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Tabula rasa am Karl-Marx-Platz

Universität Leipzig erinnert an Sprengung der Paulinerkirche vor 50 Jahren

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»Das Ding muss weg«: Mit dieser lakonischen Anweisung soll SED-Generalsekretär Walther Ulbricht das Schicksal der Paulinerkirche in Leipzig besiegelt haben. Der Spruch soll 1960 gefallen sein, als am damaligen Karl-Marx-Platz der Neubau der Oper eingeweiht wurde. Acht Jahre später verschwand »das Ding« tatsächlich: Vor 50 Jahren, am 30. Mai 1968, wurde die Kirche, die damals 728 Jahre alt war, gesprengt. Tags darauf ließ sich in der Leipziger Volkszeitung lernen, was ein Euphemismus ist. »Erste Baufreiheit geschaffen«, titelte das Blatt und erklärte den Lesern, für den »großzügigen Aufbau des Stadtzentrums« seien die »erforderlichen Vorarbeiten« beendet worden.

Womöglich ist die folgenschwere Anweisung des Generalsekretärs eine Legende. Nachweisbar sei sie jedenfalls nicht, sagt die Historikerin Katrin Gurt von der Uni Leipzig. Sie hat gemeinsam mit Studenten anlässlich des Jahrestags untersucht, wie die Stadtbevölkerung auf die Vernichtung der Kirche reagierte, die eine Woche vor der Sprengung in der Stadtverordnetenversammlung bei nur einer Gegenstimme besiegelt worden war - allerdings indirekt: Abgestimmt wurde über eine »Perspektivkonzeption«, die den Neuaufbau des Stadtzentrums bis 1970 ermöglichen sollte. Diese solle in einer »modernen, unserer sozialistischen Gesellschaft würdigen Bauweise« erfolgen, hatte Erich Grützner, Vorsitzender des Rates des Bezirkes, bereits im Mai 1968 in eine Brief geschrieben. Die Konsequenzen für historische Bauwerke waren gravierend: Es bedeute, schrieb Grützner, dass »die gesamte Altbausubstanz beseitigt werden muss«.

Die Kirche wurde also gesprengt, der Schutt in eine Sandgrube am Stadtrand gekippt - trotz aller Versuche, den spätgotischen Sakralbau mit seinem markanten, von einem Rosettenfenster verzierten Giebel zu retten. Gurt berichtet etwa von Theologiestudenten, die versuchten, Stadtverordnete bei Hausbesuchen umzustimmen. Ihr amerikanischer Kollege Andrew Demshuk, der 2017 ein Buch mit dem Titel »Demolition on Karl-Marx-Square« vorlegte, schreibt darin, er habe sich durch »Ordner um Ordner voller Eingaben« gearbeitet. Dieser und weitere Umstände - etwa ein Protestbanner mit der Forderung nach Wiederaufbau der Kirche, das drei Wochen nach der Sprengung beim Bachfest entrollt worden sein soll - führt Demshuk zur These, die Kirchensprengung sei ein »Wendepunkt« in der Beziehung zwischen DDR-Führung und Bevölkerung gewesen.

Ob die Einschätzung tatsächlich zutrifft, dürfte Thema bei einem Kolloquium sein, das am heutigen 50. Jahrestag vom Historischen Seminar der Universität sowie vom Leibnitz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa veranstaltet wird und bei dem Demshuk sein Buch vorstellt. Die jüngsten Leipziger Untersuchungen scheinen ein differenzierteres Bild zu zeichnen. Katrin Gurt berichtet zwar ebenfalls von energischem Widerstand, fügt aber auch an, ein »nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung« sei unwissend gewesen. Manche der befragten Zeitzeugen merkten auch an, man habe in der Stadt damals »tausend andere Probleme« gehabt: marode Häuser, undichte Dächer, »die Taubenplage«. Auch Demshuk betont, die Politik habe damals erfolgreich die Überzeugung verbreitet, die Bausubstanz der Kirche sei nicht mehr zu retten - eine Argumentation, die auch bei den Stadtschlössern von Potsdam und Berlin verfolgt wurde.

Neben dem Kolloquium erinnert die Universität an den Jahrestag mit einem Gedenkgottesdienst. Er findet im Nach-Nachfolgebau der zerstörten Kirche statt: dem so genannten »Paulinum«. Es steht an der Stelle, wo zwischenzeitlich das Zentralgebäude der Leipziger Universität mit dem markanten Karl-Marx-Relief über dem Eingang errichtet worden war. Auch dieses ist mittlerweile Geschichte. Das vom holländischen Architekten Erick van Egeraat entworfene »Paulinum« zitiert am Giebel und im Inneren die historische Kirche, ist aber eine Mischung aus Aula und Gotteshaus. Es hatte im Jahr 2009 zum 600-jährigen Jubiläum der Universität eingeweiht werden sollen, war aber erst Ende 2017 fertig geworden. Das Paulinum, sagte die Leipziger Rektorin Beate Schücking jetzt anlässlich des Jahrestages, halte das »Gedenken an die Universitätskirche wach«. Deren Sprengung, fügt sie an, sei ein »barbarischer Akt der Zerstörung« gewesen.

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