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  • Fotografie zu Steueroasen

Das Paradies ist da, wo das Geld liegt

Die Ausstellung »The Heavens« wirft einen fotografischen Blick auf Steueroasen

  • Von Felix Koltermann
  • Lesedauer: 4 Min.

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Wie sehen Steueroasen aus? Wie übersetzt man einen Geschäftszweig, der von seiner Verschwiegenheit lebt, in fotografische Bilder? Wie visualisiert man ein virtuelles, abstraktes und schwer greifbares Thema? Für die fotografischen Recherchen zu diesen Fragen reisten die beiden italienischen Fotografen Paolo Woods und Gabriele Galimberti zwei Jahre lang um die Welt: von den britischen Jungferninseln bis zur City of London, von den Cayman Inseln über Luxemburg bis in die Niederlande. Erstmals öffentlich gezeigt wurde die Ausstellung auf dem renommierten französischen Dokumentarfotografiefestival »Les Recontres D’Arles« im Sommer 2015. Seitdem reist die Ausstellung um die Welt und ist jetzt in Berlin in der neuen Galerie »f³ - freiraum für fotografie« zu sehen.

Wer an Steueroasen denkt, der denkt meist zuerst an das organisierte Verbrechen, an Geschäftszweige, die zutiefst in der Illegalität verstrickt sind. Aber dies ist nur ein Teil der Wahrheit: Steueroasen sind heute wichtige strukturelle Instrumente der globalisierten Wirtschaft. So wird mehr als die Hälfte des Welthandels über diese Orte abgewickelt und bis zu 32 Billionen US-Dollar werden in Steueroasen versteckt. Das entspricht in etwa dem zehnfachen Bruttoinlandsprodukt der Bundesrepublik Deutschland. Meist legal und unbehelligt von den Finanzbehörden, umgehen so Einzelpersonen und Unternehmen geltende Finanzauflagen und senken ihre Steuerzahlungen. Dadurch entziehen sie der Gesellschaft viele Mittel für Bildung, Gesundheitswesen oder öffentliche Daseinsvorsorge.

Paolo Woods und Gabriele Galimberti finden für das Thema eine Bildsprache, die zwischen Reise- und Werbefotografie changiert. Ihre Bilder sind sehr präzise gestaltet und weisen eine beeindruckende Ästhetik auf. Fotografisch gesehen, findet sich eine Mischung als sorgfältig inszenierten Porträtszenen, bei denen die Individuen ihrer gesellschaftlichen Stellung gemäß in Szene gesetzt werden - wie beispielsweise im Fall von Fiona Wolf, der Lord Mayor der City of London in ihrer Residenz The Mansion House - und eher reportageartigen Aufnahmen aus dem Alltag - wie in einer Strandszene in Panama, die eine Indigene vom Volk der Gruna vor einer Gruppe feiernder junger Menschen zeigt. Unverzichtbar sind dabei die ausführlichen Bildunterschriften, mit denen jedes Bild ausführlich kontextualisiert wird. Die großformatige Präsentation der Fotografien in der Ausstellung verweist darauf, dass sie sich an den Konventionen des Kunstmarktes orientiert.

Wie sehr Woods und Galimberti dabei ihre Geschichten über Stellvertreter erzählen, kann exemplarisch an zwei Bildern aus der Berliner Ausstellung deutlich gemacht werden. Da ist zum einen ein Porträt von Kandra Powery, die mit ihren drei Kindern im Garten hinter ihrer ärmlichen Behausung auf den Cayman-Inseln fotografiert wurde. Nichts am Bild verweist auf das Thema der Ausstellung, und auch die Familie selbst hat mit der Finanzwelt nichts zu tun.

Für die Fotografen steht die Familie jedoch als Symbol für diejenigen, die auf der Verliererseite der Steueroasen stehen und vom im Land mit Briefkastenfirmen generierten Reichtum nichts abbekommen. Ähnlich funktioniert auch ein Porträt der 34-jährigen Philippina Nicole. Sie arbeitet in Singapur als Dienstmädchen und prostituiert sich an ihrem freien Tag in einem Einkaufszentrum, um Geld zu ihrer Familie schicken zu können.

Die beiden Fotografen geben nicht nur den Steueroasen ein Gesicht, sie spielen auf gewisse Art und Weise auch selbst mit und führen damit deren Zweck ad absurdum. So wurde »The Heavens« von ihnen als Limited Liability Company (LLC), der gebräuchlichsten Rechtsform für Briefkastenfirmen zur Steuervermeidung, im amerikanischen Bundesstaat Delaware registriert. Damit ist ihr Unternehmen im selben Büro verzeichnet wie 285 000 andere Unternehmen, darunter Apple, die Bank of America, Coca-Cola, General Electric, Google oder Wal-Mart. Der Untertitel der Ausstellung »Annual Report« verweist darauf, dass sie ihre Ausstellung und vor allem das im Verlag Dewi Lewis Media erschienene Buch zum Projekt als eine Art Jahresbericht ihres fiktiven Unternehmens verstehen.

Die Ausstellung ist die inzwischen sechste in der Galerie »f³ - freiraum für fotografie«. Gestartet wurde die Initiative im Frühjahr 2017 von der Berliner Gesellschaft für Humanistische Fotografie und hat sich seitdem zu einem festen Bestandteil der Berliner Fotoszene entwickelt. Ziel von »f³« ist es, mit fünf bis sechs Ausstellungen pro Jahr der engagierten, auf politisch-soziale Themen fokussierten Autorenfotografie einen Raum zu bieten. Bisher geht dieses Konzept auf. Künstlerische Leiterin ist Katharina Mouratidi, die auch Geschäftsführerin der GFHF ist. Unter ihrer Ägide hat sich die Institution zu einer wichtigen Akteurin für die politische Dokumentarfotografie in Deutschland entwickelt.

»The Heavens - Annual Report«, bis zum 17. Juni im »f³ - freiraum für fotografie«, Waldemarstraße 17, Kreuzberg

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