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Zum Geburtstag Ebola

Weltgesundheitsorganisation will 70 Jahre nach ihrer Gründung flexibler werden

  • Von Ulrike Henning
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) steht 70 Jahre nach ihrer Gründung vor großen Herausforderungen. Das betrifft nicht nur die Entscheidungen darüber, auf welche Gesundheitsprobleme man sich zwischen 2019 und 2023 konzentrieren will, sondern auch die über das weitere Vorgehen der Organisation und ihre Finanzquellen.

Durch die Vereinten Nationen bereits gesetzt sind die Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030, beschlossen im September 2015. Ziel 3 ist hier der Gesundheit und dem Wohlergehen der Menschen gewidmet. Dabei geht es sowohl um den Kampf gegen ansteckende als auch nicht übertragbare Krankheiten, um die Gesundheit von Kindern und Müttern und weitere Themen. Bis 2030 sollen für alle Menschen auf der Welt hochwertige Gesundheitsdienste und Arzneimittel verfügbar sein. Auf der Weltgesundheitsversammlung in Genf in dieser Woche stellte WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom Ghebreyesus das sogenannte Drei-Milliarden-Konzept dazu vor.

Demnach soll eine Milliarde Menschen mehr als bisher von einer allgemeinen Gesundheitsversorgung profitieren, eine Milliarde soll vor Gesundheitskatastrophen geschützt werden und für eine weitere Milliarde sollen sich Gesundheit und Wohlbefinden verbessern. Statt des bisherigen zentralen Ansatzes wird nun auf eine flexible, länderspezifische Herangehensweise gesetzt, in die auch nationale Expertise einzubinden ist.

Gerade der aktuelle Ebola-Ausbruch im Kongo wirft ein Schlaglicht auf die hohen Erwartungen in ganz unterschiedlichen Bereichen, die an die WHO mit ihren 194 Mitgliedstaaten und weltweit über 7000 Mitarbeitern gestellt werden. Auf einer Veranstaltung in Berlin am Donnerstag zum WHO-Jubiläum waren sich Experten einig, dass die Organisation durchaus aus der Epidemie in Westafrika 2014 gelernt hätte. Damals waren über 11 000 Menschen an Ebola gestorben. Bisher, sagte etwa Inga Osmers von »Ärzte ohne Grenzen«, gebe es schon nach kurzer Zeit für den Kongo die Unterstützung, die man sich 2014 gewünscht hätte. Osmer ergänzte jedoch, dass in derartigen Fällen sowie bei Naturkatastrophen nicht die WHO selbst Teams von Medizinern losschicken sollte. Sie sollte demnach eher Normen und Standards setzen.

In eine ähnliche Richtung geht die Kritik des Schriftstellers Rainer Merkel, der 2014 Liberia besuchte und über diese Reise das Buch »Go Ebola Go« schrieb. Er monierte, dass sich heute 80 Prozent der WHO-Aktivitäten mit speziellen Programmen, Impfkampagnen und anderen punktuellen Maßnahmen befassten, nur 20 Prozent seien den Gesundheitssystemen und ihren Strukturen gewidmet. Auch sei der Blick auf Gesundheit zu medizinisch-technisch. Dieser Kritik kann sich sogar Detlev Ganten anschließen. Der Präsident des seit mehreren Jahren in Berlin stattfindenden World Health Summit räumt ein, dass die Medizin zur Gesundheit nur etwa fünf Prozent beitrage - darunter etwa mit Leistungen der Chirurgie. Wichtig seien darüber hinaus aber auch das Wissen über Infektionswege oder die Hygienekultur in einer Gesellschaft.

Jedoch ist es gerade eine Veranstaltung wie der World Health Summit, die eher auf die fünf Prozent der Medizin setzt, sich auf die Leistungsfähigkeit akademischer Institutionen beruft und auch die Pharmaindustrie aufs Podium hebt. Kombiniert mit dem Auftreten politischer Prominenz suggeriert dieser Ansatz, dass die WHO überholt sei. Deren Mitgliedstaaten wurden in der Finanzierung schon lange von privaten Spendern und Akteuren wie der Gates-Stiftung überholt. Jedoch gibt es über die entsprechende Einflussnahme durchaus keinen Konsens. Kritiker, darunter Inga Osmers von »Ärzte ohne Grenzen«, wollen nicht, dass die WHO-Agenda durch Gates-Gelder gesetzt wird. Das Finanzdilemma wird sich auf dem Health Summit in diesem Herbst deutlich widerspiegeln: Einerseits ist angekündigt, dass WHO-Chef Tedros dann den Rahmenplan zum Nachhaltigkeitsziel 3 präsentiert. Andererseits wird auch Bill Gates in der Stadt sein und vermutlich ebenfalls Akzente setzen wollen, wozu durchaus die Sicherung von Gewinnmargen für Impfstoffhersteller gehören könnte.

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