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Mal Mutter, mal Studentin

Rotem Amiram-Schnack steckt mitten im Masterstudium an der Universität Potsdam und hat zwei Kinder

  • Von Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 7 Min.

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Wechselt permanent die Rollen: die Studentin Rotem Amiram-Schnack, hier mit ihrer Tochter Lilly
Wechselt permanent die Rollen: die Studentin Rotem Amiram-Schnack, hier mit ihrer Tochter Lilly

Im Park die Seminarlektüre vorbereiten, ausgiebig in der Bibliothek stöbern oder am Abend einfach mal mit Kommilitonen auf ein Gläschen zusammensitzen und über den Professor ablästern: Was für die meisten Studierenden ganz selbstverständlich zu ihrem Alltag gehört, ist für Rotem Amiram-Schnack zeitlicher Luxus. »Nach einer Lehrveranstaltung fahre ich sofort nach Hause oder hole die Kinder von der Kita ab. Zeit zum Vor- und Nachbereiten der Kurse bleibt mir da nicht«, sagt Amiram-Schnack und nippt an ihrem Cappuccino. Auf dem Schreibtisch liegen neben dem Laptop mehrere Lehrbücher aufgeschlagen. Auch die Torah ist auf dem Stapel. Daneben sitzt die drei Jahre alte Lilly und spielt mit einem pinken Plastikeinhorn.

Rotem Amiram-Schnack wurde in dem kleinen Städtchen Rechovot in Israel geboren. Derzeit belegt sie im dritten Mastersemester Jüdische Studien an der Universität Potsdam. Zusammen mit ihrem Mann Thies und ihren beiden Kindern, der kleinen Lilly und dem fünf Jahre alten Rami, wohnt die 32-Jährige in Berlin-Kreuzberg.

»Mit der Geburt von Rami hat sich mein Leben komplett verändert«, erzählt Amiram-Schnack. Ende 2012 kam ihr Sohn in Berlin zur Welt. Damals hatte sie schon einen Bachelorabschluss in Hebraistik von der Hebrew University in Jerusalem in der Tasche. Nach Deutschland war die aus einer jüdisch-sephardischen Familie stammende Amiram-Schnack bereits ein Jahr zuvor gekommen. »Der Liebe wegen«, wie die junge Frau mit den pechschwarzen Haaren schmunzelnd sagt. Ihren deutschen Mann Thies lernte sie in einer Jerusalemer Bar kennen, als dieser gerade mit einem deutsch-israelischen Austauschprogramm im Land war.

»Als ich nach Berlin kam, wollte ich unbedingt weiter studieren und meinen Master machen. Ich war hoch motiviert«, sagt Amiram-Schnack. Da die Universität Potsdam eine der renommiertesten Adressen für Jüdische Studien in Europa ist und das Fachgebiet ihren Interessen entsprach, meldete sie sich für das Sommersemester 2014 an. Zuvor hatte sie schon einen Deutschkurs absolviert. Ihr Sohn Rami war damals etwas über ein Jahr alt und konnte in die Kita gehen. Ehemann Thies, von Beruf Journalist, ging in Elternzeit. »Ohne Thies hätte ich es damals nicht gepackt. Er gab mir den nötigen Rückhalt und ermutigte mich, im ersten Semester so viele Kurse zu wählen, wie ich mochte«, sagt Amiram-Schnack.

Das neue Studium machte ihr Spaß, im ersten Semester lernte sie viele nette Kommilitonen kennen und es blieb auch noch genügend Zeit für Sohn und Ehemann. Nach Thies’ Elternzeit war jedoch die freie Kurswahl nach Interessen für sie plötzlich gleich mit vorbei. »Kurse nach 15 Uhr konnte nicht mehr wählen. Ich musste dann von Potsdam schnell mit der Bahn zurück nach Berlin pendeln und mich um Rami kümmern«, erzählt Amiram-Schnack.

Während es im ersten Semester noch irgendwie ging, Kurse, Referate und Hausarbeiten mit dem Familienleben zu dritt unter einen Hut zu bringen, wurde es mit der Geburt von Tochter Lilly im Sommer 2015 so richtig kompliziert. Amiram-Schnack entschied sich dafür, ein Urlaubssemester einzulegen, um sich mit ihrer neuen Rolle als zweifache Mutter vertraut zu machen. Das war eine gute Idee, zumal die Universitäten einer Frau das Urlaubssemester in aller Regel für die Schwangerschaft genehmigen. Die sechs Monate Pause bedeuten in diesem Fall keinerlei studienrelevante Nachteile. Auch die Regelstudienzeit verlängert sich durch ein Urlaubssemester wegen Schwangerschaft nicht.

Das Vorhaben allerdings, während ihres Urlaubssemesters von zu Hause aus einige Seminararbeiten zu schreiben, musste die junge Mutter schnell wieder ad acta legen. »Ich hätte vorher nie gedacht, dass zwei kleine Kinder so viel Arbeit bedeuten. In meinem Urlaubssemester bin ich über die Familienaufgaben hinaus zu rein gar nichts gekommen«, erzählt Amiram-Schnack. Glücklicherweise hatten die Universitätsdozenten aus ihrem Fachbereich Verständnis für ihre schwierige Situation als studierende Mutter mit zwei kleinen Kindern. Die Dozenten nahmen es mit den Abgabefristen für Seminararbeiten und Referate nicht ganz so genau. »Ohne dieses Verständnis und die Unterstützung der Dozenten wäre ich aufgeschmissen. Das ist bis heute enorm wichtig für mich«, sagt Amiram-Schnack.

