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  • Science-Fiction aus China

Die Aliens sind wir

Die düstere »kosmische Soziologie« des Science-Fiction-Stars Cixin Liu

  • Von Jörn Schulz
  • Lesedauer: 7 Min.

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Den Verlauf der Bahnen dreier Körper unter dem Einfluss ihrer gegenseitigen Anziehung zu berechnen, sollte so schwer doch wohl nicht sein, mag man als Nichtphysiker glauben. Ist es aber. Es ist sogar unmöglich. Das Problem ist nicht von unmittelbarer Bedeutung für das alltägliche Leben, sofern man das Glück hat, auf einem Planeten zu leben, der in einer für biologische Lebensformen günstigen Entfernung um seine Sonne kreist. Alpha Centauri, das nächstgelegene Sternensystem, besteht hingegen aus drei Sonnen. Dort gibt es mindestens einen Planeten, und dies sogar in der habitablen Zone, also in einer Entfernung von der Sonne, die Leben ermöglichen könnte. Wenn Sie auf diesem Planeten lebten, wäre Ihr Interesse für Physik und das Dreikörperproblem vermutlich größer, denn Sie wüssten sicherlich gern, ob und wann eine der beiden anderen Sonnen so nahe kommt, dass Sie verbrennen, oder Ihren Planeten aus seiner Bahn zieht, sodass Sie erfrieren.

Die Probleme in einer solchen Welt, in der lebensfreundliche und lebensfeindliche Perioden sich unvorhersehbar abwechseln, sind ein Ausgangspunkt der Trilogie Cixin Lius. Schließlich liegt es nahe umzuziehen, wenn man herausbekommt, dass eine andere Welt mit viel günstigeren Lebensbedingungen gleich in der kosmischen Nachbarschaft liegt: die Erde. Der andere Ausgangspunkt ist die Reaktion eines Menschen in einer kosmologisch betrachtet lebensfreundlichen Welt, in der lebensfeindliche Perioden nicht eben selten sind, weil ihre Bewohner einander terrorisieren. Da kann man schon mal auf die Idee kommen, Aliens um Hilfe zu bitten. Schlimmer kann es ja nicht kommen. Oder doch?

Während die moderne Science-Fiction sich meist mit offenkundig pseudowissenschaftlichen Erklärungen etwa für Zeitreisen oder überlichtschnelle Raumflüge behilft, steht Cixin Liu in der ursprünglichen Tradition des Genres. Grundlage seiner Romane ist die Weiterentwicklung existierender Technologien und wissenschaftlicher Theorien. Dabei gönnt er sich einige literarische Freiheit, hält aber etwa an der Lichtgeschwindigkeit als absoluter Grenze - dem wohl größten Ärgernis, das die Physik den Science-Fiction-Fans beschert hat - fest.

Die Physik ist für Cixin Liu aber offenbar auch so etwas wie eine Philosophie oder Lebenshaltung. Die Trilogie beginnt mit der aussichtslosen Rechtfertigung des Physikprofessors Ye Zhetai vor einem Tribunal während der sogenannten Kulturevolution, als die Vertretung »reaktionärer Ideen« wie Relativitätstheorie und Unschärferelation mehr als ausreichend für ein Todesurteil war. Dessen Tochter Ye Wenjie ersucht angesichts der Ermordung ihres Vaters und anderer traumatischer Erlebnisse um Hilfe aus dem Weltall, als sich ihr die Gelegenheit bietet. Allerdings wird schnell deutlich, dass unsere kosmischen Nachbarn, die Trisolarianer von Alpha Centauri, keine freundlichen Absichten hegen.

Im ersten Band schildert Cixin Liu die unmittelbare Reaktion der Menschheit auf die Bedrohung durch eine außerirdische Invasion. Der zweite Band ist vornehmlich der noch überwiegend indirekten Interaktion mit Trisolaris gewidmet, bei der die Menschheit mehr und mehr der recht pessimistischen »kosmischen Soziologie« folgt. Das Ende ist versöhnlich, aber es ist eben nicht das Ende der Geschichte, die im dritten Band nicht nur für die Erde eine dramatische Wendung nimmt.

Cixin Liu besticht vor allem durch seinen ungeheuren Ideenreichtum, nicht allein bezüglich technologischer Innovationen und wissenschaftlicher Spekulationen (hier spielen neue Dimensionen übrigens tatsächlich eine wichtige Rolle), sondern mehr noch in der Beschreibung der diversen Reaktionen der Menschheit und einzelner Menschen auf die Herausforderungen eines Raumfahrtzeitalters, das man sich schöner hätte vorstellen können. Seine Hauptfiguren sind, auch dies ein interessanter Aspekt, zwar Menschen, aber doch so etwas wie Aliens - leicht verschrobene Sonderlinge, die mit dem Rest der Menschheit nicht so recht klarkommen. Angesichts dessen fallen einige Mängel in Dramaturgie und Stringenz nicht sehr ins Gewicht.

