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Freiberufliche Therapeuten am Limit

In einem Brandbrief fordern sie mehr Geld und den Wegfall der Kosten für die Ausbildung

  • Von Siegfried Schmidtke
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Physiotherapeut Heiko Schneider ist 600 Kilometer von Frankfurt am Main nach Berlin geradelt, um an diesem Dienstag einen Brandbrief und die Briefe zahlreicher Kollegen direkt beim Bundesgesundheitsministerium abzugeben. Die Heilmittelerbringer fühlen sich vergessen: Während über die prekäre Situation in der Pflege endlich viel diskutiert wird und Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt sogar ein Sofortprogramm mit 13 000 neuen Stellen in der Altenpflege angekündigt hat, wird über die nicht minder prekäre Lage von Therapeuten nur wenig berichtet.

Das liegt zum einen an der geringeren Zahl der Betroffenen, rund 300 000 sind es schätzungsweise bundesweit. Vielleicht liegt die geringe Aufmerksamkeit aber auch an der sperrigen Bezeichnung »Heilmittelerbringer«, unter der sich nur wenige Menschen etwas vorstellen können. Dabei haben fast alle schon mit einem Vertreter dieser Zunft zu tun gehabt, denn mit dem aus dem Sozialgesetzbuch stammenden Begriff gemeint sind Physiotherapeuten, Logopäden, Ergotherapeuten oder auch medizinische Fußpfleger. Sie arbeiten als selbstständige Unternehmer in eigenen Praxen oder als Angestellte in diesen Praxen, Krankenhäusern, Reha- und Pflegeeinrichtungen. Nach Schätzungen liegt der Anteil der Selbstständigen bei etwa 30 Prozent. Das ergibt rund 100 000 selbstständige Heilmittelerbringer.

Organisiert sind die angestellten Therapeuten in den großen medizinischen Einrichtungen meist bei der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. Angestellte Therapeuten im öffentlichen Dienst kommen auf rund 3000 Euro brutto im Monat; in der Spitze können es 3500 Euro werden.

Die selbstständigen Praxisinhaber und deren Beschäftigte können sich in mehr als einem Dutzend Berufsverbänden und Vereinen organisieren. Was nicht alle tun und was nicht unbedingt die Schlagkraft der Berufsgruppe erhöht und vielleicht auch ein Grund für die - im Vergleich zu den Ärzten - schwache Position der selbstständigen Therapeuten gegenüber den Krankenkassen ist.

Die gesetzlichen Krankenkassen legen die Honorare für die therapeutischen Leistungen fest. Rund 18 Euro bezahlt die Kasse zum Beispiel für 20 Minuten Physiotherapie. Für eine ebenso lange Massage sogar nur 11,80 Euro. Mit diesen Vergütungen arbeiten die Therapeuten »am Limit«.

So jedenfalls beschreibt der Frankfurter Physiotherapeut Schneider in seinem »Brandbrief« die Situation. »Die aktuelle Situation der Physiotherapeuten in Deutschland ist so prekär, dass eine regelmäßige Teilnahme an finanziell kostspieligen Fortbildungen, Bildung von Rücklagen und das Zahlen vernünftiger Gehälter nicht mehr möglich ist. (...) Durchschnittlich 2200 Euro brutto verdient ein Therapeut - viele noch weniger. Immer weniger junge Menschen entscheiden sich aufgrund der schlechten Bezahlung für einen therapeutischen Beruf. Die Folge: Praxen müssen schließen, Patienten bleiben auf der Strecke.«

Der Brandbrief von Heiko Schneider ging bereits im März dieses Jahres an alle Gesundheitspolitiker und alle für den Gesundheitsbereich relevanten Organisationen. Zahlreiche Kollegen solidarisierten sich in Zuschriften mit dem Frankfurter Physiotherapeuten.

Unmut über diese Zustände brachte Ende Mai rund 3000 Therapeuten auf die Straße. In Köln demonstrierten sie für bessere Arbeits- und Vergütungsbedingungen. Thomas Etzmuß vom Verband »Vereinte Therapeuten« formulierte dabei noch einmal die wichtigsten Forderungen: Die Vergütung müsse auf 90 Euro pro Stunde angehoben werden, die Therapeuten sollten einen Sitz im Gemeinsamen Bundesausschuss erhalten, dem obersten Beschlussgremium im Gesundheitswesen. Zudem müssten sie von Bürokratieaufgaben entlastet werden. Das Schulgeld für Auszubildende müsse wegfallen, wie es derzeit auch bei den Lehrlingen in den Pflegeberufen geplant ist. Derzeit müssen die Auszubildenden drei Jahre lang bis zu 700 Euro pro Monat zahlen. Die Heilmittelerbringer fordern, dass stattdessen eine Ausbildungsvergütung gezahlt wird.

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