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Kicken ohne Klimaverbesserung

Bundesregierung steht bei Vorbereitung der Fußball-WM im Abseits

  • Von René Heilig
  • Lesedauer: 3 Min.

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Der Kader steht, am Dienstag nahmen die 23 Spieler der deutschen Fußball-Nationalmannschaft Aufstellung für das offizielle Mannschaftsfoto. Danach begann Trainer Jogi Löw, seinen Mannen den endgültigen Feinschliff zu verpassen. Am 14. Juni, dem Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft sollen sie fit sein, Deutschland will seinen Titel verteidigen und die Spieler sich den fünften Stern an den Trikots sichern.

Dazu, ob das gelingt, will sich Jan Korte nicht äußern. Wohl aber zur politischen Vorbereitung des deutschen WM-Auftritts durch die Bundesregierung. Da kann er kein neues »Sommermärchen« erkennen, denn die Bundesregierung vergibt, so meint der 1. Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestag-Linksfraktion, »wieder einmal eine große Chance das Verhältnis zu Russland zu verbessern«. Anders kann er es nicht deuten, was Michelle Müntefering (SPD), Staatsministerin für Internationale Kulturpolitik, ihm als Antwort auf seine Kleine Anfrage zukommen ließ. Korte wollte wissen, was denn als »erinnerungspolitisches Begleitprogramm« bei der WM in Russland geplant sei. Immerhin jährt sich am 22. Juni - da läuft die Weltmeisterschaft ihrem Höhepunkt entgegen - der 1941 gestartete Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion. Mehr als 27 Millionen Bürger der Sowjetunion sind diesem Vernichtungskrieg zum Opfer gefallen.

Gerade in einer Zeit, da die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland nicht zum Besten stehen, ließen sich doch vor oder während der Weltmeisterschaft Zeichen der Versöhnung und des Willens zur Verständigung setzen, dachte Korte. Doch ernüchternd muss er lesen: »Die Deutsche Botschaft Moskau wird im Rahmen des Projekts der Brandenburgischen Sportjugend in Sotschi einen Kranz in Erinnerung an den Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion niederlegen.« Noch billiger geht es kaum!

Bei der Europameisterschaft, die 2012 in Polen und der Ukraine stattfand, hatte sich der Deutsche Fußballbund samt Mannschaft immerhin noch rechtzeitig besonnen und einen Besuch des Nazi-Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau ins Programm aufgenommen. Dort waren unter der Nazi-Diktatur bis zur Befreiung durch die Rote Armee im Jahr 1944 vermutlich mehr als 1,3 Millionen Juden und andere verfolgte Menschen ermordet worden. Der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und Ligapräsident Reinhard Rauball wurden vom Manager der Nationalmannschaft Oliver Bierhoff, Bundestrainer Joachim Löw, Kapitän Philipp Lahm sowie Miroslav Klose und Lukas Podolski begleitet. Sie wollten »ein Zeichen setzen, dass ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte niemals in Vergessenheit geraten und sich nie wiederholen darf«, sagte Bierhoff damals.

In diesem Sinn besuchte im vergangenen Jahr die komplette zur EM in Polen angereiste deutsche U 21-Nationalmannschaft das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. Man spüre eine »Fassungslosigkeit über das Grauen«, schrieben die jungen Sportler in das Besucherbuch der Gedenkstätte.

Eine Woche vor Eröffnung der Spielserie haben die Themen Korruption, Doping, Ausschreitungen und Spielmanipulation mediale Konjunktur. Zum Teil durchaus berechtigte Vorwürfe gegen die »Putin-Diktatur« und sportliche Boykottempfehlungen machen die Runde. Man darf gespannt sein, welche politischen Signale der aktuelle DFB-Präsident und Ex-Bundestagsabgeordneter der CDU, Reinhard Grindel, in Russland aussendet, nachdem im Vorfeld der WM allerlei Attacken auf das Austragungsland geritten worden sind. Die Völkerverständigung zu fördern, ist, so zeigt ein Blick in die Satzung, durchaus eine wesentliche Aufgabe des Deutschen Fußball-Bundes. Grindels Vorgänger Niersbach hatte bei seinem Besuch in Auschwitz noch die besondere Verantwortung des Fußballs hervorgehoben, gegen das Vergessen und für ein tolerantes, menschliches und vorurteilsfreies Miteinander einzutreten. Er erinnerte an die Worte des einstigen deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: »Wer die Augen vor der Vergangenheit verschließt, wird blind für die Gegenwart.«

Dem kann sich Korte anschließen. Er hätte sich »ein vergleichbares Zeichen gewünscht«, hilfreich wäre, »um das schwierige politische Klima in den Beziehungen zwischen Deutschland und Russland ein wenig zu verbessern«. Doch daran ist offenbar nicht gedacht. Kommentar Seite 4

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