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Führ mich in die Nacht

Am Deutschen Theater inszenierte Daniela Löffner »Sommergäste« von Maxim Gorki

Herzerfrischend die Aufführung, so kitschig das Attribut klingen mag, herzerfrischend gegen so viel Plunder, der sonst kommt. Realistisches Theater ist im Deutschen Theater anzuschauen: »Sommergäste« von Gorki aus dem Jahr 1904. Besetzt mit hervorragenden Schauspielerinnen und Schauspielern, voran Anja Schneider als Warwara Michajlowna, ihr zur Seite Alexander Khuon als Sergej Bassow. Das ungleiche Paar empfängt Sommergäste, eine Crew des russischen Mittelstandes um 1900. Junge wie ältere Frauen und Männer, Ehepaare, Verliebte, Einzelgänger, Menschen konträrer Anschauungen und bürgerlicher Berufe. Suchende, gleichgültige, hilflose Individuen nehmen das Wort. Gorki beschreibt die »schwachen Kräfte« der Intelligenz, obwohl die russischen Revolutionäre durchweg aus dieser Schicht stammten. Ein agitierender Revolutionär fehlt, er wäre auch nicht geladen worden.

Gespielt wird eine knapp vier Stunden dauernde, auf 15 Personen reduzierte und behutsam aktualisierte Fassung von Daniela Löffner und David Heiligers. Ohne individualistische Attitüde, ohne jenen rockigen obsessiven Dampf (heiße Luft), den Bühnen gerne ablassen. Der Text bildet die Substanz der Aufführung. Das Stück spielt an einem Sommertag. Die Sonne scheint, die Natur gibt Früchte und erfreut sich an Nässe und Winden, aber die Winde im Leben der Individuen sind ungemütlich, rau, kalt. Dem entspricht der Raum, in dem das Drama statthat. Rostbraun die Wände. Die Dusche steht vorn. Ungeniert präsentiert sich Sergej nackt vor Wawaren, was sie nicht kalt lässt. Wie lange war nichts? Sie würde gern, er nicht. Hinten Regale, Gestühl, ein Samowar, Kühlschrank mit Frischem, vorn am Rand Kisten mit Schnaps (Bühne Claudia Rohner), wovon Sergej sich reichlich bedient. Trübe Stimmung.

Kalerija (Linn Reusse), Bassows Schwester, Schatten ihrer selbst, setzt sich ans Klavier und improvisiert russische Nocturnes. Sie dichtet und rezitiert im gegebenen Moment vor den Gästen ängstlich eigene Verse. Später zupft einer die Klampfe und singt dazu, ein anderer spielt Akkordeon. Alle singen oder summen irgendwann mal, einzeln oder gemeinschaftlich, als wären sie die Eintracht selber. Die Spielidee geht so: An der Hinterwand warten die Akteure auf ihren Einsatz. Einzeln, paarweise, in Gruppen treten sie vor, verhalten sich, lauschen, schweigen, treten wieder zurück. Ein so menschliches wie gefährliches Beziehungsgeflecht soll sich aufbauen.

Zentral die Bassows, beide Mitte 30, sie proletarischer Herkunft, er Rechtsanwalt. Ihre Ehe ist ramponiert. Sergej - das Saufen lässt er sich von Warwara nicht verbieten - verfügt frei über sein Denken und Empfinden. Sie desgleichen. Umso mehr beißen und quälen sie sich. Es geht um Grundsätzliches. Warwara, wie er Mitte 30, vornehmen Geistes, eloquent, stören nicht nur die Umstände, unter denen sie leben muss, sie sind ihr verhasst. Was soll sie in einer Welt, die nichts übrig habe für ein erfülltes Leben? Was tun, sie zu bessern, dem Leben Sinn zu geben? Dem Kraftstrotz Sergej, stets eine Schrulle oder Gemeinheit auf den Lippen, geht das ganze Gerede auf den Keks. Warwara wird mehr und mehr Anziehungspunkt für andere. In der ulkigsten, extremsten Form.

