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Bitte Anstand wahren!

Der Schriftsteller Axel Hacke über einen Begriff, der vielen überholt erscheint.

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Noch vor einigen Jahrzehnten galt Anstand als sittliche Grundhaltung, die sich vor allem in guten Manieren äußerte. Sätze wie »Benimm dich anständig!« oder »Setz dich anständig hin!« gehörten zum täglichen Erziehungsritual vieler Eltern, das häufig dazu diente, Kinder auf eine reibungslose Eingliederung in die Gesellschaft vorzubereiten. Unanständig zu sein, war dagegen verpönt, zumal sich dahinter nicht selten die Sehnsucht nach einem unabhängigen und unangepassten Leben verbarg. Mädchen standen hier unter besonderer Beobachtung. Denn um als »anständig« zu gelten, durften sie vor der Ehe weder Sex haben noch sonstige Intimitäten pflegen. Wer dies trotzdem tat, wurde, wenn es herauskam, sozial geächtet.

Heute ist von solcherart Anstand - zumindest in aufgeklärten Gesellschaften - kaum mehr die Rede. Zu oft sei diese bürgerliche Sekundärtugend in der Geschichte missbraucht worden, um Menschen zu maßregeln und zu disziplinieren, heißt es. Bekanntlich bescheinigte sogar SS-Führer Heinrich Himmler den meisten seiner Männer, dass sie bei der Verrichtung ihres mörderischen Tuns anständig geblieben seien.

Für den Schriftsteller Axel Hacke kommt diese Aussage einer Perversion des Begriffs Anstand gleich. Darüber hinaus bedeutet sie eine Beleidigung all jener Autoren, die wie Erich Kästner, Hans Fallada und Albert Camus Anstand als etwas Erstrebenswertes betrachteten, als eine menschliche Grundhaltung, die auf gegenseitigem Respekt beruht. Selbst in den strengen Benimmregeln schwingt dieses Motiv mit. Und zeugt es nicht von echter Anerkennung, wenn man sagt, jemand sei ein anständiger Mensch?

Dass Hacke jetzt gleich ein ganzes Buch über das Thema Anstand verfasst hat, geschah nicht zufällig. Es war die Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten, die ihn dazu veranlasste: »Wenn ein so niederträchtiger Mensch in eines der wichtigsten Ämter der Welt gewählt wird, dann werden mit Sicherheit Dinge salonfähig, die es nicht sein sollten, Lüge, Niedertracht, Rassismus, um nur ein paar Beispiele zu nennen.« Vielen dürfte noch erinnerlich sein, wie Trump vor einem johlenden Publikum einen körperlich behinderten Journalisten nachäffte. Das mag man als rüpelhaft oder unverschämt bezeichnen. Hacke sieht darin auch ein Anzeichen für den Verlust jeglichen Anstands.

Anstand ist zweifellos ein schillernder Begriff. Mithin sollte jeder, der heute über Anstand redet, zunächst definieren, was er damit meint. Hacke hat dies getan. Er beschreibt Anstand als ein grundsätzliches Gefühl der Solidarität mit anderen Menschen, als ein Streben nach Fairness und Ehrlichkeit in dem Sinn, dass man sich auch dann an Regeln hält, wenn keiner hinguckt.

In den sozialen Medien indes werden die traditionellen Normen des Umgangs miteinander täglich millionenfach verletzt, zumeist unter dem Deckmantel der Anonymität. »Zwar gibt es mittlerweile auch jede Menge Leute, die bei Nennung ihres richtigen Namens so handeln, aber das macht die Sache nicht besser«, schreibt Hacke, der in seinem Buch den Ursachen dieses Phänomens nachspürt. Offenkundig finden viele Menschen die Vorstellung unerträglich, dass auch andere mit ihren Auffassungen ein wenig Recht haben und zur Wahrheitsfindung beitragen könnten. Häufig mündet diese Haltung in eine Art Fanatismus, wie er ansonsten für religiöse Sekten typisch ist. Immer mehr Menschen suchen heute nach einfachen Wahrheiten in einer komplexer werdenden Welt, wollen in geschlossenen Systemen leben, die ihnen Schutz und Sicherheit bieten. Wer nicht zur eigenen Gruppe beziehungsweise Community gehört, wird ausgegrenzt und bekämpft. »Dann gelten plötzlich Werte wie Anstand, Gerechtigkeit, Solidarität nur noch für Gleichgesinnte«, so Hacke.

Als der syrisch-deutsche Künstler Manaf Halbouni im Februar 2017 drei ausrangierte Omnibusse hochkant vor der Dresdner Frauenkirche aufstellte, um an die humanitäre Katastrophe im syrischen Bürgerkrieg zu erinnern, war auf Facebook die Hölle los. Als »erbärmlicher Vollidiot« wurde Halbouni beschimpft, als »rücksichtsloses Stück Scheiße«. Und seinen Anhängern riet man: »Geht heulen - geht sterben!«. Angesprochen auf die sich häufenden Nachrichten über hasserfüllten Populismus in Deutschland erklärte der bekannte Soziologe Oskar Negt wenig später in einem Interview: »Das Ausmaß der Verwahrlosung und der Missachtung des bürgerlichen Anstands in dieser Dimension habe ich tatsächlich nicht für möglich gehalten.«

Wiederholt sich hier ein Stück Geschichte? Kurz vor der Machtübernahme der Nazis, im Jahr 1932, bemerkte Hans Fallada: »Was wir brauchen und wozu wir kommen werden, das ist - über alle Parteien und Ideen weg - eine Front der ›Anständigen‹ im Lande, eine Front der Menschen, die menschlich denken.« Es kam bekanntlich anders. Über Deutschland brach die Barbarei herein, und es wurde Menschen zur Gewohnheit, selbst Freunde und Verwandte zu denunzieren. Nur wenige wagten den Widerstand, die meisten hielten den Nazis bis zuletzt »anstandslos« die Treue.

Es trifft sicherlich zu, dass die Begriffe Anstand und Anständigkeit ein etwas verstaubtes Image haben. Gleichwohl wäre es verfehlt, meint Hacke, deshalb gänzlich auf sie zu verzichten. Denn das hieße, vor den Populisten zu kapitulieren, zu deren strategischen Grundsätzen es seit jeher gehört, Begriffe einfach umzudrehen, ihnen so den eigentlichen Sinn zu rauben und sie für den Kampf gegen Wahrheit und Gerechtigkeit nutzbar zu machen. Mit dieser Auffassung steht Hacke nicht allein, namentlich was den Begriff Anstand angeht. Bereits im August 2015 hatte die NDR-Journalistin Anja Reschke in einem »Tagesthemen«-Kommentar einen »Aufstand der Anständigen« gegen die ausufernde rassistische Hetze im Internet gefordert. Viele Menschen stimmten ihr zu, andere reagierten wie üblich mit Hass und vulgären Beschimpfungen.

Man muss nicht jede politische Einschätzung Hackes teilen. In Summe jedoch hat er mit seinem Plädoyer für mehr Anstand in einer Gesellschaft, in der Menschen täglich verbal aufeinander einprügeln, einen Nerv der Zeit getroffen.

Axel Hacke: Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen. Verlag Antje Kunstmann, 192 S., 18 €

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