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Die Erfindung der Rassen

Mit einer Schau zum Rassismus blickt das Hygiene-Museum Dresden auch in die eigene Geschichte

  • Von Hendrik Lasch
  • Lesedauer: 6 Min.

Geisterjägerei wurde als eine ernsthafte Angelegenheit betrieben. Der Koffer, mit dem sich Fachleute auf die Suche begaben, enthielt Zirkel, Messschieber, Spatel, Talkum. Es wurde gemessen und protokolliert im Bemühen, Geistererscheinungen zu belegen - ein Streben, das heute skurril wirkt.

Ende des 19. Jahrhunderts kamen die Geräte für einen anderen Zweck zum Einsatz. Sie sollten den wissenschaftlichen Nachweis ermöglichen, dass Menschen verschiedenen Rassen angehören. Schädel wurden vermessen, die Winkel bestimmt, in denen Nasen aus Gesichtern hervorspringen. In einer Pappschachtel, die im Dresdner Hygiene-Museum in einem labyrinthischen Holzregal liegt, sind gläserne Nachbildungen von Augäpfeln aufgereiht: blaue, grüne, hell-, mittel-, dunkelbraune. Es gibt auch Tafeln für Hautfarben. Erst wurde vermessen, dann wurden Grenzlinien gezogen. Das Ziel: Gruppen von Menschen voneinander zu scheiden.

Das Dresdner Haus widmet sich in seiner aktuellen Schau dem Rassismus - einem »Phantom«, wie es unter Anspielung auf einen Aufsatz von Magnus Hirschfeld aus den 1930er Jahren zunächst im Untertitel heißen sollte. Schließlich, sagt Kuratorin Susanne Wernsing, sei »Rasse« etwas, was es »in der Natur nicht gibt«. Kein Wissenschaftler, betont der Historiker Christian Geulen, könne bis heute »präzise benennen, was genau als ›Rasse‹ zu bezeichnen sei« - trotz aller Vermessungen, Verhaltensstudien oder neuer DNA-Analysen. Die Werkzeuge, mit denen dennoch der Versuch unternommen wurde, präsentiert der erste Raum der Schau, den der Berliner Architekt Diébédo Francis Kéré als eine Art Wunderkammer gestaltet hat, in deren Fülle man leicht den Überblick zu verlieren droht.

Allerdings ist Rassismus tatsächlich kein Phantom, sondern Grundlage dafür, Menschen einzuteilen, ab- und auszugrenzen. Als Ordnungsmechanismus wirkt der Begriff Rasse, der dem arabischen Wort raz (Ursprung) und dem lateinischen radix (Wurzel) entstammt, seit der Aufklärung - einer Zeit, die doch die Universalität des Menschen propagierte. Er sollte eine natürliche Ordnung stiften, propagierte aber eine Rangordnung. Es sei die »einfachste, radikalste und daher auch gefährlichste Art, Partikularität zu denken«, sagt Geulen.

Welche Wirkung das hat, lässt sich in den Archiven des Hygiene-Museums besichtigen, eines Hauses, das aus der Internationalen Hygieneausstellung 1911 hervorging und Ideen einer Rassenhygiene weit vor 1933 propagierte. In seinen Werkstätten entstanden Lehrtafeln über »Rassengruppen der Erde« oder die »Rassen des deutschen Volkes«, die in der Schau ebenso gezeigt werden wie das Modell einer von Ochsen gezogenen Postkutsche aus Deutsch-Südwestafrika. Es wurde für die Dresdner Kolonialausstellung von 1939 gefertigt und spiegelt die »Rassenordnung« in der Kolonie: Zwei weiße Kolonialherren sitzen auf dem Kutschbock, zwei Schwarze treiben die Ochsen.

Es ging indes nicht nur um »oben« und »unten«. Konzepte von Rasse waren die Basis für Unterdrückung, Diskriminierung und Massenmord. Von dem Dresdner Museum wurden sie nicht nur verbreitet, sondern maßgeblich mit entwickelt, sagt dessen heutiger Direktor Klaus Vogel, der von einer »historischen Kontaminierung« des Hauses spricht. Die jetzige Ausstellung ist ein erneuter Versuch, dieses Kapitel ins Bewusstsein zu rücken - wobei, wie Vogel anmerkt, das Thema »nicht final zu erledigen ist«.

