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Frieden in Bewegung

Mit 1162 Kilometern Staffellauf gegen den exportierten Tod aus Deutschland

  • Von Hans-Gerd Öfinger, Mannheim
  • Lesedauer: 5 Min.

Es ist ein Staffellauf gegen Rüstungsexporte, der in Stadt und Land ganz besondere Hightech-Produkte aus Deutschland und deren Produzenten anprangert. Produkte, die Menschen weltweit den Tod oder die Verletzung ihrer elementaren Rechte bringen, Millionen in die Flucht treiben und vor allem für Frauen und Kinder das Leben und Überleben zur Hölle machen.

Weil sie sich nicht mehr damit abfinden wollen, dass dieses Land im weltweiten Vergleich drittgrößter Rüstungsexporteur von Kleinwaffen wie Pistolen und Gewehren sowie viertgrößter Rüstungsexporteur von Großwaffensystemen wie Kriegsschiffen, Kampfflugzeugen und Kampfpanzern ist, bewegen sich die Menschen. Marathon- und Halbmarathonläufer, Jogger, Wanderer und Radler sind seit Pfingstmontag in vielen nahtlos ineinander übergehenden Etappen über insgesamt 1162 Kilometer auf dem Weg von Baden-Württemberg nach Berlin.

Ihre Forderungen sind der gemeinsame Nenner der beteiligten Organisationen und Stellen. Diese reichen von einem Stopp der Ausfuhr für Kriegswaffen und Rüstungsgüter an menschenrechtsverletzende und kriegführende Staaten über ein Exportverbot von Kleinwaffen und Munition bis hin zum Stopp staatlicher Bürgschaften und Lizenzvergaben zum Nachbau deutscher Kriegswaffen. Als zentrales Element des Staffellaufs sind die Forderungen in einen durchsichtigen Staffelstab eingerollt, der auf dem Weg nach Berlin oft von Hand zu Hand weitergereicht wird. Die Forderungen sollen in der Bundeshauptstadt am Wochenende politischen Entscheidungsträgern aus dem Wirtschaftsausschuss des Bundestags vorgetragen werden.

Beifall brandet auf, als am Donnerstagabend kurz nach 19 Uhr auf dem Alten Messplatz im nordbadischen Mannheim die schweißgebadeten Läufer mit freudiger, entspannter Miene auf die Zielgerade einbiegen. Sie tragen alle die einheitlichen T-Shirts mit dem Titel und Emblem des zweiwöchigen Laufs und haben gerade die letzte Etappe des Tages vom rund zwölf Kilometer entfernten Städtchen Ladenburg bis zur Zielmarke unweit der Neckarmündung zurückgelegt. Die sportlich-athletischen Friedensläufer werden von den Teilnehmern der abendlichen Kundgebung und örtlichen Akteuren bereits sehnlichst erwartet und rasch mit Wasser und Speisen versorgt.

Mannheim markiert Kilometer 260 und damit knapp ein Viertel der gesamten Strecke. Die Hafenstadt an Rhein und Neckar ist in den kommenden Tagen und Wochen zum Verdruss der Friedensbewegung Umschlagplatz für die Verlegung US-amerikanischer Panzer und Militärfahrzeuge an die polnische Ostgrenze. Die Bundeswehr unterstützt die aufwendige logistische Aktion mit dem Titel »Atlantic Resolve« tatkräftig. Die Kriegsgeräte werden derzeit vom belgischen Seehafen Antwerpen rheinaufwärts verschifft und sollen in Mannheim auf Güterzüge in östlicher Richtung verladen werden. »Durch die Militärtransporte sind zeitweilige Auswirkungen auf den Schienenverkehr nicht auszuschließen«, so eine knappe Mitteilung des regionalen Bundeswehrkommandos in Stuttgart, die für zivile Bahnfahrer unkalkulierbare Verspätungen bedeuten könnte. »Mannheim darf nicht zur Drehscheibe für neue Kriege werden«, fordert ein örtlicher Friedensaktivist.