Eine Art Wettbewerb kommt in Gang. Wer ist zynischer und verzweifelter als der Rest? Wer leidet mehr unter der Dürre der Zeit? Du, ich, ihr, wir alle? Die Herrschaften schenken sich nichts. Vorwürfe und Selbstvorwürfe, persönliche Angriffe und Abwehrreaktionen machen die Runde. Fatal die Paarbeziehung zwischen dem Arzt Kiril Dudakow (Andreas Pietschmann) und der Olga Alexejewna (Natali Seelig). Olga zürnt gegen ihre vier Kinder. Sie würden ihr das Leben vergällen. Allen Ernstes glaubt sie sich ihretwegen um ihre Persönlichkeit betrogen. Verzweiflung macht die Menschen böse.

Kann Liebe unterm kalten Himmel aufkeimen? Marja Lwowna (Regine Zimmermann) ist Ärztin. Wlas (Marcel Kohler), Warwaras Bruder, beargwöhnt, weil er geradlinig und ehrlich ist, verliebt sich über beide Ohren in sie. Marja ist irritiert. Was sich zwischen beiden anbahnt, atmet Glück, Hoffnung. Ehrlich ihre Gefühle. Wunderbar ausgearbeitet diese Liebesbeziehung. Sie bleibt unerfüllt. Die Vernunft der älteren Frau siegt über die Gefühle. Warwara und Marja schlagen als einzige progressive Töne an. Scharf artikulieren sie die Sinnfrage.

Folgenreich die Verzweiflung der Julia Philippowa. Die Umgebung belächelt sie als das leichte Frauenzimmer. Offen treibt sie es mit dem gestriegelten Nikolaj Samyslow (Caner Sunar), Bassows Assistenten, der schnell zur Sache geht. Ihre ganze Kreatürlichkeit wirft Kathleen Morgeneyer in die Julia, eine Schlüsselfigur, die zugleich lacht und leidet, die ihren Gatten Pjotr Suslow, ein Schwein, die Hölle wünscht. Er, dem nicht mal sein reicher Onkel (Helmut Mooshammer) traut, den er beerben will, habe sie zur Schlampe gemacht.

Das nimmt man ihr ab. Julia begehrt als einzige vehement auf. Halb nackt, mit Zylinder und Lederstiefeln (Kostüme: Eva Martin), schreit sie in ihrer rhythmisch hochgetriebenen Show um Hilfe: »Führ mich in die Nacht. Gib mir eine neue Idee.« Dann schwärzt sie sich mit Teer und serviert grell ausgeleuchtet dem Publikum eine Kreation aus Chaplin und Hitler (Licht: Cornelia Gloth). Radikaltheater auf dem Theater.

Dass sich nichts ändert, ist Wesenselement der Inszenierung. Stillstand schafft Unglück und - Aufstand. Die Menschen laufen umher, betätigen Körper, Geist und Sinne, möchten Liebe geben und empfangen, tanzen und feiern, und doch steht alles still. Am Ende zerfetzt sich das Bassow-Paar vor den Augen der Versammelten. »Die frigide Ziege ist die Letzte, die die Welt verändern kann«, raunt Sergej gegen seine Frau. Sie entschließt sich, ganz weg zu gehen.

Eine Hoffnung gibt es, die einzige: Sonja, Marja Lwownas Tochter, und Simin, der Student, lieben sich so natürlich und unbefangen, dass alle Not, alle Gedrücktheit abfällt, beschaut man sie. Maike Kirsch und Nikolay Sidorenko, ihre Rollenträger, zeigen unter elektronischen Theremin-Klängen ihrer Umgebung, dass Leben schön und sinnlich und sinnvoll sein kann. Allein, die beachtet sie kaum.

Nächste Vorstellungen: 6., 10. Juni

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