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Biologie ist mehr als Genetik

Vor 100 Jahren wurde der Verhaltensforscher Günter Tembrock geboren. Von Martin Koch

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Ein Naturwissenschaftler, der heute nach Höherem strebt, kommt kaum umhin, in seiner Vita den Besuch gleich mehrerer Universitäten zu dokumentieren. Mindestens eine davon sollte in den USA gelegen sein, denn das gilt als besonders karrierefördernd und als Beleg dafür, dass man sich mit dem neuesten Stand der Forschung vertraut gemacht hat. Der Zoologe und Verhaltensbiologe Günter Tembrock ist ein Beispiel dafür, dass es auch anders gehen kann. Obwohl er der Universität, an der er studierte, fast 75 Jahre treu blieb, gehörte er stets zu den weltweit führenden Vertretern seines Fachs. Mehr noch. »Tembrock war einer der letzten ›kompletten Biologen‹. Er bestach durch sein Übersichtswissen in allen Teildisziplinen ebenso wie durch seine enorme Kenntnis der Ökologie und des Verhaltens einheimischer Arten«, sagt der Berliner Evolutionsforscher Andreas Wessel, dem es vergönnt war, in den 1990er Jahren bei Tembrock zu studieren. Daran erinnert er sich bis heute gern: »Tembrock verstand es wie kein Zweiter, Studentinnen und Studenten in seinen Vorlesungen mitzureißen und sie für die Beschäftigung mit der Biologie und deren Geschichte zu begeistern.«

Vor 100 Jahren, am 7. Juni 1918, wurde Tembrock als Sohn eines Volksschullehrers in Berlin geboren. Angeregt durch seinen Vater begann er schon früh, Tiere in freier Natur zu beobachten und ihr Verhalten aufzuzeichnen. Nach dem Abitur machte er sein Hobby zum Beruf und nahm am 1. November 1937 an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität (der späteren Humboldt-Universität) ein Studium der Zoologie auf. Als Nebenfächer wählte er Paläontologie und Anthropologie. Vom vermeintlich lustigen Studentenleben hielt er sich indes fern, auch weil dieses, wie er einmal sagte, von den Nazis dominiert gewesen sei.

1941 erwarb Tembrock mit einer Arbeit über die Evolution des Laufkäfers »Carabus ullrichi« den Doktortitel. Da er für den Wehrdienst untauglich war, durfte er bis Kriegsende an der Universität bleiben. Zwar wurde diese erst im Februar 1946 offiziell wiedereröffnet. Doch Tembrock hielt schon Monate vorher in einem notdürftig hergerichteten Hörsaal Zoologie-Vorlesungen für heimgekehrte Frontsoldaten.

1948 gründete er mit Hilfe der Akademie der Wissenschaften die deutschlandweit erste Forschungsstätte für Tierpsychologie bzw. Verhaltensforschung, wie man heute sagen würde. Das ging nicht ohne Widerstände ab. Denn im Osten glaubten damals viele, was der von Stalin persönlich geförderte Landwirt Trofim D. Lyssenko unter Vereinnahmung der Lehren des Physiologen Iwan Pawlow erklärt hatte: Es gibt keine angeborenen Mechanismen des Verhaltens. Wer das Gegenteil behauptete, wurde verdächtigt, reaktionäre bürgerliche Ideologie zu betreiben. »Ich durfte nicht mehr reisen, hatte faktisch keine internationalen Beziehungen mehr«, erzählte Tembrock später. »Ich traf Wissenschaftler aus dem Ausland nur, wenn ich nach Moskau an die Akademie oder an die Universität eingeladen wurde.«

An dieser Stelle machte es sich nachteilig bemerkbar, dass die DDR die Freizügigkeit in der Wissenschaft aus politischen Gründen einschränkte. Viele Forscher wären gern zu ihren Fachkollegen in den Westen gereist, um sich mit ihnen auch persönlich auszutauschen. Doch Tembrock ließ sich nicht entmutigen und verfolgte weiter innovative Forschungsprogramme. Ideen dazu holte er sich häufig aus der internationalen Fachliteratur, die er zeitlebens intensiv studierte.