Gäbe es einen außerirdischen Beobachter irdischer Science-Fiction, so würde dieser seiner Spezies angesichts des gewaltigen Erfolges der Trilogie Cixin Lius, aber auch der düsterer als alle Vorgänger geratenen »Star Trek«-Serie »Discovery« wohl mitteilen, dass die Menschheit gerade nicht gut drauf ist. Das Genre spiegelt mangels echter außerirdischer Referenzpunkte ja die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft wider. Die apokalyptische Grundstimmung in der Zeit des Kalten Krieges etwa führte zu der vorherrschenden Ansicht, dass eine Zivilisation entweder ihre sozialen und politischen Probleme löst oder sich selbst vernichtet. Seitdem gab es beachtliche technologische und durchaus auch gesellschaftliche Fortschritte. Von einer Lösung der sozialen und politischen Probleme kann jedoch nicht die Rede sein; derzeit drohen sogar erhebliche Rückschritte. Wer wollte da noch ausschließen, dass es Wesen gibt, die durch den Weltraum fliegen und dennoch über den geistigen Horizont eines, um es irdisch auszudrücken, AfD-Anhängers nicht hinausgekommen sind?

So wird die »kosmische Soziologie« nun auch im wirklichen Leben diskutiert. Sie besagt im Kern, dass Zivilisationen einander als potenzielle Bedrohung betrachten und daher geneigt sind, präventive Vernichtungsschläge zu führen. Cixin Liu vertritt diese Theorie jenseits seiner Romane nicht explizit, betrachtet sie offenbar aber auch nicht als reine Fiktion. In einer Ende vorigen Jahres im US-Magazin »The Atlantic« erschienenen Reportage schildert Ross Andersen seine Debatten mit dem Autor, den er als »Chinas führenden Philosophen des Erstkontakts« bezeichnet. Cixin Liu betrachtet die Erfahrungen Chinas mit Invasoren als beispielhaft für ein allgemeines Verhaltensmodell und glaubt, dass außerirdische Zivilisationen wegen der damit verbundenen Gefahren keine gezielten Signale in den Weltraum senden, um, wie Menschen es im Rahmen der Seti-Programme tun, Kontakt aufzunehmen.

Tatsächlich aber wissen wir nicht, ob außerirdisches Leben existiert. Die Suche nach Aliens ist nicht zuletzt Ausdruck der Unzufriedenheit mit irdischen Zuständen. Irgendetwas anderes sollte das Universum doch wohl hervorgebracht haben, sollte man meinen und würde man fordern, wenn es einen Adressaten gäbe. Angesichts der Entdeckung zahlreicher Planeten ist es allerdings wahrscheinlich, dass es auch anderswo Leben gibt. Über die Evolution auf anderen Planeten aber wissen wir nichts, die Existenz mehrerer Sonnen ist nur eine von unzähligen Variablen wie Schwerkraft, Atmosphäre oder Geologie, die ganz andere Lebensformen mit gänzlich anderen Interessen und Vorstellungen von Kommunikation hervorbringen könnten. Vielleicht wissen sie längst von uns und ignorieren uns, vielleicht versuchen sie mit uns zu kommunizieren und wir kapieren es nicht.

Von wenigen Ausnahmen wie Stanislaw Lems »Solaris« abgesehen, präsentiert die Science-Fiction zumindest in der Psychologie menschenähnliche Aliens, Spiegelbilder unserer selbst. Auch Cixin Liu konzipiert außerirdische Zivilisationen nach menschlichen Maßstäben. Das ist literarisch legitim, sogar fast unvermeidlich, da eine Zivilisation, deren Kommunikation für uns unverständlich oder unerkennbar ist, kaum beschrieben werden kann. Die Vermenschlichung der Aliens auf das wirkliche Leben zu übertragen, ist hingegen problematisch.

Als allgemeines Gesetz taugt die »kosmische Soziologie« sicherlich nicht. Es wäre aber ärgerlich genug, wenn eine Zivilisation pro Galaxis die Obsession entwickelt, sich kosmischer Konkurrenz durch Vernichtung zu entledigen. Der nach heutigem Erkenntnisstand wahrscheinlichste Kandidat für eine solche Zivilisation, die paranoide Neigungen mit Konkurrenzdenken und dem Hang verbindet, Interessen mit Gewalt durchzusetzen, ist die einzige, die wir kennen - nämlich unsere. Auf dem Mars können wir nicht mehr viel kaputtmachen, doch gibt es gute Argumente dafür, dem Rest der Galaxis unseren Besuch vorerst zu ersparen.

Von der Möglichkeit, interstellar zu reisen oder gar Krieg zu führen, ist die Menschheit so weit entfernt, dass die Debatte gelassen geführt werden kann. Dennoch könnte ein außerirdischer Beobachter ein wenig beunruhigt darüber sein, dass China nun das mit Abstand größte Radioteleskop der Welt für die Suche nach außerirdischen Signalen errichtet hat und Cixin Liu dort als Besucher empfangen wurde. Er rät, bei der Antwort auf ein Signal möglichst wenig über die Geschichte der Menschheit zu verraten, da diese verstörend auf Aliens wirken könnte. Immerhin sind die meisten Experten nunmehr der Ansicht, dass das erste Signal, das Außerirdische empfangen konnten, nicht, wie lange Zeit allgemein angenommen wurde, die Fernsehübertragung der Eröffnung der Olympischen Spiele 1936 durch Adolf Hitler war. Unser Ruf in der Galaxis ist also wohl noch nicht gänzlich ruiniert.

Cixin Liu: Der dunkle Wald. Heyne. 816 Seiten, pb., 16,99 Euro (Band 2 der Trilogie »Trisolaris«).

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