Die Ausstellungsarchitekten stellte der Raum zur NS-Zeit, der etwa auch auf die frühe Dresdner Ausstellung mit »Entarteter Kunst« eingeht, vor eine besonders knifflige Aufgabe, sagt Kéré: Man habe die NS-Propagandamittel zeigen wollen, »ohne ihnen zu huldigen«. An den Wänden, die an nackten Beton erinnern, hängen nun eher die Bilder, gegen die sich der Furor der Nazis richtete. Auch im Katalog zur Ausstellung bedient man sich eines Kniffs: Einige Illustrationen sind nur unter Zuhilfenahme einer farbigen Folie zu erkennen; an Wände zu pinnen sind sie auf diese Weise nicht.

Es sind dies Indizien dafür, dass die Ausstellung in einem heiklen Umfeld stattfindet. Zwar betont Vogel, sie sei lange vor dem Aufkommen von Pegida, AfD & Co. geplant worden. Eröffnet wird sie nun aber in einer Zeit, in der Ideologien der Ausgrenzung sogar im Bundestag propagiert werden; in der offen gefordert wird, das »N-Wort« wieder benutzen zu dürfen, und in der Zuwanderer pauschal als »Ficki-Ficki-Fachkräfte« diffamiert werden. Rassismus ist wieder salonfähig - auch wenn der Begriff selbst in aller Regel vermieden wird; statt dessen ist in rechten Kreisen viel von Kultur, Identitäten, Völkern und Lebensformen die Rede. Derlei verbale Tarnung ändert nichts an der Tatsache, dass es um die Legitimierung von Ungleichheit und Ungleichbehandlung geht, um die - nicht zuletzt auch gewalttätige - Ausgrenzung von Menschengruppen: »Wir« gegen die vermeintlich »Anderen«.

Die Dresdner Ausstellung könnte nicht gelegener kommen, um über die Geschichte und Auswirkungen dieses ideologischen Konstrukts aufzuklären und Debatten zu befördern - auch wenn sie, wie Vogel sagt, »kein Remedium gegen tagespolitische Problemlagen« sein will. Und auch wenn sie sich beinahe selbst in den Fußangeln des Themas verfangen hätte. Die ersten Ideen entstanden ausschließlich in einem Kreis, in dem niemand persönliche Erfahrungen mit Rassismus hatte: Es handelte sich nur um Weiße. »Wir mussten unsere Farbenblindheit erst erkennen«, sagt Vogel.

Erst spät versicherte man sich der Beratung durch eine Arbeitsgruppe, deren Menschen wie Natasha Kelly angehören. Rassismus, sagt die farbige Kommunikationswissenschaftlerin, habe sie »ein Leben lang begleitet, ebenso wie er meine Vorfahren begleitet hat und vermutlich meine Kinder und Kindeskinder begleiten wird«. Debatten mit der Gruppe, sagt Kuratorin Susanne Wernsing, seien hilfreich gewesen für Entscheidungen, welche Bilder von Betroffenen als aggressiv empfunden würden und was wie gezeigt werden könne. Schließlich, sagt Kelly, dürfe man »nicht Rassismus reproduzieren, um Rassismus zu erklären«.

Der Zusammenarbeit verdankt die Ausstellung nun auch einige zusätzliche Exponate. Eines davon: ein kleiner Kasten, in dem Kellys Haare hängen: lange, schwarze Dreadlocks. Es sind Strähnen, die nach Kellys Erfahrung wegen ihres »exotischen« Aussehens bei vielen Weißen den Impuls wecken, sie zu berühren - was im Fall des Ausstellungsstücks mit einem akustischen Signal quittiert wird. Auch das Exotische, so die Botschaft, wird als etwas »Anderes« empfunden und reproduziert so rassistische Klischees. Ähnliches gilt für die »Mandelaugen« asiatischer Frauen, die Europäer oft als reizvoll empfinden - die diese aber, wie der in der Schau gezeigte Werbeclip einer südkoreanischen Schönheitsklinik zeigt, für viel Geld loszuwerden versuchen. Eine Klammer aus Kunststoff, sagt eine junge Frau in dem Film, könne die »fehlerhafte Falte« im Augenlid korrigieren. Als Idealbild gilt das Aussehen weißer Frauen. Dabei liegt der Fehler nicht im Lid, sondern im Auge des Betrachters, der eine Norm setzt, um auszugrenzen - damit aber auch nur eine Art Geisterjägerei betreibt.

»Rassismus. Die Erfindung von Menschenrassen«. Bis 6. Januar 2019 im Deutschen Hygiene-Museum Dresden, Lingnerallee 1. Täglich außer montags 10 bis 18 Uhr.

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