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Nord-Süd-Beziehungen im grafischen Roman

Prominente Comic-Autorinnen verarbeiten in ihren aktuellen Büchern Begegnungen zwischen Afrika und Europa

  • Von Ralf Hutter
  • Lesedauer: 4 Min.

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Es ist fraglos das wichtigste Comicfestival im deutschsprachigen Raum: der zweijährliche Comic-Salon im fränkischen Erlangen, der dieses Jahr vom 31. Mai bis 3. Juni stattfindet. Unter den für die verschiedenen Preise Nominierten sind mit Birgit Weyhe und Ulli Lust zwei Stars des grafischen Romans. Beide sind mit Werken nominiert, die von Aufeinandertreffen von Menschen aus Europa und Afrika handeln, bei denen sie jeweils mit kulturellen und politischen Elementen der anderen Seite konfrontiert werden. Birgit Weyhe (Jahrgang 1969) ist in diesem Genre etabliert wie sonst niemand in der Comic-Welt. Beim Comic-Salon 2016 gewann sie den Preis für den besten Comic mit ihrem Buch »Madgermanes«, das sich den mosambikanischen Arbeitskräften in der DDR und deren späterem Kampf um Anerkennung (und Rente) widmet. Weyhe hat aber auch ihre Kindheit und Jugend in mehreren ostafrikanischen Ländern verbracht. Daraus machte sie ihr erstes Comicbuch: »Ich weiß«.

Das 2017 von Weyhes aktuellem Verlag »Avant« neu aufgelegte Buch von 2008 versammelt fünf Geschichten, die Autobiografisches und Fiktion vermischen. Weyhe berichtet vom (vor allem kindlichen) Leben und Reisen in Uganda, Kenia, Tansania und auf den Seychellen. Hier schon zeigen sich ihre Markenzeichen bis heute: Die Verwendung afrikanischer Bildkultur und die für einen Comic etwas abgehackte Erzählweise. Weyhe mag es, ihre Panels, wie die Bildrahmen im Comic heißen, mit Symbolik aufzuladen und den jeweiligen Text bildlich umzusetzen. Dadurch ergibt sich eine wenig flüssige Bildsprache, denn ein Panel ist mit dem jeweils vorhergehenden und nachfolgenden nicht unbedingt bildlich verbunden. In den ersten beiden Geschichten von »Ich weiß« enthält jede Seite nur zwei große Panels, was sich kaum noch Comic nennen lässt. Gut les- und anschaubar ist das Ganze trotzdem, weil Weyhes Bildsprache interessant ist und nie von viel Text überlagert wird. Dass oft jedes Panel eine separate Illustration ist, macht Weyhes Bücher sehr reichhaltig.

In dem soeben erschienenen Buch »German Calendar No December«, das beim Comic-Salon nominiert ist, bleibt Weyhe ihrem Stil treu, setzt die Handlung aber flüssiger in Bilder um. Es handelt sich dabei um ein Gemeinschaftswerk mit der nigerianischen Autorin Sylvia Ofili. Erzählt wird die Geschichte eines nigerianischen Mädchens mit deutscher Mutter, das eine harte Internatszeit durchmacht und dann zum Studium nach Hamburg geht. Die Handlung ist an Ofilis eigenes Leben angelehnt, denn die hat einen ungarischen Elternteil. Wie schon in »Madgermanes« greift Birgit Weyhe beim Illustrieren nicht nur auf althergebrachte afrikanische Symbolik zurück, sondern bildet auch viele Alltagsgegenstände groß ab, wie Schallplatten, Bücher und Konsumartikel. Die zentralen Themen des Buches sind der Kampf gegen Ausgrenzung sowie kulturelles Außenseitertum. Die Hauptfigur wird im Internat im Wirtschaftszentrum Lagos geneckt, weil sie einen helleren Hautton hat, aus einer weit entfernten Provinzstadt kommt und eine Leseratte ist. Noch schlimmer allerdings ist das etablierte System des Triezens der jüngeren durch die älteren Schülerinnen. In Deutschland, wo sie nun plötzlich die Dunkelhäutige ist, lernt die junge Frau dann auf eine andere Weise, was es heißt, kulturelle Außenseiterin zu sein. Hier gerät sie zudem in den Konflikt zwischen Staat und Flüchtlingen sowie migrantischem Proletariat. Ob in Lagos oder in Hamburg - »German Calendar No December« widmet sich dem Zusammenhalt der Schwachen.

Um Konflikte geht es auch in Ulli Lusts Buch »Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein.« Die heutige Wahl-Berlinerin aus Österreich schildert darin, wie sie Ende der 1980er eine offene Beziehung mit zwei Männern führte. Einer war Nigerianer, und zu ihm fühlte sich die junge Frau vor allem sexuell hingezogen. Der normalerweise freundliche Typ rastete ihr gegenüber aber immer wieder auf patriarchale Weise aus. Aus Rücksicht auf seine gesellschaftliche Außenseiterposition, und später auf seinen unsicheren Aufenthaltsstatus, wollte ihn die Autorin aber trotz gefährlicher Situationen nicht den Behörden ausliefern.

Lusts Werk birgt die Gefahr der Vorurteilsbestätigung: Ein Macho (mit großem Penis) aus einem Land, wo Frauen Genitalbeschneidung erleiden, verträgt es nicht auf Dauer, dass seine Frau auch einen anderen Mann liebt, und beschimpft und bedroht sie deshalb immer wieder. Das alles kann aber auch mit einem Österreicher passieren. Zumal der Nigerianer erstaunlich positiv auf den zweiten, viel älteren Mann reagierte, zu dem sich die Autorin hingezogen fühlte (mit dem sie allerdings keine sexuelle Beziehung hatte). Einige kulturelle Prägungen arbeitet Lust dennoch heraus. Interessanterweise kam ihr Liebhaber mit ihrer Selbstständigkeit oft nicht gut klar und wollte sie sogar per in ihrem Zimmer verstecktem Gegenstand mit einem Zauber belegen - andererseits schätzte er den Sex mit ihr mehr als mit nigerianischen Frauen. Einige kulturelle Prägungen arbeitet Lust dennoch heraus. Der in Schwarz-Weiß-Rosa gehaltene packende grafische Roman prägt sich aber vor allem wegen seiner vielen großen, quasi pornografischen Sex-Darstellungen ein, mit denen Ulli Lust mutige weibliche Sexualität befördern will.

Birgit Weyhe: Ich weiß, Avant, 240 Seiten, brosch., 22 €. Sylvia Ofili / Birgit Weyhe: German Calendar No December, Avant, 191 Seiten, brosch., 22 €.

Ulli Lust: Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein. Suhkamp, 368 Seiten, brosch., 25 €.

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