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Rechte Hegemonie im Cottbuser Fanblock

Weil der FC Energie viel zu lange viel zu wenig gegen extreme Auswüchse in seiner Fanszene getan hat, wird er das Problem nur sehr schwer wieder los

  • Von Simon Volpers
  • Lesedauer: 4 Min.

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Am 21. Mai hatte Energie Cottbus gerade den brandenburgischen Landespokal gegen den SV Babelsberg gewonnen, als der Cottbuser Trainer Claus-Dieter Wollitz im ersten Siegerinterview schimpfte: »Unsere Fans haben es verdient. Weil die immer in so eine Schublade gesteckt werden, dieser ganze Klub. Vor Wochen, als wir hier gespielt haben, schrieben die über ›braune Soße‹. Das ist so was von respektlos.« Am vergangenen Sonntag ist Energie Cottbus nach den Relegationsspielen gegen Weiche Flensburg in die 3. Liga aufgestiegen. Auf der anschließenden Pressekonferenz feiert die Mannschaft ihren Trainer mit Bierduschen. Wollitz lacht und krakeelt seinem Team hinterher: »Spieler, ihr Zigeuner.«

Pavel Brunßen forscht zu Antiziganismus im Fußball. Er vertritt zu dem Vorfall eine klare Meinung: »Der Gesang ist Ausdruck eines seit Jahrhunderten im kollektiven Bewusstsein eingeschriebenen Ressentiments: Im Antiziganismus ist die Faszination für das vermeintlich ›lustige Zigeunerleben‹ genauso wichtig wie abwertende Zuschreibungen. Mit diesen zwei Seiten derselben Medaille ist Antiziganismus stark anschlussfähig für eine problematische Feierkultur wie in Cottbus – und andernorts.« Am Folgetag entschuldigt sich Wollitz: Man habe niemanden beleidigen oder diskriminieren wollen. Die Prozedur sei in der internen Mannschaftsdynamik entstanden und hätte nicht nach außen dringen dürfen.

Die zwei Auftritte des Trainers stehen symptomatisch für den Status quo beim FC Energie. Auf der einen Seite bemüht sich Cottbus, sein Bild als rechter Wohlfühlklub loszuwerden. Schon vor Monaten entschied sich Energie, eine Stelle für »Vielfalt und Toleranz« im Verein zu schaffen. Im Leitbild des Klubs heißt es, man lehne »Diskriminierung, Rassismus und Gewalt« konsequent ab. Auf der anderen Seite hapert es an der Umsetzung. Einen Gutteil seines rechtsoffenen bis hin zu in neonazistischen Kreisen organisierten Fanklientels scheint der Klub nach wie vor nicht in den Griff zu bekommen. Oder überhaupt bekommen zu wollen, wie mancher Vorwurf lautet.

Auch am Sonntag lieferten einige Energie-Fans wieder entsprechende Bilder. Beim prinzipiell friedlichen Platzsturm im Anschluss an die Partie wurde ein Foto eines Cottbusers aufgenommen, der auf seinem Rücken auch ein Tattoo des verbotenen SS-Totenkopfs und den Schriftzug der in der Szene populären Rechtsrockband »Skrewdriver« trug. Noch mehr Aufsehen erregte das Bild einiger Energie-Anhänger, die auf dem Cottbuser Marktplatz mit Pyrotechnik und Ku-Klux-Klan-Masken posierten. Sie tragen ein Banner mit einem Energie-Logo in passender Optik und der Aufschrift »Aufstieg des Bösen« – Titel einer Filmbiografie über Adolf Hitler. Laut Angaben der Polizei hat der zuständige Staatsschutz inzwischen Ermittlungen eingeleitet.

Den Vorfall in der Innenstadt kann der FC Energie kaum verhindern, den entblößten Neonazi auf dem Rasen nur rausschmeißen, wenn er entdeckt wird. Ankreiden lassen muss sich der Verein aber, viel zu lange viel zu wenig gegen die rechte Hegemonie im Stadion der Freundschaft unternommen und derlei Geschehnisse somit heraufbeschworen zu haben. Der unsägliche Auftritt des eigenen Trainers vor der Presse und seine wiederholten Relativierungen der rechten Umtriebe unter Teilen der Energie-Fans passen da nur allzu gut ins Bild.
Insbesondere gegen Vereine mit politisch linker Anhängerschaft drehten einige Cottbusser Anhänger in der Vergangenheit häufig frei. Die Fans des SV Babelsberg wurden 2016 in der Stadt mit »Juden 03«-Schmierereien in der Stadt der selbst ernannten »Nazihools Energie« begrüßt. Beim Rückspiel in Potsdam vor einem Jahr versuchten vermummte Schläger, im Gästeblock unter antisemitischen Gesängen den Platz zu stürmen. Anfang diesen Jahres tauchten vor dem Cottbuser Spiel gegen Chemie Leipzig gewaltvolle Aufrufe, »Leutzsch wieder deutsch« zu machen, auf.

Die Regelmäßigkeit solcher Ereignisse zieht selbstverständlich ein Publikum an, das mit Fußball nur wenig zu tun hat, sondern dem es vielmehr um Gewalt gegen politische Gegner geht. Aber auch in der Fanszene selbst finden sich Gruppen, die als Neonazi-Gruppen bezeichnet werden können. Dies gilt in erster Linie für »Inferno Cottbus«. Zwar hat sich der Zusammenschluss offiziell aufgelöst – wohl um staatlicher Verfolgung zu entgehen –, aber die Gruppe übt nach wie vor das Gewaltmonopol in der Fanszene aus. Nach Angaben des Verfassungsschutzes war der ehemalige »Inferno«-Vorsänger William P. Mitglied der verbotenen Kameradschaft »Widerstand Südbrandenburg«.

Andere extrem rechte Fangruppen sind etwa die »WK 13 Boys« oder die Ultragruppe »Collettivo Bianco Rosso«. Diese teilte unlängst einen Beitrag der Seite »Fanszene Energie Cottbus« auf Facebook, der eine Attacke auf Antirassisten am Rande eines Spiels herunterspielt. Mitglieder der Initiative »Energiefans gegen Nazis« hatten eine Fahne mit eben dieser Aufschrift im Stadion aufgehängt und wurden anschließend von anderen Cottbuser Anhängern angegangen.

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