Werbung

20 Jahre gegen das Finanzkapital

1998 gründete sich in Frankreich das globalisierungskritische Netzwerk Attac

  • Von Bernard Schmid
  • Lesedauer: 3 Min.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

»Kommen Sie herbei, verkleiden Sie sich als Darth Vador - Vertreter profithungriger Mächte. Ruhen Sie sich von den Strapazen auf einem Liegestuhl in einem Steuerparadies aus. Zwischendurch können Sie Konzerten lauschen.« Dies sind nur einige Aspekte der humoristischen Seite der Geburtstagsfeier, die die französische Organisation Attac an diesem Sonnabend zu ihrem zwanzigjährigen Bestehen ausrichtete. Mehrere Hundert Menschen flanierten dabei auf drei Etagen des Kulturzentrums »La Bellevilloise« im Pariser Nordosten.

Eifrig debattiert wurde ebenfalls über aktuelle soziale Auseinandersetzungen. Auf einem Podium diskutierten etwa der Generalsekretär der Gewerkschaft CGT bei der Eisenbahn, Laurent Brun, die frühere Sprecherin des Zusammenschlusses linker Basisgewerkschaften Solidaires, Annick Coupé, und der Generalsekretär einer Hochschulgewerkschaft, Laurent Christofol, über derzeit laufende Arbeitskämpfe und soziale Protestmobilisierungen. Die Soziologin und Urbanistin Anahita Grisoni steuerte ihrerseits Analysen zu den Protesten gegen ökologisch bedenkliche Großprojekte bei, vom verhinderten Flughafen im westfranzösischen Notre-Dame-des-Landes bis zum geplanten Atommüllklo im lothringischen Bure.

Attac Frankreich wurde Anfang Juni 1998 gegründet, infolge eines Aufrufs zu einer Bürgerinitiative zur Kontrolle der Finanzmärkte, den 1997 die Monatszeitung »Le Monde diplomatique«, kurz »Le Monde« veröffentlicht hatte. Damals handelte es sich um eine Reaktion auf die Asienkrise. Der erste Appell griff einen Vorschlag des US-Ökonomen James Tobin auf, der sich für eine Finanztransaktionssteuer auf spekulative Kapitaldeals stark gemacht hatte.

Der schnell wachsende Erfolg der Attac-Bewegung, der auf ihrem Höhepunkt 26 000 Personen angehörten, beschleunigte zugleich die Einsicht, dass die Tobin-Steuer allein keine hinreichende Antwort auf die Ungleichheiten in der Weltwirtschaft bieten könne. Die französische Initiative weitete deswegen bald ihre Themenfelder aus. Zwar blieb die Tobin-Steuer weiterhin zentrales Anliegen. Zusätzlich wurde jedoch unter anderem die Forderung nach vollständiger Schuldenstreichung für die Länder der so genannten Dritten Welt aufgenommen. Auch die Kritik am Abbau sozialstaatlicher Leistungen gehörte frühzeitig zu den Kernthemen.

Die in bürgerlichen Medien gerne als Antiglobalisierungsbewegung bezeichnete Protestwelle rund um internationale Gipfeltreffen der Mächtigen, die 1999 in Seattle begann und 2001 in Genua wohl ihren Höhepunkt erreichte, sowie die ebenfalls 2001 beginnenden Weltsozialforen stärkten Attac zunächst erheblich. Zu Mitte jenes Jahrzehnts geriet Attac jedoch in die Krise. Nach dem Abebben der großen Demonstrationen stellte sich die Frage nach der Strategie. Dabei standen sich zwei Flügel mit unterschiedlichen Positionen gegenüber. Auf der einen Seite wollte eine Strömung überwiegend eine Rückkehr zu einer stärker durch Nationalstaaten »regulierten« Weltwirtschaft propagieren. Diese wurde von dem damaligen Attac-Ehrenvorsitzenden und »Le Monde«-Redakteur Bernard Cassen angeführt, der sich etwa auch für staatliche Migrationskontrolle aussprach. Andere Kräfte hingegen, der auch viele Gewerkschafterinnen anhingen, strebte eher eine weltweite Zusammenarbeit sozialer Bewegungen »von unten« als Gegenstrategie zum internationalen Wirtschaftskrieg in Gestalt der »neoliberalen« Globalisierung an.

2006 kam es zwischen beiden zum Clash. Bei verbandsinternen Vorstandswahlen herrschte zunächst ein Patt, dann wurde der knappe Wahlsieg der Fraktion um Cassen erklärt. Doch es stellte sich heraus, dass das Ergebnis auf Wahlmanipulationen beruhte. Der damalige Spitzenmann der Cassen-Fraktion, der Ökonom Jacques Nikonoff, kehrte daraufhin mit einer Reihe von Anhängern Attac den Rücken. Er leitet heute eine Mikropartei unter dem Namen »Partei der Entglobalisierung« (Pardem), die in ein immer stärker nationalorientiertes Fahrwasser geraten ist, jedoch bedeutungslos geblieben ist. Attac erholte sich von der Spaltung, erlitt jedoch zeitweilig erhebliche Mitgliederverluste. Mittlerweile gehören dem globalisierungskritischen Netzwerk in Frankreich rund 10 000 Mitglieder an, weltweit sind es eigenen Angaben zufolge rund 90 000.

Heute nimmt Attac einen festen Platz an der Seite von Gewerkschaften und sozialen Bewegungen ein und spielt dabei oft die Rolle eines Expertengremiums, da Attac deren Mobilisierungen mit Analysen zu Fiskalpolitik, Steuerungerechtigkeit und Finanzmärkten unterfüttert.

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!

Noch kein Abo?

Jetzt kostenlos testen!

14 Tage das »nd« gratis und unverbindlich als App, digital oder gedruckt.

Kostenlos bestellen