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Ein umtriebiger Sozialist und Zionist

Tom Segev hat eine kritische Biografie über David Ben Gurion, Gründungsvater des Staates Israel, verfasst

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Seit 70 Jahren hält der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern die Welt in Atem. Mit der Gründung des jüdischen Staates Israel auf dem Territoriums der bis dahin britischen Mandatsmacht verloren Hunderttausende Araber ihr angestammtes Siedlungsgebiet; ihre Vertreibung nennen sie »Nakba«, Katastrophe. Wer nach realen oder vermeintlichen »Schuldigen« für diese nicht heilen wollende Wunde sucht, wird auf den Namen des Mannes stoßen, der am 14. Mai 1948 die Unabhängigkeit des Staates Israel verkündete und dessen erster Ministerpräsident war: David Ben Gurion (1886 - 1973).

Der 1945 in Jerusalem geborene Historiker und Journalist Tom Segev hat über jenen nunmehr eine materialreiche, durchaus kritische Biografie vorgelegt, eine Annäherung an eine schwierige historische Persönlichkeit, eine in jedem Detail interessante Erzählung über die Gründung des jüdischen Staates, der in seinen ersten Lebensjahrzehnten permanent gefährdet war. Das Buch führt zugleich in die Geschichte des Zionismus ein. Meisterhaft beschreibt Segev die durchaus heftigen Auseinandersetzung unter den Gründungsvätern und führenden Persönlichkeiten des Staates Israel um den richtigen Weg, um eine vernünftige Politik, die militärischer Stärke und Frieden sichert, sowie einen Ausgleich zwischen religiösen und weltlichen Argumenten versucht. Segev hält sich dabei nicht mit Kritik an Ben Gurion zurück, die aber gut begründet ist.

1886 im seinerzeit zu Russland gehörenden polnischen Städtchen Płońsk geboren, lernte Ben Gurion früh die Ideen des Zionismus kennen; 1906 wanderte er in das zum Osmanischen Reich gehörende Palästina aus. Dort entwickelte er eine intensive Tätigkeit, um den Traum von einem Staat zu verwirklichen, in dem die Juden nicht wie überall sonst auf der Welt in der Minderheit und von Verfolgungen bedroht wären. Er unternahm Reisen nach Saloniki und Istanbul, begann ein Jurastudium und gelangte während des Ersten Weltkriegs in die USA, wo er seine Frau Paula kennenlernte, mit der er nach Kriegsende nach Palästina zurückkehrte. Das stand nach der Zerschlagung des Osmanischen Reiches unter einer vom Völkerbund vergebenen britischen Mandatsverwaltung, mit der es ein ständiges Feilschen um Einwanderungsquoten für Juden aus Europa gab, weil diese auch die Rechte der arabischen Bewohner Palästinas zu berücksichtigen hatte. Es ging schon damals immer um Land, Menschen und Grenzen. Seine ausgiebigen Reisen brachten Ben Gurion auch nach Russland, wo er Lenin kennenlernte, den er zeitlebens verehrte. Ben Gurions Zionismus hatte eine sozialistische Note, die er später als Gewerkschaftsführer und in der von ihm geführten Arbeiterpartei Israels nie verleugnete. Im Vordergrund aber stand für ihn die zionistische Vision.

Während des Zweiten Weltkriegs erreichten Ben Gurion in Israel Nachrichten über ein angebliches Angebot der Nazis, Juden aus dem deutschen Machtbereich gegen hohe Geldzahlungen nach Palästina ausreisen zu lassen. Segev wiederholt seine schon in früheren Veröffentlichungen aufgestellte These, dass damals die Rettung eines Teils der europäischen Juden versäumt wurde. Wie realistisch diese war, bleibt offen. Jedenfalls scheiterten die Geheimverhandlungen mit deutschen Stellen an der britischen Weigerung, hinter dem Rücken der Sowjetunion Separatgespräche mit dem gemeinsamen Feind zu führen. Bei Ben Gurion und den Juden in Palästina hinterließ dies ein Gefühl der Hilflosigkeit - vor allem, als sich die Meldungen über die systematische Ermordung der europäischen Juden in deutschen Vernichtungslagern mehrten. Die schwere Hypothek aus diesen Jahren belastete später auch die Annäherung zwischen der jungen Bundesrepublik und Israel, bei der es dann um erhebliche Zahlungen Bonns an den jüdischen Staat und um das ging, was man »Wiedergutmachung« nannte.

Segev erzählt die Geschichte der verschiedenen Einwanderungswellen nach Palästina und später nach Israel stringent anhand des Lebenslaufs von Ben Gurion. Er berichtet über die Kriege, die Israel gegen seine arabischen Nachbarstaaten führte sowie von Übergriffen auf die palästinensische Bevölkerung. Er berichtet von den Aktivitäten Ben Gurions auf der internationalen Bühne, von Wahlkämpfen, von Intrigen und Anfeindungen innerhalb der Regierung und der Knesseth, vom wirtschaftlichen Aufstieg bis zu der Entwicklung des Atomwaffenarsenals, das in Israel als eine Art Lebensversicherung angesehen wurde und wird.

Während der Lektüre begegnet der Leser all den großen Namen israelischer Geschichte, so Chaim Weizmann, Moshe Dayan, Golda Meir und Schimon Peres. Ben Gurion kannte die seinerzeit wichtigsten internationalen Staatenlenkern persönlich, darunter Charles de Gaulle, Winston Churchill, John F. Kennedy und Konrad Adenauer. Mit allen und mit noch mehr Politikern im eigenen Land kreuzte er die Klinge. Er fand oft für den von ihm repräsentierten Staat vorteilhafte Kompromisse, musste aber seine parlamentarische Mehrheit in Israel immer wieder mit angedrohten oder auch bereits vollzogenen Rücktritten erzwingen, was (nachvollziehbar) kräfteraubend war.

Mit seiner historisch-kritischen Biografie über den Staatengründer David Ben Gurion hat Tom Segev sein höchst persönliches Geschenk auf den Gabentisch des Staates Israel zu dessen 70. Geburtstag gelegt.

Tom Segev: David Ben Gurion. Ein Staat um jeden Preis. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Siedler, 800 S., geb., 35 €.

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