Nicole Schmidt, eine der Autorinnen der Internetseite www.studieren-mit-kind.org, die Tipps und Informationen rund um das Thema Studieren mit Kind zusammenstellt, kann nur jeder Mutter raten, offen mit den Dozenten und Professoren zu sprechen. Wer »echte Probleme wie Krankheit des Kindes, Schlafmangel usw. als Gründe anführt, kann so oft Unterstützung vom Professor bekommen und die Prüfung nachschreiben oder die Hausarbeit eine Woche später abgeben«, schreibt Schmidt. Wer auf einen unverständigen Dozenten treffen sollte, kann sich Unterstützung bei den Sozialberatungsstellen der Universitäten suchen. Die meisten Universitäten in Deutschland hätten inzwischen eigene Beratungsangebote speziell für Studierende mit Kindern, schreibt Schmidt auf ihrer Internetseite.

Tatsächlich wird das Thema Studieren mit Kind für immer mehr junge Leute relevant. Laut der aktuellen Berliner Sonderauswertung der Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks liegt der Anteil Studierender mit Kind in der Bundeshauptstadt bei neun Prozent. Damit haben mehr als 16 000 Berliner Studierende mindestens ein Kind. Im Bundesdurchschnitt liegt dieser Wert bei sechs Prozent.

Um ein Leben mit Kind und ein erfolgreiches Studium gleichermaßen zu meistern, bieten die Universitäten auch immer mehr Hilfestellungen an. Neben den Beratungsangeboten haben einige Universitäten inzwischen eigene, vom Studienwerk organisierte Kindertagesstätten, die sich nach dem Stundenplan der Studierenden richten, sowie Eltern-Kind-Zimmer mit Betreuung in ihren Einrichtungen.

Zahlen und Fakten

> 6 Prozent aller Studierenden haben laut der jüngsten Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks vom vergangenen Jahr mindestens ein Kind. Studentinnen haben etwas häufiger Kinder als männliche Studenten.

> 55 Prozent der Studierenden, die bereits Eltern sind, haben ein Kind. 32 Prozent haben zwei Kinder, 13 Prozent drei und mehr Kinder.

> Studierende mit Kind sind mehrheitlich verheiratet (59 Prozent gegenüber 3 Prozent der Studierenden ohne Kind) oder leben in einer festen Partnerschaft.

> Fast drei Viertel dieser Studierenden mit Kind haben einen Partner oder eine Partnerin, die erwerbstätig sind – Frauen deutlich häufiger (84 Prozent) als Männer (62 Prozent).

> Fast zehn Prozent der Studierenden mit Kind sind alleinerziehend.

> Studierende im Erststudium mit Kind sind durchschnittlich 35 Jahre alt und damit im Mittel fast 11 Jahre älter die kinderlosen Kommilitonen.

> Bundesweit betreiben 55 Studentenwerke 220 Kindertagesstätten mit gut 8850 Plätzen. nd

Auch an der Universität Potsdam gibt es ein solches, mit Spielsachen und Wickeltisch ausgestattetes Zimmer. Das musste die studierende Mutter Amiram-Schnack aber bislang noch nicht in Anspruch nehmen. »Ich habe großes Glück, dass wir als Familie finanziell momentan nicht darauf angewiesen sind, dass ich neben dem Studium noch arbeite«, sagt sie. Wäre dem so, müsste sie ihren Master wohl oder übel abbrechen, meint die Studentin. Die Doppelbelastung, die das Studium mit Kindern darstelle, sei auch schon ohne Nebenjob gewaltig. Als Mutter habe sie es deutlich schwerer als ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen ohne Kinder, erläutert die junge Frau. »Mir fehlt einfach die Zeit. Und das nicht nur für die Kurse an sich, sondern auch für mich selbst«, sagt Amiram-Schnack. Während die anderen Studierenden sich intensiv mit den für sie interessanten Themen auseinandersetzen und auch mal abends bei Veranstaltungen dabei sei könnten, habe sie ihre Aufgaben als Mutter zu erfüllen. »An einem normalen Tag switche ich permanent zwischen Mama und Studentin«, sagt sie.

Zuweilen falle es ihr schwer, sich für die Uni zu motivieren. Ans Abbrechen denkt die Studentin aber nicht. »Ich will meinen Master in jedem Fall abschließen. Nach dem Abschluss möchte ich gerne als Hebräischlehrerin oder in einer Bibliothek arbeiten.« Dass sie während des Studiums schwanger geworden ist, bereut die junge Frau keineswegs. Sie ist gerne Mutter. Auch als Karrierehindernis sieht sie ihre Entscheidung nicht. »Ich glaube, wer sich mit Kind durchs Studium geschlagen hat, hat schon unter Beweis gestellt, dass er flexibel und multitaskingfähig ist und einigem Druck standhalten kann«, sagt Amiram-Schnack selbstbewusst.

Und noch etwas Gutes hat das Studium mit Kind, findet sie: »Wenn ich dann doch mal eine freie Stunde finde und ein Buch in die Hand nehme, weiß ich jede einzelne Minute der Lektüre wirklich zu schätzen.«

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