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Der unmoralische Sieger

Chris Froome wäre besser gar nicht beim Giro d’Italia angetreten, doch er gewann ihn lieber

  • Von Tom Mustroph, Rom
  • Lesedauer: 4 Min.

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Der 101. Giro d’Italia war ein bemerkenswertes Ereignis. Bereits der Parcours zwischen den antiken Weltstädten Jerusalem und Rom war für die Geschichtsbücher angelegt. Radsport im »Heiligen Land«, welch eine Sache. Wegen der bereitwilligen Hilfestellung für einen Imagegewinn Israels gab es nicht nur vor Ort auch Proteste gegen den Giro. Banner, auf denen Aktivisten ein freies Palästina forderten, waren bis in die Alpen hinein zu sehen - sie wurden aber regelmäßig von der Strecke verbannt, bevor eine Fernsehkamera sie erfassen konnte. Die Beteiligung arabisch finanzierter Teams wies allerdings auch einen anderen Weg in eine Zukunft normalen Miteinanders.

Im Fahrerfeld war sodann ein Profi zu finden, der nach normalem juristischen Ermessen gar nicht darin hätte stecken sollen: Chris Froome, gegen den ein Dopingverfahren anhängig ist. Froome fuhr also im Phantomstatus mit, und am Ende gewann dieses Phantom sogar als erster britischer Girosieger überhaupt. Zudem war es auch der erste Erfolg für den in Italien zuvor oft kläglich scheiternden Renommierrennstall Sky. Das erste Phantom, das einen Giro gewann, war Froome jedoch nicht. 2011 siegte der Spanier Alberto Contador - das rosa Trikot wurde ihm wegen eines Dopingfalls bei der Tour 2010 jedoch nachträglich wieder ausgezogen.

Stand jetzt ist Froome erst mal Sieger des Giro d’Italia 2018. Er musste sich dabei verwandeln, sich neu erfinden. Noch vor dem Startschuss zum Prolog war der Brite gestürzt. Verängstigt schlich er in den ersten Tagen um die Kurven. »Ja, ich hatte durch den Sturz Selbstvertrauen verloren«, gestand er später. Sekunde um Sekunde summierte sich zwei Wochen lang der Rückstand auf die Spitze. Ursachen gab es viele: Schmerzen, zu kurze Regeneration, ungleichmäßige Belastung beider Körperseiten. Vor allem aber fuhr Froome einfach nicht in bester Form.

»Keiner hätte in der zweiten Woche gewettet, dass Froome den Giro noch gewinnt«, sagte Jens Zemke nun in Rom gegenüber »nd«. Der sportliche Leiter freute sich, dass sein deutscher Rennstall Bora mit drei Etappensiegen und zwei Top-Ten-Platzierungen sehr positiv aufgefallenen war. Schließlich sollte das alles aber komplett hinter Froomes epochaler Attacke am Colle delle Finestre verblassen. Sogar dessen Helfer Christian Knees zeigte sich davon etwas überrascht: »Ich glaube, es gibt nicht viele, die sich das trauen.«

Mehr als 80 Kilometer allein, auf Anstiegen, in Abfahrten und kurzen Flachstücken in den Tälern. Bemerkenswert war, dass Froome überall Zeit auf alle Kontrahenten gut machte, 1:40 Minuten am Colle delle Finestre und hoch nach Sestriere, 59 Sekunden in beiden Abfahrten, und 45 Sekunden im Flachen. So aufgesplittert erscheint die Leistung machbar, zumal unter den Verfolgern fast nur Titelverteidiger Tom Dumoulin Nachführarbeit leistete.

Zweifel lösen solche Husarenstücke dennoch aus. Es gibt kaum eine ähnliche Superleistung im Radsport der Neuzeit, die sich nicht Jahre später doch als dopingbeflügelt herausstellen sollte - bei Floyd Landis’ legendärem Ausreißversuch während der Tour de France 2006 war es Testosteron, bei Froomes Teamkollegen Bradley Wiggins spielten von umstrittenen medizinischen Ausnahmegenehmigungen dürftig legalisierte Kortekoide eine große Rolle.

Froome selbst hängt noch immer eine Salbutamol-Affäre an. Dabei bleibt ungeklärt, ob der 33-Jährige das Asthmamittel bei seinem bis dato letzten großen Rundfahrtsieg in Spanien zur Leistungssteigerung nahm. Wegen des schwebenden Verfahrens war er rein rechtlich beim Giro startberechtigt. Moralisch waren Froomes Teilnahme - und erst recht sein Sieg - aber fragwürdig.

Für die sportliche Dramatik des Giro hatte zuvor auch Simon Yates gesorgt, ein neuer Player im Favoritenkreis, der angriff, wenn die Straße nur steil genug nach oben führte, und damit die kalkulierenden Rundfahrer Froome und Dumoulin zwei Wochen lang in die Seile zwang. Vom Typus Kletterer mit Zeitfahrschwächen braucht dieser Sport wieder mehr, auch wenn der 25-jährige Yates in der letzten Woche komplett einbrach. Was von den Ergebnislisten bestehen bleibt, entscheidet ohnehin - wie so oft im modernen Straßenradsport - nicht der Wettkampf, sondern die Antidopingkommission.

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