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Gentlemen, möge die Beste gewinnen!

Seit zehn Jahren präsentiert die Dragqueen RuPaul Andre Charles ihre Casting-Show im US-Fernsehen

  • Von Veronika Kracher
  • Lesedauer: 5 Min.

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Auf einem Ball ist man das, was man sein möchte«, erklärt die Dragqueen Pepper laBeija in dem Dokumentationsfilm »Paris is burning«. »Auf einem Ball stellt man seine Arroganz zur Schau, seine Reize, seine Schönheit, seinen Charme, seinen Esprit, sein Wissen. Du kannst alles werden und alles tun, hier und jetzt, ohne dass es hinterfragt wird.«

»Bälle« sind Wettbewerbe, Ermächtigungsfantasien, und Klassentreffen in einem: Dragqueens kompetieren in bestimmten Kategorien gegeneinander um beweisen, wer von ihnen die schönsten Kleider oder das beste Auftreten an den Tag legt.

Diese Bälle waren lange Zeit Zufluchtsort für oft schwarze oder lateinamerikanische Schwule, um für einen Abend jene Rollen auszuleben, die einem die Gesellschaft verwehrte: die Teilnehmer schlüpften in die Rollen von Filmstars, verwöhnten reichen Mädchen oder auch heterosexuelle CEOs, spielten mit den Bildern und Stereotypen dieser Rollen und schufen so gleichzeitig Karikatur als auch exaltierte Hommage an ihnen verwerte Geschlechterrollen.

Über die Jahre hinweg erfuhr Drag, dessen Ursprünge sich schon im frühen 19. Jahrhundert finden lassen, kulturindustriellen Aufwind und breitere Öffentlichkeit. Spätestens als Wesley Snipes und Patrick Swayze in dem amerikanischen Remake von »Priscilla, Queen of the Desert« gecastet wurden, war Drag zu einem öffentlichen Phänomen geworden.

In einer der ersten Szenen des Films, »To Wong Foo, Thanks for everything! Julie Newmar« wird auf einem Ball die residierende »beste Dragqueen der USA« begrüßt: eine wunderschöne schwarze Queen mit platinblonden, Locken - gekleidet in eine Südstaatenflagge. Sie wird gespielt von RuPaul Andre Charles, der erfolgreichsten Dragqueen der Welt. Inzwischen verleiht RuPaul im US-Fernsehen selbst eine Krone, die des »Best Drag Superstar«. Ihre Show, »RuPaul’s Drag Race« ist zu einer Institution weit über die LGBT-Szene hinaus geworden. Das Konzept der Serie, die in diesem Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, greift den klassischen Ball auf und konzipiert ihn unter den Prämissen einer Castingshow für ein Fernseh-Publikum: mehrere Dragqueens versuchen die Jury in »Challenges« von sich zu überzeugen, und am Ende einer jeden Folge treten die beiden schwächsten Queens in einem »Lipsync-Battle« gegeneinander an; müssen also zu einem bestimmten Lied performen. Die Queen mit der schwächeren Inszenierung muss die Sendung verlassen. Im Gegenzug zu Model-Castingshows ist »RuPaul’s Drag Race« auf weit mehr fokussiert als den bloßen ästhetischen Faktor. Die Queens müssen ihr »Charisma, Uniqueness, Nerve and Talent«, wie RuPaul vor jeder Challenge verkündet, auf zahlreiche Arten unter Beweis stellen: sei es als Schauspielerin, Schneiderin oder Model.

Was als billig produzierte Serie begann, ist inzwischen für jede Dragqueen in den USA und darüber hinaus zu einem Karriereziel geworden. Nicht nur erhält die Gewinnerin 100 000 Dollar und wird für jeden Challenge-Gewinn mit einem weiteren Preis belohnt, sondern flimmert auch über ungezählte Bildschirme weltweit und kann so ihre eigene Marke wesentlich gezielter aufbauen. Obwohl Drag als Ausdruck queerer Gegenkultur romantisiert wird, müssen die Performerinnen nach wie vor ihren Lebensunterhalt damit verdienen, Nacht für Nacht auf der Bühne zu stehen. Der Kapitalismus macht nun einmal auch vor dem queeren Untergrund nicht halt: jeder Cent, der eingenommen wird, muss sofort wieder in Strass und Schminke investiert werden, und die Rechnungen will man auch noch bezahlen. Da ist es für das eigene Budget durchaus förderlich, aus dem Untergrund aufzustreben, und, selbst wann man nicht zur Gewinnerin seiner Staffel zählt, eine breitere und finanziell lukrative Öffentlichkeit zu gewinnen.

RuPaul hat es geschafft, ein Imperium aufzubauen. So geht sie mit ihrer Show auf Tournee, bei der bereits in der Sendung etablierte Queens vor begeisterten Fans auftreten. Jedoch sind die Stimmen des Publikums nicht einstimmig wohlwollend. Ein Kritikpunkt an der Show ist, dass nach inzwischen neun Staffeln immer noch kein »Big Girl«, also eine dicke Queen den Titel erkämpfen konnte und man somit tradierte Schönheitsnormen auch innerhalb der Dragszene reproduzieren würde. Dies könnte sich in der aktuellen Staffel ändern; mit Eureka O’Hara wird eine dicke Queen bereits jetzt als Finalistin gehandelt. Stellenweise legen die Fans aber auch derart toxisches Verhalten an den Tag, dass sie von Teilnehmerinnen gemaßregelt werden müssen, weil sie einzelne Queens über Social Media attackieren. Anders als in vielen anderen Reality-Serien wird in »Drag Race« trotz des Wettbewerbs immer wieder die »Sisterhood« hochgehalten und sich über gegenseitig Kraft und Trost gespendet wird.

In den letzten Monaten wurde RuPaul auch zunehmend von der Transgender-Community für die Aussage kritisiert, dass er sich nicht vorstellen könne, dass Frauen, seien sie cis- oder transgeschlechtlich, in »RuPaul’s Drag Race« auftreten zu lassen. Drag würde »sein Gespür für Gefahr und Ironie verlieren, wenn es nicht mehr nur von Männern ausgeübt wird«. Gerade genderqueere oder transgeschlechtliche Teilnehmerinnen wie Jinkx Monsoon oder Peppermint, Siegerin und Finalistin ihrer jeweiligen Staffeln, stimmten den Kritikerinnen zu; vor allem angesichts der Tatsache, dass Drag nie nur eine Sache schwuler Männer war. Nichtsdestotrotz ist Drag integraler Bestandteil einer explizit schwulen Identität, die man als solche nicht aufgeben möchte. Wie sich diese Kritik auf die Serie auswirkt, bleibt abzuwarten. Bis dahin heißt es weiterhin: »Gentlemen, start your engines - and may the best woman win!«

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