhower (1890 - 1969) sich als USA-Präsident in Geiselhaft des allmächtigen militärisch-industriellen Komplexes begeben habe. Der sowjetische Militär hoffte auf friedliche Koexistenz und Abrüstung.

1958 erneut degradiert und in die wohlverdiente Pension geschickt, geriet Shukow noch einmal in die Schlagzeilen durch die Veröffentlichung seiner Memoiren 1969, die in Millionenauflage erschienen und - obwohl stark zensiert - auch im Ausland auf großes Interesse stießen.

Die Erinnerung an Shukow ist im heutigen Russland noch sehr lebendig, nicht nur ob seines 1995 in Stein gehauenen Ritts über den Roten Platz als Marschall des Sieges und Drachentöter, als Mann der die Bestie mit dem Hakenkreuz bezwang. Shukow wird, so Ewers, in Russland immer ein Held bleiben. Er käme im historischen Gedächtnis des Volkes dem zaristischen General Alexander Suworow (1729 - 1789) gleich, der nie eine Schlacht verloren hatte.

Philipp Ewers: Marschall Schukow. Der Mann, der Hitler besiegte. Edition Berolina, 335 S., geb., 14,99 €.

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