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  • Eduard Geyer und die Stasi

Er oder wir

Drei Dynamolegenden fordern, dass Eduard Geyer der Ehrenspielführer-Titel aberkannt wird

  • Von Jirka Grahl
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nun, wenn man das Ganze mal nur aus sportlicher Sicht betrachten will, also so, wie es Sportler und Funktionäre mit DDR-Biografie gelernt haben, könnte Eduard Geyer fast behaupten, er habe aktiv gegen die Stasi gekämpft: Als der heute 73-Jährige Fußballtrainer im Sommer 1989 mit den Spielern der SG Dynamo Dresden den DDR-Meistertitel errang, hatte seine Mannschaft damit eine Serie von zehn Titeln des BFC Dynamo beendet - jenes »Stasiklubs«, der nach dem Willen von Stasi-Chef Erich Mielke am besten jedes Mal Meister im sozialistischen Teil Deutschlands werden sollte. Der Start-Ziel-Sieg 1988/1989, bei dem Dresden an allen 26 Spieltagen die Tabelle anführte, grenzte an Majestätsbeleidigung.

Doch so lustig ist es leider nicht mit Eduard Geyer und der Stasi: Der knorrige Osttrainer, der in der Bundesrepublik als derb-flapsiger Architekt des Lausitzer Fußballwunders Energie Cottbus berühmt wurde, war kein Gegner der Stasi, sondern ihr Zuträger: Geyer, der im Jahr 1989 parallel auch die Nationalmannschaft betreute, hatte zu diesem Gipfelpunkt seiner Karriere schon eine lange Laufbahn als Inoffizieller Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit hinter sich: Eine IM-Verpflichtungserklärung aus dem Jahr 1971 wurde nach der Wende öffentlich.

Schon 1992 berichteten die Medien ausführlich über die IM-Laufbahn des Mannes, der von 1986 bis 1990 die die DDR-Auswahl trainiert hatte. Geyer räumte seine Spitzeltätigkeit ein. Er könne sich »nicht von Schuld freisprechen«, er glaube aber, er habe niemandem geschadet. Seine IM-Karriere habe nach einem Auswärtsspiel in Amsterdam begonnen, als ihm wegen der durchzechten Nacht im westlichen Ausland mit dem Karriereende gedroht worden sei. Beim Bundesligaaufstieg der Cottbuser im Jahr 2000 kam seine IM-Vergangenheit zum zweiten Mal ans Licht. Geyer gab sich sich reumütig wie 1992, als er gegenüber dem »Spiegel« gesagt hatte, es sei »im Nachhinein beschämend«.

Seit Mitte dieser Woche nun ist sein Wirken als »IM Jahn« erneut ein Aufregerthema, nachdem bekannt wurde, dass seine Dresdener Vereinsidol-Kollegen Hans-Jürgen Kreische, Dieter Riedel und Klaus Sammer bereits vor einem halben Jahr beim Zweitligisten den Antrag gestellt haben, Eduard Geyer den Titel Ehrenspielführer abzuerkennen - wegen seiner Stasi-Tätigkeit. Alle drei haben mit Geyer zusammen gespielt und teilweise später als Trainer mit ihm zusammengearbeitet. Ihre Konterfeis hängen allesamt über der Haupttribüne des Dresdner Stadions. Das Trio findet, Geyer habe da nichts zu suchen. »Es geht nicht um uns, sondern darum, wer prädestiniert ist, die Tradition des Vereins zu repräsentieren. Es ist aus unserer Sicht nicht zu vertreten, dass Geyer zum Ehrenspielführer ernannt wurde«, sagte Kreische gegenüber der »Sächsischen Zeitung«: »Entweder das Bild von Geyer wird aus dem Stadion entfernt - oder meins. Ich will nicht neben ihm hängen.« Bis zum Beginn der neuen Saison solle der Verein Geyer den Titel entziehen, fordern die Protestierer, die laut »Dresdner Neuesten Nachrichten« am Freitag ankündigten, ihre Ehrenspielführer-Urkunde zurückzugeben.

Dynamo reagiert verhalten: In einem Statement heißt es, Geyer sei ordnungsgemäß zum Ehrenspielführer ernannt worden, sein jetziger Kritiker Riedel habe die Ernennung »seinerzeit begrüßt«. Für die Wahl der Ehrenspielführer würden ausschließlich »sportliche Kriterien« herangezogen. Auch Geyer verweist im Telefonat mit »nd« auf seine Verdienste: »Die Auszeichnung bekommt man für seine Erfolge als Trainer, als Spieler, als Persönlichkeit. Ich war 23 Jahre lang bei Dynamo, ich bin Pokalsieger und Meister geworden, war drei Jahre Junioren- und fünf Jahre Co-Trainer, unter mir wurde Dynamo Meister und erreichte das Halbfinale des UEFA-Pokals - der größte Vereinserfolg.« Das Ansinnen seiner Ex-Kollegen nennt Geyer »unwürdig«. Er habe versucht, die Ex-Kollegen anzurufen, sei jedoch abgewiesen worden. »Ich bedauere das. Ich hätte zumindest ein Gespräch angemessen gefunden.«

Kreische indes sagt, es gebe nichts mehr zu besprechen, Geyer habe es verpasst, »nach der Wende reinen Tisch« zu machen. Dynamo müsse handeln: »Wenn so jemand die Tradition von Dynamo verkörpert, läuft irgendwas falsch«, sagt Kreische.

Damit allerdings legt der 70-Jährige ebenfalls reichlich Geschichtsvergessenheit an den Tag. Schließlich wimmelte es nur so von IM bei Dynamo Dresden. Oder wie Autor Hanns Leske in seiner profunden »Enzyklopädie des DDR-Fußballs« spöttisch umschreibt: »Die Oberligamannschaft der SGD hätte auch auch als Betriebssportgemeinschaft des Ministeriums für Staatssicherheit auflaufen können. So waren Trainer Geyer, Mannschaftsarzt Dr. Wolfgang Klein, Physiotherapeut Horst Friedel und die Spieler Döschner, Ganzera, Gütschow, Gumz, Ihle, Jakubowski, Kirsten, Lachmann, Lieberam, Lippmann, Matthias Müller, Petersohn, Frank Richter, Rüster, Schade, Andreas Schmidt, Schmuck Trautmann und Weber Inoffizielle Mitarbeiter des MfS (allerdings von unterschiedlicher Qualität).«

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