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Kollege Roboter gewinnt immer

Auf dem Börsenparkett werden vermehrt Geldroboter eingesetzt - sie verändern dort den Handel

  • Von Christopher Wimmer
  • Lesedauer: 4 Min.

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Nun scheint die Sorge auch bei den Investmentbankern angekommen zu sein: In einer aktuellen Studie für die Bank Goldman Sachs warnen die Analytiker Charles Himmelberg und James Weldon vor der steigenden Gefahr von plötzlich abfallenden Börsenkursen. Grund für diese Schwankungen der Märkte sei der zunehmende Einsatz computergesteuerten Handels. Algorithmen bestimmen mehr und mehr die Entscheidungen auf dem Börsenparkett.

Wie kein anderer verkörpert der US-Manager Vincent Viola diese Entwicklung, er steht für die Digitalisierung der Finanzindustrie. Mit einem geschätzten Vermögen von rund 1,7 Milliarden US-Dollar ist Viola der Pop-Star im Finanz-Cyberspace und gehört weltweit zu den reichsten Menschen der Geldroboterbranche. Dabei besitzt er selbst kein Produkt und hat auch keine Kund_innen. Doch wer an den Börsen in New York, Tokio, London oder Frankfurt am Main Finanzprodukte kauft, kommt mit Violas Firma Virtu Financial in Berührung – meist ohne es zu wissen.

Profit durch Geschwindigkeit

Mit Violas hochfrequentem Geldroboter wird es möglich, dass Finanztransaktionen von Computern durchgeführt werden – ganz ohne menschliches Zutun. Die Roboter agieren voll-automatisiert und in extrem hoher Frequenz in 36 Ländern weltweit, an 235 Handelsplätzen, mit rund 12.000 verschiedenen Finanzinstrumenten gleichzeitig – und das 24 Stunden täglich, sieben Tage die Woche.

Wie in keinem anderen Bereich ist an den Börsen Zeit Geld: Bis zu vier Aktionen pro Sekunde kann der Computer erledigen. Diese kaum vorstellbare Geschwindigkeit kann kein Mensch erreichen. Die Geldroboter sind aber nicht nur schneller, sie sind auch billiger: Kollege Roboter streikt nicht, er hat keinen Urlaubsanspruch und will kein Weihnachtsgeld. Menschen mit Emotionen sind in der Welt der Algorithmen so nur noch Fehlerquellen.

Die Digitalisierung der Finanzmärkte und der Turbo-Kapitalismus erreichen damit eine neue Stufe, schätzt Martin Ehrenhauser die Entwicklung ein. Von 2009 bis 2014 war der Österreicher Mitglied des Europäischen Parlaments (fraktionslos), jüngst hat er das Buch »Die Geldroboter« veröffentlicht. Darin beschreibt Ehrenhauser die aktuellen Veränderungen auf dem Börsenmarkt. Dort handeln nun komplexe mathematische Formeln und Algorithmen, die in Millisekunden die Finanzmärkte sowie Presseberichte scannen und daraufhin entscheiden, ob Wertpapiere, Aktien oder Fonds gekauft, verkauft oder schon geschlossene Verträge wieder storniert werden sollen.

»Es handelt sich hierbei um Millionen von Codezeilen, die eine Handlungsanleitung bilden. Ähnlich wie ein Kochrezept beschreiben sie, was genau in welcher Situation zu tun ist«, erklärt Ehrenhauser die Funktionsweise dieser Computer. Die Menschen geben im Code lediglich die Parameter ein, die Computer handeln danach selbstständig auf dem Markt – mit dem einzigen Ziel der Profitmaximierung.

Roboter als Krisenprofiteure

So wurde Virtu ein durchschlagender Erfolg für Viola: Jährlich erwirtschaftet er einen Netto-Gewinn von rund 160 Millionen US-Dollar. Innerhalb von sechs Jahren hat die Firma nur an einem einzigen Tag Verlust gemacht. Denn egal ob die Kurse steigen oder fallen, der Roboter macht immer Gewinn.

Der Erfolg von Virtu Financial ist nicht einer konkreten Erneuerung des Börsen- und Finanzmarktes geschuldet. Das Finanzsystem, dessen Grenzen spätestens 2007/08 in der Finanzkrise deutlich sichtbar wurden, wird durch den Hochfrequenzhandel auf die technologische Spitze getrieben. Der Einfluss des automatisierten Hochfrequenzhandels ist riesig: Er kann Kurse manipulieren und Märkte destabilisieren.

Die Geldroboter sind dabei »die großen Krisenprofiteure«, weiß Ehrenhauser. »Als elektronische Market Maker, die in Millisekunden Finanzprodukte kaufen und verkaufen, profitieren gerade sie von den Turbulenzen und der hohen Volatilität an den Finanzmärkten.« Hohe Kursschwankungen führen zu höherem Handelsvolumen und ermöglichen größere Gewinnspannen.

Solche Kursschwankungen gab es zum Beispiel im Zuge der Griechenland-Krise. So zynisch es ist, aber Douglas Cifu, der Geschäftsführer von Virtu Financial sprach davon, wie »hilfreich« die Krise für das Unternehmen gewesen sei. Das erste Quartal 2015, der Höhepunkt der Griechenland-Krise, war somit auch »eines der stärksten in der Geschichte von Virt«, so Cifu.

Die Geldroboter haben auch direkten Einfluss auf die Preise, wie die Wissenschaftler Robert Jarrow und Philip Protter in einer Studie der Cornell und der Columbia University nachgewiesen haben. Der Hochfrequenzhandel trage zu einer »Fehlbewertung der Preise« bei, zum »Nachteil der gewöhnlichen Investoren.«

Eine Regulierung dieser Entwicklungen ist schwierig. »Keine Regierung der Welt hat mittlerweile noch den Überblick über das Gesamtsystem«, so Ehrenhauser in seinem Buch. Violas Maschinen sind »Black Boxes«. Es werde immer schwerer nachzuvollziehen, wie die Algorithmen zu ihren Ergebnissen kommen, da die Prozesse so komplex seien. Der Schnelllebigkeit und Komplexität des Hochfrequenzhandels steht die Langsamkeit demokratischer Entscheidungsfindungsprozesse gegenüber.

Grundsätzlich könnten solche technischen Neuerungen das Leben der Börsenhändler_innen erleichtern. Wenn die Roboter entscheiden, müssen nicht mehr die Händler_innen dauerhaft aktiv sein, parallel telefonieren und auf dem Parkett laut hin- und herrufen. Doch der technische Fortschritt durch Algorithmen muss keinen sozialen Fortschritt bedeuten – gerade dann nicht, wenn er wie beim Hochfrequenzhandel sich jenseits demokratischer Kontrolle bewegt und lediglich der privaten Kapitalakkumulation – auf Kosten ganzer Volkswirtschaften – dient.

Ehrenhauser, Martin: Die Geldroboter. Wie Hochfrequenzmaschinen unser Erspartes einkassieren und Finanzmärkte destabilisieren. Promedia Verlag Wien, 2018 (240 S.)

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