Eine markante Zwischenetappe am Wochenende war das nordhessische Kassel, eine Hochburg der Panzerproduktion bei Kraus-Maffei Wegmann. Am Dienstag soll der Staffellauf das thüringische Jena erreichen, wo die Jenoptik AG optische Bildstabilisatoren für die Panzer produziert.

Begonnen hatte der lange Marsch nicht zufällig im schwäbischen Oberndorf. Das zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb im oberen Neckartal gelegene und beschaulich wirkende Städtchen gilt mit weltbekannten Firmen wie Heckler&Koch und Rheinmetall (ehemals Mauser) als eine der wichtigsten Rüstungsschmieden der Republik. Direkt gewählter Wahlkreisabgeordneter im Bundestag ist seit Jahrzehnten übrigens Unionsfraktionschef Volker Kauder, den Friedensbewegte nicht ohne Grund für einen hartnäckigen Rüstungslobbyisten und Vorkämpfer für Exportgenehmigungen halten. So lassen neue Meldungen über Zuwendungen von Heckler&Koch an die örtliche CDU aufhorchen.

»Alle 14 Minuten stirbt ein Mensch allein durch Waffen von Heckler&Koch«, so Jürgen Grässlin bei der Auftaktkundgebung in Oberndorf. Mit über 300 Teilnehmern habe die Auftaktveranstaltung am Pfingstmontag deutlich mehr Menschen angezogen als von den Organisatoren erwartet, so Max Weber vom Staffellauf-Trägerkreis gegenüber »nd«. Er schätzt, dass sich bis zum Einlauf auf der Zielgeraden im Berliner Regierungsviertel weit über 2000 Läufer, Jogger und Wanderer auf den einzelnen Etappen bewegt haben werden. Unter ihnen auch ein vollständig erblindeter Friedensaktivist aus Bremen, der sich spontan in Nordhessen eingereiht hatte.

Anders als in Oberndorf ist übrigens bei der Mannheimer Kundgebung auch die örtliche IG Metall hochoffiziell vertreten. Ihr Erster Bevollmächtigter Klaus Stein mahnt in einem Redebeitrag eine klare gewerkschaftliche Haltung zu Frieden und Abrüstung und einen Kurswechsel in der Außenpolitik an. Er bekennt sich zu einem Ausfuhrstopp von Rüstungsgütern in Krisenregionen und zur langfristigen Zielsetzung, »Rüstungsproduktion und Rüstungsexporte ganz abzuschaffen« und die betroffenen Arbeitsplätze durch Umrüstung auf zivile und gesellschaftlich nützliche Güter zu erhalten. Am Stand der Mannheimer IG Metall liegen Beschlüsse der Gewerkschaftsjugend für »Frieden, Abrüstung und Rüstungskonversion« und »Arbeitshilfen für Betriebsräte bei Diversifikationsprojekten« in der Rüstungsindustrie aus.

Dass nicht nur organisierte Friedensbewegte auf den einzelnen Etappen, sondern auch Passanten entlang der Route die Forderungen des Staffellaufs spontan unterstützen und zudem die begleitenden Polizeibeamten und Mitarbeiter der Ordnungsämter im Südwesten sich sehr kooperativ und wohlwollend gezeigt hätten, ist für Max Weber ein ermutigender Hinweis auf die Stimmung im Lande und Rückenwind für die Bewegung. Immer wieder zeigten auch führende Kommunalpolitiker Flagge. Im südbadischen Lahr erfuhren die Läufer aus erster Hand, dass der örtliche Gemeinderat im vergangenen Oktober mehrheitlich die Ansiedlung einer Munitionsfabrik abgelehnt hatte. »Ihr Ziele unterstütze ich«, so Mannheims Bürgermeisterin Ulrike Freundlieb (SPD).

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