Für seine Habilitation untersuchte er 1955 das Verhalten des heimischen Rotfuchses, der mitunter zu stereotypen Bewegungen neigt. Was Tembrock zunächst für eine Art tierische Neurose hielt, wurde später als gestörte Organismus-Umwelt-Beziehung interpretiert. Überhaupt bleibt festzuhalten, dass Tembrocks Verständnis für die prägende Kraft der Umwelt ihn davor bewahrte, Verhalten auf Genetik zu reduzieren. Er war damit, wenn man so will, im besten Sinne Dialektiker. Für einige übereifrige Kaderfunktionäre an der Humboldt-Universität zählte das jedoch wenig. Weil Tembrock die politisch-ideologische Arbeit vernachlässige, erklärten sie 1971, sei er für Studenten als Vorbild ungeeignet.

Im Anschluss an Lautuntersuchungen bei Füchsen begründete Tembrock eine neue Disziplin, die Bioakustik, die in der DDR auch praktische Bedeutung erlangte. So wurden etwa die lautlichen Äußerungen von Kälbern und Schweinen mit dem Ziel analysiert, die Haltungsbedingungen in der Massentierhaltung zu verbessern. 1963 hielt Tembrock die weltweit erste Vorlesung zur Bioakustik. Um die dort entwickelten Ideen empirisch zu fundieren, war er regelmäßig mit einem tragbaren Tonbandgerät unterwegs und zeichnete tierische Laute auf. Dabei ist das größte Tierstimmenarchiv Europas entstanden, das heute über 120 000 Aufnahmen umfasst und im Berliner Naturkundemuseum aufbewahrt wird.

Apropos Stimme. Zu Tembrocks großen Leidenschaften gehörte neben der Wissenschaft und den Werken Goethes auch der Gesang von klassischen Liedern und Opernarien. Er besaß sogar einen Berufsausweis als Bariton und hätte damit, wie er sagte, als Sänger auftreten können. Stattdessen moderierte er ab 1984 im DDR-Fernsehen die Sendung »Prof. Tembrocks Rendezvous mit Tieren«. Diese Tätigkeit bescherte ihm den Ruf, der »Grzimek des Ostens« zu sein, obgleich er in biologisch-theoretischer Hinsicht seinem bekannten Westkollegen weit voraus war. Silvester 1990 verabschiedete sich Tembrock letztmalig von seinen Zuschauern. Die ARD übernahm die Sendung nicht.

Ausgehend vom Humboldt’schen Universitätsideal warb Tembrock für kreative Interdisziplinarität und die Synthese von Natur- und Geisteswissenschaften. Daraus ging 1981 das Projekt »Der Mensch als biopsychosoziale Einheit« bzw. die Disziplin Humanontogenetik hervor, an deren Entwicklung er maßgeblichen Anteil hatte. Auch nach seiner Emeritierung fuhr Tembrock fast täglich mit der Straßenbahn in sein Institut in der Berliner Invalidenstraße, um zu forschen, zu lesen, Studierende zu beraten. Und das noch mit 90 Jahren.

Als im November 2007 an der Alma Mater Berolinensis erstmals die Humboldt-Medaille verliehen wurde, fiel die Wahl der Juroren auf Tembrock, der sich auch sonst über mangelnde Ehrungen nicht beklagen konnte. Doch im Gegensatz zu anderen großen Gelehrten, die sich gern im Licht der Öffentlichkeit sonnen, blieb Tembrock bescheiden, ja fast schüchtern im Umgang mit Kollegen und Studenten. Er selbst erklärte einmal: »Ich habe eine außerordentliche Scheu, mich aufzudrängen.« Nach mehrmonatiger Krankheit starb Günter Tembrock am 26. Januar 2011 in Berlin. Er wurde 92 Jahre alt.

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